Zwei Kinder warten im strömenden Regen auf den Bus. An einer gottverlassenen Haltestelle mitten im Wald in stockdunkler Nacht. Der Bus hält. Aber der sehnlichst erwartete Vater steigt nicht aus. Stattdessen türmt sich ein riesiges Ungetüm neben Mei und Satsuki auf. Stumm macht es sich breit. Starrer Blick nach vorn. Das riesige Gebiss fletschend. Bedrohlich, dramatisch, vielleicht sogar tödlich …
Unter der Hand des Animationskünstler Hayao Miyazaki entwickelt sich in der Düsternis des Waldes dann doch kein Drama. Das Gewitter verwandelt sich in Spiel, die Dunkelheit in Geborgenheit. Und das Ungetüm heisst Totoro. Und wo Totoro ist, da ist Urvertrauen.
Die Dynamik dieser Szene aus «Mein Nachbar Totoro» wiederholt sich in Miyazakis Werk seit über vierzig Jahren mit grosser Verlässlichkeit. Der wahrscheinlich bedeutendste Animationskünstler der Filmgeschichte ist auch ein Meister im Unterlaufen von Erwartungen. In allen elf Filmen von 1984 mit «Nausicaä aus dem Tal der Winde» bis 2023 mit «Der Junge und der Reiher» gilt: Das erste Bild, die erste Emotion, die erste Deutung – alles bloss Auftakt für eine wundersame Reise voller Überraschungen und Verwandlungen. Wer auf Bestätigung von Klischees und definitive Urteile hofft, der hofft vergeblich.
Vorsicht gilt auch beim Schmunzeln über die erlösende Komik Totoros. Sie kann dazu verleiten, sich in einem gutmütigen Kinderfilm zu wähnen. Es ist aber kein Kinderkram, den Miyazaki erzählt. Die zehnjährige Satsuki und ihre vierjährige Schwester Mei leben in Angst. In der furchtbaren Angst, ihre Mutter an eine schwere Krankheit zu verlieren.
Hayao Miyazaki: 1941 geborenes Kind, Träumer und Mystiker.
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Diese Angst kennt der 1941 geborene Hayao Miyazaki sehr genau. Seine Mutter Yoshiko erkrankte an Tuberkulose, als er sechs Jahre alt war. Es folgten mehrere Jahre im Spital, danach ebenso lange Pflege der schwerkranken Mutter zu Hause. «Mein Nachbar Totoro» erzählt von dieser Urangst und davon, wie Miyazaki ihr begegnet.
Mei ist auf sich allein gestellt: Im neu bezogenen Haus auf dem Lande, die ältere Schwester in der Schule, der Vater in der Firma, die Mutter im Spital. Anstatt Einsamkeit überkommt Mei allerdings Totoro und mit ihm neue Hoffnung. Diese Hoffnung ist so unberechenbar wie unverfügbar. Wenn Mei ihrer Familie Totoro zeigen will, findet sie ihn nicht. Er ist keine Formel. Er verteilt weder Wunderheilungen noch Unverwundbarkeit. Er zeigt nicht autoritär den richtigen Weg. Totoro ist ein Empfinden, das ebenso tief geht, wie es flüchtig ist. Totoro lässt sich nur glauben.
Als Jugendlicher entdeckte Miyazaki Mangas, ein japanisches Comic-Format, und die stilistisch verwandten Animationsfilme, Animes genannt. Ein Film des Manga- und Anime-Pioniers Osamu Tezuka beeindruckte ihn besonders tief: «Ich habe mich in die Heldin eines Zeichentrickfilms verliebt», gestand Miyazaki später. Dennoch studierte er, der sich selbst damals als nicht sonderlich begabten Zeichner sah, zunächst Politik und Wirtschaft. Erst nach seinem Diplom wurde Miyazaki ab 1963 dennoch zum Zeichner, veröffentlichte eine Manga-Serie und sammelte erste Erfahrungen im Animationsfilm. Unter anderem zeichnete er die Hintergründe für die auch in Europa populäre Trickfilmserie «Heidi» nach Johanna Spyris Klassiker.
