Was war dir in 26 Jahren beim Forum wichtig
Der permanente Gwunder. Mir ist im Laufe der Jahre immer klarer geworden, dass mich Fragen mehr interessieren als Antworten. Jede Antwort führt bei mir zu einer neuen Frage. Und schön ist: Im Wort Gwunder steckt «Wunder» – während sich in «neugierig» lediglich die Gier verbirgt.
Zum Abschluss bringst du uns den japanischen Anime-Regisseur Hayao Miyazaki näher. Warum?
Die erste Reaktion wird auch hier sein: Was hat das im Forum zu suchen? Genau das finde ich gut, denn es ist eine gwundrige Frage. Ich liebe überraschende Zugänge und Blickwinkel. Beispielsweise: Kinder lieben Miyazakis Filme – aber seine Werke sind keine «Kinderfilme». Mich reizt die Vielschichtigkeit, die in die Tiefe führt.
In welche Tiefe?
In der Kirche wird gern und mit viel Pathos von der Allgegenwart Gottes gesprochen – nur um sie dann doch ganz eng im Altarraum zu verorten. Wenn es diese Allgegenwart wirklich geben sollte, dann wäre Gott doch überall! Diese Gegenwart liesse sich also auch in den Geschichten von Hayao Miyazaki entdecken. Das heisst nun aber nicht, ihn christlich vereinnahmen zu wollen. Werte, für die das Christentum steht, sind universell. Das ist für mich etwas vom Beglückendsten, was der Glaube mir bietet: Mich im Fremden unvermutet geborgen zu fühlen.
«Gott in allen Dingen finden», sagt der heilige Ignatius. Ist das die Überzeugung dahinter?
Ja. Ich bin vor allem geprägt von Meister Eckhart und der mittelalterlichen Mystik. Es geht mir um das «Entdecken»: Eine Decke wird weggezogen und etwas Neues wird sichtbar. Allerdings nicht, damit ich es in Besitz nehmen kann. Das Entdeckte bleibt unverfügbar.
Wie beschreibst du deine journalistische Haltung?
Das Wichtigste, das mir das Christentum gibt, ist das Gebot der Nächstenliebe. Und ich bin überzeugt, dass dieses Gebot auch beim Machen des Forums entscheidend ist. Klar: Kritischer Journalismus entsteht durch Nachfragen. Aber für mich ist das kein Selbstzweck, es muss vor dem Hintergrund der Nächstenliebe geschehen. Wenn es um Frauen und die Ämterfrage oder um den Umgang mit Menschen verschiedener sexueller Orientierung geht – da empfinde ich die Haltung unserer Kirche als Verstoss gegen die Nächstenliebe. Punkt. Und deshalb muss ich dann kritisch berichten. Allerdings habe ich mit Kritik allein nichts gewonnen. Die verändernde Kraft ist die Nächstenliebe – auch im Umgang mit jenen, die es anders sehen als ich.
Was nimmst du aus deiner Zeit beim Forum mit?
Eine grosse Dankbarkeit, für den Ort, an dem ich unglaublich viel ausprobieren und entdecken konnte. Es ist so vieles möglich gewesen, auch dank dem Interesse und der Offenheit unserer Leserinnen und Leser. Sie haben meinen Gwunder immer weiter angetrieben, weil ich gemerkt habe: viele gehen mit.
Gibt es auch etwas, das du dir anders gewünscht hättest?
Es wird unter Berufskatholikinnen und -katholiken viel über Organisation, Struktur und Selbstdarstellung diskutiert. Den inhaltlichen Gwunder hingegen habe ich selten gespürt. Wahrscheinlich habe ich aber auch zu wenig nachgefragt.
Hayao Miyazaki hat sich immer wieder zurückgezogen – um dann doch wieder einen weiteren Film zu machen. Könnte das mit dir und dem journalistischen Arbeiten ebenso kommen?
Das wird auf jeden Fall so sein. In meiner Arbeit als Freischaffender werde ich weiterhin schreiben. Die Arbeit mit Sprache gehört zu meinem Leben! Ausserdem stehe ich gemeinsam mit einer meiner Töchter am Anfang eines Buchprojekts, eines Bilderbuchs. Vermissen werde ich sicher das Gestalten eines Magazins. Den Prozess, in dem visuell, inhaltlich und formal alles zusammenkommt – den liebe ich sehr.
Thomas Binotto
hat Philosophie studiert und ist seit über dreissig Jahren unter anderem als Filmkritiker und in der Filmbildung tätig.