Veranstaltung zum Thema Missbrauch: Von der Empörung zur Verantwortung

Empörung allein bewirkt keine Veränderung. Drei Jahre nach der Pilotstudie machte eine Veranstaltung in der Paulus-Akademie deutlich, welche konkreten Massnahmen inzwischen ergriffen wurden und dass ein Kulturwandel nur dann stattfindet, wenn Menschen Verantwortung übernehmen.

Zettel mit Ideen hängen an einer Schnur. Darauf steht: Ideen was tun, 2.2.2027, Vorbereitung
Ideensammlung an der Veranstaltung «Wir können etwas tun gegen Missbrauch» in der Paulus Akademie am 23. September 2026.

Im kommenden Februar steht die Veröffentlichung der Hauptstudie bevor. In diesem Zusammenhang fand in der Paulus Akademie in Zürich eine Veranstaltung mit dem Titel «Wir können etwas tun gegen Missbrauch!» statt. Der Anlass wurde in Kooperation zwischen der Paulus Akademie und dem «Forum», dem Magazin der katholischen Kirche im Kanton Zürich, durchgeführt. Den Abend leitete Adrienne Hochuli, Leiterin des Fachbereichs Theologie und Religion der Paulus Akademie. Sie versprach dem Publikum eine Standortbestimmung zur Umsetzung der nationalen Massnahmen sowie Räume für Austausch und gegenseitiges Lernen anhand verschiedener Projekte aus Pfarreien, Missionen und Fachstellen. Veronika Jehle, die den Abend zusammen mit Adrienne Hochuli konzipiert und vorbereitet hatte, fehlte an diesem Abend aus beruflichen Gründen.

Die grosse Empörung nach der Publikation sei wohl nachvollziehbar gewesen, sagte Stefan Loppacher; die Ergebnisse seien jedoch keine Überraschung. Der Leiter der nationalen Dienststelle Missbrauch im kirchlichen Kontext der römisch-katholischen Kirche zeichnete in seinem Vortrag kurz die Geschichte seit den Enthüllungen des Boston Globe in Amerika im Jahr 2002 nach. Dass die Schweiz keine Ausnahme sein würde, habe man wissen können, erklärte der Präventionsexperte.

 Als Meilenstein in der Aufarbeitung hierzulande bezeichnete Stefan Loppacher den Beschluss der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ) und der Ordensvereinigung KOVOS im Jahr 2021. Gemeinsam gaben sie eine Pilotstudie bei der Universität Zürich in Auftrag. Zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Kirche der Schweiz überhaupt hätten diese Institutionen ein gemeinsames Projekt in Angriff genommen. Damit legten sie den Grundstein dafür, dass in der Kirche Engagierte auch regional und lokal zusammenarbeiten und voneinander lernen.

Massnahmen auf nationaler Ebene

Auf nationaler Ebene wurde neben dem Beschluss, die Hauptstudie in Auftrag zu geben, weitere Massnahmen beschlossen und weitgehend umgesetzt: Assessments für angehende Seelsorgerinnen und Seelsorger und Priesteramtskandidaten, eine unabhängige Opferberatung, Standards zur Führung und Archivierung von Personaldossiers, Aufbewahrung von Missbrauchsakten und die Errichtung eines kirchenrechtlichen nationalen Straf- und Disziplinargerichts. Dieses wartet noch auf die Erlaubnis aus dem Vatikan.

Stefan Loppacher steht mit Teilnehmenden um einen Stehtisch.

An einer von vier Themenstationen beantwortete Stefan Loppacher Fragen der Teilnehmenden.

Dass es nicht bei der Empörung geblieben ist, zeigte sich später bei der Veranstaltung in der Paulus-Akademie an vier Themenstationen. Dort informierten Mitarbeitende und kirchlich Engagierte über ihre Projekte nach der Veröffentlichung. Mit ihren Aktionen hatten sie die Schwelle der Empörung überschritten, reflektierten und handelten, wie Stefan Loppacher am Ende seines Vortrags forderte: «Wir müssen über uns, toxische Theologien, Selbstüberhöhung und Machtmissbrauch nachdenken und dann handeln.»

