Fragebogen

Johannes Muntwyler, 61, Zirkusdirektor

Inwiefern ist für Sie der Zirkus magisch?

Die Magie kommt mit dem Publikum. Etwa wenn ich jeweils die Manege vor vollen Rängen betrat und die Begeisterung des Publikums spürte. Oder wenn ich am Ende der Vorstellung am Zeltausgang stehe und sich tief berührte Menschen bei mir bedanken. Eine andere Art von Magie hat es für mich, wie wir mit unseren Siebensachen von Ort zu Ort weiterziehen und uns überall zu Hause fühlen. 

Was sieht man vom Trapez aus?

Als junger Artist habe ich aus grosser Höhe genüsslich die teilweise besorgten Gesichter der Zuschauenden beobachtet. Ich dachte, ihre Besorgnis sei Teil des Nervenkitzels. Heute rate ich den Artistinnen und Artisten, lieber eine Matte mehr zu unterlegen, damit das Publikum entspannt zuschauen kann. Es ist nicht wert, sein Leben zu gefährden.

Können Sie Mut und Leichtsinn gut unterscheiden?

Der Grat ist schmal. Im technischen Bereich machen wir nichts Mutiges, denn das wäre Leichtsinn. Bei artistischen Nummern ist Mut ein schlechter Begleiter, es braucht in erster Linie viel Training, Können, Erfahrung und Sicherheit. 

Welche Gräben würden Sie auf dem Hochseil überwinden wollen?

Gesellschaftliche Machtgefälle und politische Gräben.

Was würden Sie zaubern?

Ich würde die Welt wieder in die Fugen zaubern, damit das Leben für alle lebenswert ist.

Wenn die Welt dennoch aus den Fugen geraten ist, was kann der Zirkus bewirken?

Er nimmt die Zuschauenden für einen kurzen Moment mit in eine andere Welt, wo die Seele berührt und genährt wird.

Wann ist eine Clown-Figur lustig?

Wenn sie authentisch ist. Ein Clown oder eine Clownin zu sein, ist eine grosse Begabung. Die Figur ist nicht nur lustig, sondern verfügt im besten Fall über die ganze menschliche Gefühlspalette.

Welche Rolle spielt im Zirkus der Aberglaube?

Früher war er weit verbreitet. Wenn eine Katze von links nach rechts über die Strasse lief, wären viele Zirkus-Menschen nicht weitergefahren, sondern hätten zuerst ein anderes Auto passieren lassen. Ich persönlich habe kein Problem, wenn jemand im Zelt einen Schirm aufspannt. Für viele Zirkusleute war das früher ein schlechtes Omen. Ob das heute immer noch verbreitet ist, kann ich nicht sagen. Ich habe mich immer dagegen gewehrt – nicht zuletzt, weil Aberglaube Menschen unsicher macht.

Was wären Sie geworden, wenn nicht Zirkusdirektor?

Als Kind wollte ich Postautochauffeur zwischen Adelboden und Frutigen werden. Schon vor der Entscheidung meiner Familie, den Zirkus Monti zu gründen, hatte ich mich entschieden, Jongleur zu werden.

Wie wurde der Traum Ihres Vaters zu Ihrem eigenen Traum?

Es war nicht der Traum meines Vaters, der zu meinem geworden ist. Mein Vater liebte schon als Kind den Zirkus und der Clown war für ihn der Grösste. Der Zirkus hat ihn ein Leben lang begleitet. Ich war 15 Jahre alt, als wir unsere ersten Zirkusauftritte im Zirkus Olympia hatten und ich in die Zirkusrealität reingerutscht bin.