Der erste Film, den Miyazaki als Zeichner und Regisseur wirklich eigenständig gestalten konnte, basierte auf seiner eigenen Manga-Serie «Nausicaä aus dem Tal der Winde». Und 1988 wurde «Mein Nachbar Totoro» für Miyazaki wie für seine kurz zuvor gegründete Produktionsfirma «Studio Ghibli» zum grossen Erfolg und zur finanziellen Basis für die Zukunft. Seither ist Totoro für «Studio Ghibli» Emblem. Und gleichzeitig ein Sinnbild für dieses besondere Gefühl von Vertrauen und Hoffnung, das sich am einfachsten mit «Totoro» beschreiben lässt. Jeder Film Miyazakis hat seine Totoro-Momente. Genauso wie jede Geschichte ihr Dunkel kennt: Krieg, Umweltzerstörung, Depression, Trauma, Tod. Miyazaki scheut vor den Abgründen nicht zurück und hält es für besonders gefährlich, sie auszublenden.
Ausschnitt des Plakats zu «Mein Nachbar Totoro».
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Aber in jeder noch so dunklen Dunkelheit steckt ein Totoro. Man muss nur in der Lage sein, ihn wahrzunehmen. Vor allem den ganz Jungen und den ganz Alten traut Miyazaki dies zu. Sie lassen sich von ihren Urängsten nicht dominieren, weil sie entweder zu wenig oder zu viel vom Leben gesehen haben; weil ihnen entweder noch alle Türen offenstehen oder vermeintlich nur noch die eine letzte.
Miyazakis Filme sind tatsächlich Kinderfilme, aber im Geiste der biblischen Prophezeiung. «Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, so werdet ihr nimmermehr ins Himmelreich eingehen.» Wie das Jesuswort richten sich Miyazakis Filme an keine bestimmte Zielgruppe. Sie erzählen von einer Haltung. Und sie sind überzeugt, dass Kinder besonders offen für diese Haltung sind, weil sie noch nicht den Gesetzen des Erfolgs, der Macht und des Gewinns unterworfen sind.
In dieser Haltung erzählt «Das wandelnde Schloss» von einem verzagten Mädchen, das durch einen Fluch in die Hülle einer alten Frau verbannt wird. Ausgerechnet in dieser Gebrechlichkeit entdeckt Sophie jedoch ihre eigentliche Kraft. Weil sie dem Erfolgszwang jugendlicher Schönheit nicht weiter ausgesetzt ist, wird sie zur selbstbewussten Alten.
«Das wandelnde Schloss»: Sophie ist jung und alt zugleich. Ihre Stärke zeigt sich in der Integration all ihrer Wesensmerkmale.
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Keinem Anspruch entzieht sich Miyazaki so entschieden wie dem Entweder-oder. Auch Sophie muss sich nicht für Jugend oder Alter entscheiden, für Schönheit oder Hässlichkeit. Ihr gelingt die Vereinigung der vermeintlichen Widersprüche: Sophie voller Weisheit kehrt in ihren alten Körper zurück, der äusserlich jung ist, und bewahrt sich dabei den jungen Geist der alten Frau. Graue Haare und ein junges Gesicht sind die äusseren Zeichen für diese integrative Verwandlung. Wir sehen im Einen das Andere und im Anderen das Eine.
Damit stösst Miyazaki das Tor zu einer mystischen Spiritualität weit auf. Diese Spiritualität wird von ihm niemals definiert oder erklärt. Miyazaki erzählt von ihr in märchenhaften Reisen. Wobei es gar nicht entscheidend ist, ob nun Sheeta eine verborgene Stadt im Himmel sucht, oder Kiki sich im Alltag der fremden Stadt am Meer durchschlagen muss. Die Reisen Miyazakis gehen immer ins Innere, in eine Seelenwelt, durch die wir verwegen streunen können, ohne dabei verloren zu gehen. Wir wandern durch Bildwelten, die direkt aus Miyazakis Träumen zu stammen scheinen und sich auf faszinierende Weise immer wieder als unsere eigenen Traumwelten entpuppen.