Auf regionaler Ebene sind im Nachgang der Pilotstudie etwa ein Meldesystem für Fehlverhalten im kirchlichen Umfeld sowie eine Sprechstunde für psychische und sexuelle Gesundheit der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entstanden. Synodalratspräsident Raphael Meyer und Frank Ortolf, Bereichsleiter Ökumene, Soziales, Gesundheit der Katholischen Kirche im Kanton Zürich, stellten die Massnahmen vor. Neben den institutionellen Massnahmen der Kantonalkirchen gab es auch viele lokale Aktionen in Pfarreien und Kirchgemeinden.

Umgang mit der Veröffentlichung der Hauptstudie: Vor allem sei es dem Seelsorgeteam wichtig gewesen, alle Ideen ernst zu nehmen und keine Diskussion darüber zu scheuen, berichteten Franz-Othmar Schaad und Manfred Kulla aus von der Pfarrei Bruder Klaus Zürich an der ersten Themenstation. Denn das Entscheidende sei, gemeinsam eine Lösung zu finden. In ihrer Pfarrei bestand diese in einem Mahnmal: eine mit einem schwarzen Tuch verhüllte Stele, darauf eine Kerze, die immer brennt. Daneben steht eine Vase mit einer Blume und eine Karte mit der Aufschrift: «Zur Erinnerung an die unzähligen Opfer sexueller und spiritueller Übergriffe». Ausserdem hatte Manfred Kulla ein Gebet verfasst, das neben der Karte ausliegt. Darin drückt er die Erschütterung über den Skandal aus, bekundet die Verbundenheit mit den Opfern und ermutigt dazu, die eigene Verantwortung wahrzunehmen, um zu einer gerechten Kirche beizutragen. «Wir wollten etwas Bleibendes schaffen, das mahnt und gleichzeitig Hoffnung spendet», sagte Franz-Othmar Schaad. Einen Ort, der immer wieder Anlass zu Diskussionen bietet. Vor allem mit älteren Menschen hätten sie über Missbrauch gesprochen, über die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass auch Priester Täter sein können, berichtete Franz-Othmar Schaad. So manches überhöhte Priesterbild sei angesichts des Mahnmals zerbrochen.

Die im Text beschrieben Stele mit Kerze und Blume ist abgebildet.

Das Mahnmal des Seelsorgeteams in der Kirche der Pfarrei Bruder Klaus Zürich.

Erfahrungen aus der Praxis: Am Pfingstsamstag 2024 machten sich Michaele Madu, Seelsorgerin in St. Benignus in Pfäffikon Zürich, mit zwei Kolleginnen aus dem Pfarreirat auf den Weg zum «Pfäffikermärt». Mit dabei hatten sie einen mobilen Kirchturm, der auf den echten verweisen sollte, an dem seit der Veröffentlichung drei Fahnen mit den Aufschriften «Gerechtigkeit», «Solidarität» und «Glaubwürdigkeit» hängen. «Wir wollten unter die Menschen gehen und uns ihren Fragen und ihrer Kritik stellen», sagte Michaele Madu. Im Gepäck hatten sie den Verhaltenskodex des Bistums Chur sowie Broschüren von Opferberatungsstellen und Betroffenenorganisationen. Michaele Madu erinnert sich gern an die zwei Aktionstage und an die Offenheit der Menschen, die ihnen begegneten.

