Wir können uns nicht einfach entschuldigen, sondern müssen mit der Schuld leben und alles Menschenmögliche unternehmen, um die Risiken für die Missbräuche zu minimieren und deren Vertuschung künftig zu unterbinden», sagte Joseph Maria Bonnemain, Bischof von Chur, an der Medienkonferenz zur Pilotstudie «Sexueller Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche der Schweiz» im September 2023.
Der Schock über das Ausmass des Missbrauchsskandals war gross. Über 1000 Menschen waren seit den 1950er Jahren betroffen von sexuellem Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche. Die Zahlen seien jedoch lediglich die Spitze des Eisbergs, sagten die Forschenden mit Blick auf die Hauptstudie, die im Februar 2027 veröffentlicht wird.
Noch an der Medienkonferenz präsentierte Bischof Bonnemain die Massnahmen, welche die Schweizer Bischofskonferenz, die Römisch-katholische Zentralkonferenz und die Ordensgemeinschaften treffen wollten, um den dringend geforderten Kulturwandel in der Kirche voranzutreiben. Bischof Bonnemain kündigte unter anderem «verschärfte Kontrollen bei der Auswahl von zukünftigen kirchlichen Angestellten» an. Vergangenes Jahr haben die ersten Seelsorgenden in Ausbildung diese Assessments durchlaufen.
Petra Homberger war eine der Absolventinnen. Die 49-Jährige kommt aus Bayern und lebt seit bald 30 Jahren in Davos. Dort arbeitete sie im Personalwesen in der Hotellerie, bevor sie vor sieben Jahren die Ausbildung zur Katechetin und anschliessend das berufsbegleitende Theologiestudium begonnen hat. Diesen Frühling besucht sie noch die letzten Kurse an der Theologischen Hochschule Chur, wo wir uns für das Gespräch über das neu eingeführte Beurteilungsverfahren für angehende Seelsorgende getroffen haben.
Petra Homberger war eine der ersten Theologiestudentinnen im Bistum Chur, die das neue Beurteilungsverfahren absolviert hat.
Petra Homberger / zvg
Nicht alle der ersten 72 Absolventinnen und Absolventen waren erfolgreich. Gründe für nicht bestandene Assessments sind Persönlichkeitsmerkmale, die unvereinbar sind mit dem Seelsorgeberuf. Ein Mensch mit einer stark narzisstischen Persönlichkeitsstruktur etwa sei dafür ungeeignet, sagte Jérôme Endrass gegenüber dem Nachrichtenportal kath.ch. Der Forschungsleiter im Zürcher Justizvollzug leitet die Arbeitsgruppe für Forensische Psychologie an der Uni Konstanz und hat mit seinem Team die Assessments entwickelt und durchgeführt.
Problematisch seien auch sehr misstrauische Menschen oder Persönlichkeiten, die sehr impulsiv reagierten. Menschen, die Macht ausüben wollten, oder Menschen mit rigiden Auffassungen verfügten über Persönlichkeitszüge, die unvereinbar seien mit der Übernahme von Verantwortung für andere, insbesondere vulnerable Menschen.
Der Forensiker lobte die Einführung der Assessments. Damit habe die katholische Kirche in der Schweiz eine Vorreiterrolle im psychosozialen Bereich eingenommen. Die Eignungsabklärung sei nun vergleichbar mit derjenigen der Polizei oder der Armee.
Für die Absolventinnen und Absolventen beginnt das mehrstufige Assessment mit dem Gespräch mit den zuständigen Ausbildungsverantwortlichen. Petra Homberger hat dieses Gespräch mit Daniel Krieg geführt. Er begleitet die Studierenden an der Theologischen Hochschule Chur.
«Als Seelsorgende arbeiten wir
in einem sensiblen Umfeld.
Es ist unerlässlich, dass wir genau
hinschauen.»
Die psychologischen Tests zur Erfassung der Basiskompetenzen musste Petra Homberger online absolvieren. «Natürlich könnte sich da auch jemand anders vor den Computer setzen», sagt die ehemalige Personalfachfrau, «aber das wäre nicht klug, weil es bei den folgenden persönlichen Gesprächen auffliegen würde.» Mehrere Stunden sei sie mit dem Ausfüllen der Online-Fragebogen beschäftigt gewesen. Das seien ausgeklügelte Fragen, deren Antworten sich oft nur wenig unterschieden hätten – und das Ganze passierte unter Zeitdruck.
Nach der Auswertung ihrer Antworten wurde Petra Homberger für die Gespräche nach Zürich aufgeboten. Das persönliche, kompetenzorientierte Gespräch führten zwei Evaluationsexperten – ein Psychiater und ein Theologe. «Sie haben mich einem Stresstest unterzogen», erinnert sich die Absolventin. Die Experten befragten sie zu möglichen Situationen in ihrem beruflichen Umfeld. Dabei ging es um Selbstreflexion, den Umgang mit Konfliktsituationen und um Haltungen – etwa gegenüber anderen Religionen oder anderen sexuellen Orientierungen. Konkreter darf Petra Homberger nicht werden, um die Assessments zu schützen.
Hätte sie Toleranz vorspielen können? «Bei den Gesprächen gefällige Antworten zu geben, wäre schwierig gewesen. Dort, wo ich im Online-Test unsicher war, haben die Experten mehrfach mit verschiedenen Fragen nachgehakt, das habe ich schon gemerkt», erklärt Petra Homberger.