In praktisch jedem Film Miyazakis tauchen Portale auf, die gleichzeitig nach aussen und nach innen führen. Geografisch werden die Grenzen nach Aussen erweitert. Psychisch werden die Grenzen nach innen durchlässig. Auch Mei gelangt durch einen Tunnel aus Pflanzen in eine neue Aussen- und Innenwelt. Sie landet mitten auf dem Bauch Totoros und mitten in ihrem eigenen Urvertrauen. Dieser Durchbruch in andere Welten erscheint allerdings nur auf den ersten Blick wie eine Abkehr von der Realität. Tatsächlich geht es um eine neue Sicht auf die bekannte Welt. Auf eine Welt, in der Mütter krank im Spital liegen und Kinder ihren Verlust fürchten.
Auch Chihiro findet in der magischen Welt hinter einem verlassenen Vergnügungspark ihren eigenen Weg zurück in ein verantwortungsbewusstes Diesseits. Ihre «Reise ins Zauberland» ist die Erzählung einer Reifung. Mahito seinerseits taucht in «Der Junge und der Reiher» unter die Oberfläche, um sich dem Tod seiner Mutter zu stellen. Er entdeckt dabei weder eine Welt, in der Verluste tapfer weggesteckt werden, noch feiert er einen Sieg über den Tod. Wenn Mahito zurückkehrt, bleibt der Tod fremd und wurde doch vertraut. Miyazakis Welten sind Welten, in die verschiedene Welten integriert werden.
«Der Junge und der Reiher»: Das Leben ist, solange es Leben ist, unsicher und schwankend. Lebe es!
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Erstaunlich bleibt dabei, wie viel Haltung und wie wenig Beliebigkeit Miyazaki vermittelt. Er macht Filme, als würde er ganz selbstverständlich vom Weltethos erzählen. Dabei schöpft er visuell und erzählerisch aus allen möglichen Quellen, genauso weitverzweigt und bunt wie die folgende Aufzählung: Hans Christian Andersen, Arnold Böcklin, Astrid Lindgren, Paul Klee, Lewis Carroll, Shintoismus und die Bibel. Über Nausicaä, die sich für das Überleben der Menschheit opfert, hat Miyazaki einmal gesagt: «Ich hatte nicht vor, sie zu einer Jeanne d’Arc zu machen, und wollte jeden religiösen Unterton vermeiden. Aber am Ende wurde aus der Szene dann doch ein religiöses Bild.» Genauso vielfältig sind die Einflüsse in der Musik von Joe Hisaishi, der zu allen elf Filmen den Soundtrack geliefert hat. Auch hier kommen unterschiedlichste Traditionen und Stilrichtungen zusammen. Was sich hier immer wieder aufs Neue ereignet, ist pure Magie: Ob nun erzählerisch, visuell oder akustisch – aus der wilden Vielfalt entsteht ohne ersichtliche Zwängerei etwas unverkennbar Eigenes und gleichzeitig Allgemeingültiges. Miyazaki muss ein universeller Geist sein, der seinerseits Universalität hervorbringt.
«Mein Nachbar Totoro» lieben Kinder auf der ganzen Welt. Und das sicher nicht, weil sich Miyazaki «kindgerecht» zu ihnen herablässt. Kinder jeden Alters lieben Totoro, weil er ihnen schon begegnet ist, bevor ihm Miyazaki einen Namen gegeben hat. Und sie lieben den Film, weil auch sie von Eltern träumen, wie sie Mei und Satsuki haben. Eltern, die keine Sekunde an Totoros Existenz zweifeln, obwohl sie ihn selbst nicht (mehr) sehen können. Und sie lieben Totoro, weil er sie hoffen lässt, dass jedes Zeichen von Menschlichkeit, einmal in diese Welt gesetzt, niemals verloren geht.
Mit Miyazakis Filmen ist es wie mit biblischen Gleichnissen: Wir begreifen ihre Tiefe und Wahrhaftigkeit, noch bevor wir sie erklären können. Uns ist unmittelbar bewusst, dass es Geschichten sind und nicht Geschichtchen. Wahrer als wahr.