Michaele Madu, Seelsorgerin in St. Benignus in Pfäffikon Zürich steht an einem Stehtisch an einer der vier Themenstationen in der Paulus Akademie

Michaele Madu, Seelsorgerin in St. Benignus in Pfäffikon Zürich

Kommunikation: Die richtigen Worte und Bilder zum Thema Missbrauch zu finden, ist schwierig, aber dennoch unerlässlich. An dieser Themenstation gab Andrea Müller, Art Director einer Kommunikationsagentur, Hilfestellung bei der Auswahl von Bildern. Sie warnte sowohl vor Klischee-Symbolen als auch vor Szenen reinszenierter Gewalt und Sexualisierung. «Ein Bild von einer Person, die am Boden kauert, kann bei einer betroffenen Person beispielsweise eine Retraumatisierung auslösen oder sie in eine Opferrolle drängen», erklärte Andrea Müller. Als Alternative bieten sich architektonische oder institutionelle Motive an, etwa ein leerer Kirchengang oder ein Kirchenfenster im Gegenlicht. Auch künstlerische Illustrationen oder Bilder von Kunstwerken zum Thema können unter Umständen geeignet sein.

Kommunikation wird auch dann zum Problem, wenn sprachliche Barrieren bestehen. Isabel Vasquez, Nationaldirektorin von Migratio, vertrat die Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz, deren Muttersprache keine der vier Landessprachen ist. Für Betroffene von Missbrauch mit Migrationshintergrund sei es noch schwieriger, als ohnehin sich Hilfe zu holen oder sich Recht zu verschaffen, sagte Isabel Vasquez. An die Präventions- und Kommunikationsfachstellen gerichtet, forderte sie Mehrsprachigkeit als Beitrag zu Schutz, Teilhabe und Vertrauen. Sie betonte jedoch, dass es nicht nur um Übersetzung gehe. Herkunft, kulturelle Erfahrungen, Werte und die Art zu kommunizieren, prägen das Verständnis. «Manchmal braucht es neben der Übersetzung interkulturelle Vermittlung.» Dabei erwiesen sich häufig Anderssprachige, die in zweiter oder dritter Generation in der Schweiz leben, als sehr hilfreich. Wenn die Übersetzung nicht ausreicht, sei die Verwendung einfacher Sprache eine gute Idee, so Isabel Vasquez.

 Fragen und Antworten: An der vierten Themenstation beantworteten Stefan Loppacher und Susanne Rodi, Präventionsbeauftragte im Bistum Chur, Fragen der Teilnehmenden. «Warum haben nicht mehr Personen an diesem Anlass teilgenommen und warum sind die Teilnehmenden überwiegend Frauen?» fragte eine Teilnehmerin. Stefan Loppacher teilte diese Beobachtung, die er auch bei anderen Anlässen zum Thema Missbrauch gemacht habe. Er gab zu bedenken: «Von Kulturwandel können wir nicht sprechen, wir müssen ihn vollziehen. Dazu braucht es Handeln. Damit sich etwas ändert müssen Führungspersonen mit gutem Beispiel vorangehen.» Dass an diesem Abend wenige Führungspersonen anwesend waren, bedauerte der Präventionsexperte sehr.

Aufgehängter Zettel mit einer Idee, die im Text beschrieben ist.

Am Ende der Veranstaltung gab es einen besinnlichen Ausklang – keine Abschlussrede, sondern die Ideen der Teilnehmenden füllten buchstäblich den Raum. Sie hängten im Foyer der Paulus Akademie auf farbigen Zetteln an gespannten Schnüren: «Online-Aktion: Eine Kerze anzünden/ ein Gebet posten», «Eine Minute schweigen vor den Kirchen auf den Strassen, Plätzen… danach eine Stunde Gebet für die Opfer».

Die Veranstaltung zeigte deutlich, dass sich kirchliche Mitarbeitende und Engagierte intensiv mit dem Thema Missbrauch in der Kirche auseinandergesetzt haben. Dennoch ist der viel beschworene Kulturwandel dadurch nicht erreicht. Erst wenn den Worten Taten folgen und Führungspersonen diesbezüglich mit gutem Beispiel vorangehen, wird sich die Kultur im Umgang mit Missbrauch und dessen Vertuschung nachhaltig verändern.

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