Fragebogen

Karoline Schreiber, 56, Künstlerin

Kommt Kunst von Können?

Nicht, wenn ich an die Kunst des 20. Jahrhunderts denke. Gerade sie ist reich an Positionen, die sich dem Imperativ makelloser Vollendung bewusst verweigern. Das Fehlerhafte, Brüchige und Unabgeschlossene besitzt für mich eine eigene ästhetische Wahrheit. Gleichzeitig bewundere ich die technische Souveränität eines Caravaggio. Vielleicht liegt die Spannung der Kunst gerade darin, dass sie ihre Kraft sowohl aus vollen­deter Beherrschung als auch aus deren bewusster Irritation beziehen kann.

Was kann Kunst?

Ich habe oft darüber nachgedacht während meiner aktuellen Arbeit in einem Untersuchungsgefängnis, wo ich fünf grossflächige Wandbilder gemalt habe. Neben vielem anderen kann Kunst Hoffnung geben und Trost spenden, indem sie Räume eröffnet, in denen wir in andere Welten eintauchen können.

Haben Sie die Gefängnisbilder mit der Absicht gemalt, Trost zu spenden?

Ich habe in meinen Werken einen Hang zu düsteren Themen und finde es spannend, mich mit Abgründen zu beschäftigen und die dunklen Seiten unserer menschlichen Existenz zu zeigen. Mit diesem Ansatz bin ich auch an das Gefängnisprojekt herangegangen. Je länger, je mehr schien mir das aber unpassend. Was weiss ich von den Menschen, die in diesem Gefängnis sind? Tatsache ist, dass Bilder wirken. In einem Gefängnis umso mehr, weil das eine reizarme Umgebung ist. Insofern habe ich da als Künstlerin auch eine Verantwortung gespürt.

Glauben Sie an eine Geistkraft, die inspiriert und vielleicht sogar heilig ist?

Daran glaube ich stark. Bei mir zu Hause hängen viele Werke von anderen Kunstschaffenden. Sie tragen jeden Tag genau diese Kraft in mein Leben. Sie beseelen es und spenden mir Freude. Das ist eine spirituelle Sache.

Schaffen Sie manchmal Kunst nur für sich selbst?

Ja, oft. Meine Skizzenbücher, mit denen ich 2006 begonnen habe, sind aus der reinen Freude am Zeichnen entstanden und dienen mir heute als Bildarchiv, aus dem ich schöpfe.

Wer soll Ihre Kunst nicht anschauen?

Da kommt mir niemand in den Sinn. Die Kunst zieht da keine Grenzen.

Karoline Schreiber bei der Vernissage ihrer Kunstwerke im Gefängnis Pfäffikon ZH.