Fragebogen

Karin Keller-Sutter, 62, Bundesrätin

Gegen welches Amt würden Sie Ihr jetziges tauschen?

Ich fühle mich wohl, wo ich bin. Ich gestalte gerne und will mich einbringen. Mein Amt für unser Land ausüben zu dürfen, bereitet mir Freude.

Haben Sie als Bundesrätin schon einmal vor einem Gespräch gebetet?

Als Anhängerin der Benediktinerregel ist die Arbeit für mich Gebet. Zentral scheint mir, dass man sich auf eine Situation fokussieren kann. Mit anderen Worten: man soll dort präsent sein, wo man gerade ist, und sich auf sein Gegenüber einlassen.

Was würden Sie Henry Kissinger fragen?

Ich würde ihn fragen, ob er immer noch der Meinung ist, dass die internationale Ordnung stabil sein kann, ohne dass man sie dafür auf moralische Werte abstellt. Oder ob er heute sagen würde: Ich habe mich geirrt, ohne Wertebasis geht es eben doch nicht.

Was ist das grösste Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können?

Ihnen den Raum und die Sicherheit zu geben, um selber denken zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.

Was ist das grösste Geschenk, das Kinder ihren Eltern machen können?

Selber zu denken und Verantwortung zu übernehmen sowie ihnen gegenüber Dankbarkeit zu zeigen für das, was sie erhalten.

Würden Sie neben einer Armutsgrenze eine Reichtumsgrenze sinnvoll finden?

Nein. Wo sollte die auch liegen? Und Reichtum ist ja auch nicht gleich Reichtum: Wer sein Vermögen einsetzt, um etwas zu erschaffen, zum Beispiel in einem Unternehmen oder in einer Stiftung, nützt der ganzen Gesellschaft. Wer es hingegen nur für seine eigenen Bedürfnisse einsetzt, der eher weniger. Deshalb würde ich mir wünschen, dass man die Verantwortung, die materieller Reichtum mit sich bringt, erkennt, ohne dass der Staat eingreifen muss. Im Übrigen hat Reichtum einen abnehmenden Grenznutzen. Mein Bruder sagt jeweils: Man kann nicht zwei Koteletts gleichzeitig essen.

Was würden Sie den Schweizerinnen und Schweizern gerne abnehmen?

Unnötige bürokratische Beschränkungen. Sich möglichst frei entfalten zu können, ist kein Garant für Erfolg und  Glück, aber eine Voraussetzung.

Welche Anerkennung freut Sie am meisten?

Wenn mir Menschen für meine Arbeit danken, manchmal nur mit einem kleinen Zeichen oder einem Wort auf der Strasse. Das gibt mir Kraft.

Auf welchen christlichen Wert würden Sie lieber verzichten?

Es kommt mir keiner in den Sinn. Die christlichen Werte sind eine wichtige Leitschnur für unser Leben.

Wie erkennen Sie einen anständigen Menschen?

Daran, dass er nicht versucht, einem etwas vorzumachen. Da sind wir wieder bei den christlichen Werten: Wahrhaftigkeit.

Inwiefern gibt die Macht der Geschichte der Kirche recht?

In der Kontinuität, Universalität und in der Einheit. Es gibt keine andere Organisation, die so lange und geographisch so raumgreifend wirkungsmächtig war und ist und dennoch zentrifugale Kräfte stets kontrollieren konnte. Das ist eine historische Leistung, auch wenn man sagen muss, dass die Kirche auf diesem Weg nicht alles richtig gemacht hat.