Das Gespräch mit der Forensikerin hat Petra Homberger als besonders spannend in Erinnerung. «Als Seelsorgende arbeiten wir in einem sensiblen Umfeld. Es ist unerlässlich, dass wir genau hinschauen und Fehlverhalten erkennen. Nicht nur bei uns, sondern auch bei den Kolleginnen und Kollegen.»
Die Assessments sollen dazu beitragen, den versprochenen Kulturwandel in der katholischen Kirche zu vollziehen. Dieser verlangt: Alle Mitarbeitenden in der Kirche, unabhängig von ihren Weihen, halten sich an die weltlichen Gesetze und zeigen strafbares Verhalten an. Fehler werden nicht vertuscht, sondern an den richtigen Stellen kommuniziert.
Vreni Peterer, Präsidentin der Betroffenenorganisation «IG-M!kU», kritisierte die Assessments insofern, als die Beurteilung der Ergebnisse und die Entscheidungen über deren Konsequenzen weiterhin innerhalb kirchlicher Strukturen stattfinden. Ausserdem betonte sie, dass die Assessments in ein umfassendes Schutz- und Präventionskonzept eingebettet sein müssten.
Für die Wichtigkeit der Prävention gegen sexuellen Missbrauch stehen die Präventionsbeauftragten der Bistümer, welche die Angestellten in der Kirche schulen. Im Bistum Chur wurde ausserdem der für alle kirchlichen Angestellten verbindliche «Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht» eingeführt. Stefan Loppacher, Leiter der nationalen Dienststelle Missbrauch im kirchlichen Kontext, sagte gegenüber dem Magazin «Christkatholisch»: «Prävention ist eine Permanentleistung. Man kann irgendwann anfangen, aber eine Organisation, die hier weiterkommen will, kann nicht mehr damit aufhören.»
Und was ist mit Petra Hombergers Ergebnissen des Assessments geschehen? Die Ergebnisse gehen zuerst an den Ausbildungsleiter Daniel Krieg, der darauf basierend gemeinsam mit dem Bischof über die Aufnahme der Studierenden entscheidet.
Petra Homberger hat für sie nicht überraschend gute Ergebnisse erhalten. Am Gespräch mit Daniel Krieg hat sie ein Exemplar ausgehändigt bekommen. Daniel Krieg bewahrt die Assessmentberichte unter Verschluss auf. Ausschliesslich er und der Bischof haben Zugang dazu. Angst, dass diese Ergebnisse in falsche Hände kommen, hat Petra Homberger nicht. Ihrem Ausbildungsdossier ist ein Abklärungsnachweis beigelegt, der bezeugt, dass sie das Assessment erfolgreich bestanden hat.
«Es ist wichtig, dass die Assessments
nicht auf das Thema Missbrauch
reduziert werden.»
Um zu verhindern, dass jemand bei nicht bestandenem Assessment es einfach in einer anderen Diözese versucht, gibt es ein schweizweites Verzeichnis, welches das Generalsekretariat der Schweizer Bischofskonferenz führt. Dort können sich Ausbildungsverantwortliche oder Anstellungsbehörden über die Absolvierung erkundigen und erfahren, ob die betreffende Person für den Seelsorgeberuf geeignet ist, ob Zielvereinbarungen getroffen wurden oder ob die Person Risikomerkmale aufweist, die gegen die Ausübung des Berufes sprechen.
Denkbar wäre jedoch der Fall, dass eine Anstellungsbehörde auf die bischöfliche Missio verzichtet und sich nicht nach dem Abklärungsnachweis erkundigt, in diesem Fall entstünde ein Schlupfloch. Diese Möglichkeit bestätigt die Kommunikationsbeauftragte des Bistums Chur, Nicole Büchel.
Der skizzierte Fall zeigt auf, dass es weiterhin auch von Entscheidungen Einzelner abhängt, ob das Kontrollsystem funktioniert. Wie Ausbildungs- und Personalverantwortliche, aber auch Anstellungsbehörden mit den Ergebnissen der Assessments umgehen, ist entscheidend: Nehmen sie die Ergebnisse ernst? Machen sie die richtigen Empfehlungen? Fragen sie bei fehlenden Unterlagen an den richtigen Stellen nach?
Für Petra Homberger wirken die Assessments wie ein Gütesiegel. Nach Bekanntwerden des Ausmasses des Missbrauchsskandals müsse die katholische Kirche aktiv und öffentlichkeitswirksam vorwärtsgehen. «Das ist wichtig, weil mein Berufsstand leidet.» In diesem Jahr ist Petra Homberger die Einzige aus dem Bistum Chur, die an der Theologischen Hochschule in Chur das bischöfliche Studienprogramm abschliesst, um dann in der Seelsorge zu arbeiten.
Zum Schluss sagt die Seelsorgerin: «Ich finde es wichtig, dass die Assessments nicht auf das Thema Missbrauch reduziert werden.» Der Beruf der Seelsorgerin, des Seelsorgers fordere Persönlichkeiten mit stabiler psychischer Verfassung, die in ihrem Alltag etwas aushalten könnten. Ausserdem stünden sie vielfach unter Beobachtung der Öffentlichkeit. Mit Blick auf die Veröffentlichung der Hauptstudie im nächsten Februar sagt Petra Homberger: «Je mehr publik wird, desto besser können wir den Missbrauch aufarbeiten. Das ist eine Chance.»