Miyazaki ist sich der Komplexität solcher Urgeschichten sehr bewusst. «Wenn wir alles entweder als gut oder böse betrachten, dann werden wir – so glaube ich – die wahre Natur der Dinge nicht erkennen.» Es gibt deshalb bei Miyazaki keine eindeutig bösen Menschen und auch keine eindeutig guten. Das Gut-Böse-Schema findet bei ihm aus Prinzip nicht statt. Aber es gibt zerstörerische Kräfte. Allen voran die Gier, die zu Ausbeutung und Unterdrückung führt, dann zu verheerenden Kriegen, zur Zerstörung der Natur und schlimmstenfalls zur Apokalypse wie in «Nausicaä aus dem Tal der Winde» oder «Prinzessin Mononoke». Weil aber hinter jeder noch so gearteten Grenzenlosigkeit eine neue Grenzenlosigkeit liegt, gibt es selbst in der finstersten Finsternis einen Totoro. Seine Hoffnung entfaltet sich allerdings nicht durch Zuordnung der Schuld, sondern durch Mitgefühl. Mitfühlen, so sagt es Miyazaki, können wir immer, auch wenn wir nicht verstehen. Nächstenliebe ist die alles verändernde Kraft.
Hayao Miyazakis Werke sind Kinderfilme – im Geiste der biblischen Prophezeiung.
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Aber auch diese Hoffnung, die uns Miyazaki selbst in scheinbar aussichtsloser Lage anbietet, ist kein billiges Happy End. Die Rückkehr zum Urvertrauen finden wir nur über die Versöhnung mit uns selbst. Und diese muss von der Erkenntnis getragen sein, dass in allen Menschen auch alle Kräfte wirken, die aufbauenden genauso wie die zerstörerischen. Versöhnung bedeutet auch, dies anzuerkennen. Und deshalb ist Versöhnung bei Miyazaki ein ewiger Prozess. Sinnbildlich dafür versuchen seine Figuren immer wieder auf schwankendem oder schwebendem Untergrund die Balance zu halten. Allen bleibt die Möglichkeit zur Verwandlung, den vermeintlich Guten genauso wie den vermeintlich Bösen.
Immer wieder hat Miyazaki seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft verkündet. Und immer wieder hat er sein Gelübde zu unserem Glück gebrochen. Zum letzten Mal 2023 mit «Der Junge und der Reiher». Diese Seelenreise ist so leise und innig und gleichzeitig so visionär und kraftvoll, dass sie ein mehr als würdiger Schlusspunkt wäre. Aber wer den 82-jährigen Meister in der Dokumentation «Hayao Miyazaki und der Reiher» bei der Arbeit sieht, der ahnt auch, wie viel Totoro in diesem Mann von einem Kind noch immer steckt.
Miyazaki strahlt nicht die Aura des alles beherrschenden Genies aus, wenn er an seinem Zeichentisch bei «Studio Ghibli» sitzt. Er zweifelt, hadert, grübelt und wird manchmal auch trotzig. Aber wie er im hohen Alter immer noch ebenso verspielt wie hartnäckig nach Bildern für seine Träume sucht, das lässt hoffen, dass die letzte Tür in eine weitere Miyazaki-Welt noch offen ist. – Von Weitem erklingt Joe Hisaishis «Tonari No Totoro». Das Lied gibt uns zu verstehen: Du musst dich nicht für sanfte Wehmut oder draufgängerische Lebensfreude entscheiden. Bei Totoro kommt beides zusammen.
Thomas Binotto
— Hayao Miyazakis spirituelle Welt
Thomas Binotto führt an seinem neuen Arbeitsort in das Werk Miyazakis ein.
Freitag, 18. September 2026
19.00–21.00 Uhr
www.jenseitsimviadukt.ch
zvg
— Hayao Miyazaki Collection 1984–2023
Die Filme von Hayao Miyazaki sind zum Sehen da. Mit dem unverstellten Blick eines wahren Kindes.
Auf Blu-Ray (auch einzeln) und im Streaming bei Netflix.
zvg
— A Symphonic Celebration
«Hauskomponist» Joe Hisaishi hat einen musikalischen Querschnitt durch alle Filme neu aufgenommen. Bezaubernd!
Royal Philharmonic Orchestra Deutsche Grammophon,
Vinyl, CD, Streaming