«Gemeinsam gestalten macht Freude»

Kirchenpflegen stehen zunehmend vor grossen Herausforderungen: von schwindenden Finanzen bis zu Personalmangel. Strategieexperte Hans Hollenstein plädiert in seinem kürzlich publizierten Leitfaden für eine gemeinsame Vision. Sie ist der Schlüssel, damit Kirchenpflegende nicht nur verwalten, sondern die Zukunft der Kirche gestalten.

Hans Hollenstein an der Buchvernissage, im Hintergrund sind Stiche zu sehen
Hans Hollenstein anlässlich der Buchvernissage in Zürich

Wer sollte sich Ihr Buch «Strategieentwicklung für Kirchgemeinden» kaufen?

Hans Hollenstein: Kirchenbehördenmitglieder und Seelsorgende aller Hierarchiestufen.

Was hat Sie zum Schreiben dieses Leitfadens veranlasst?

Mir ist wichtig gemeinsam zu gestalten, statt zu verwalten. Ich durfte verschiedene Nonprofitorganisationen leiten. Wie diese Organisationen bietet auch eine Kirchgemeinde Dienstleistungen an und hat Aufgaben in den Bereichen Personal, Finanzen, Immobilien und sie muss kommunizieren. Allerdings handelt es sich um eine spezielle Dienstleistung: Die Kirchgemeinde bringt die Botschaft Christi unter die Menschen. Ich habe den Strategieprozess behutsam auf die Situation der Kirche angepasst, auch mit Unterstützung von Theologen. Als Kirchenpflegepräsident wollte ich gemeinsam und zielorientiert führen wie in den Nonprofitorganisationen. Dieser Leitfaden hilft dabei.

Was ist das Erste, das eine neu gewählte Kirchenpflege machen muss?

Es ist wichtig, dass die Mitglieder zuerst eine grundlegende Stossrichtung definieren. Jede einzelne Kirchenpflegesitzung wird einfacher, wenn es Legislaturziele gibt. Aber davor müssen sie sich darüber verständigen, welche Bilder von Kirche sie im Kopf haben. Zum guten Glück lassen sich sehr verschiedene Menschen mit verschiedenen Wertvorstellungen und Kirchenbildern in die Kirchenpflege wählen.

Wie sollen sie mit dieser Verschiedenheit umgehen?

Die Kirchenpflegenden sollten sich am Anfang der Legislatur Zeit für eine Klausur nehmen, um gemeinsam mit dem Pfarrer und den Seelsorgenden ihre Werte, Normen und Vorstellungen von Kirche zu diskutieren; am besten moderiert von einer aussenstehenden Person. Und dazwischen sollten sie gemeinsam Kaffee trinken und eine Glacé essen. Teambildung ist wichtig.

Was, wenn sie nicht übereinkommen?

Die Kirchen sind vielfältig und haben Platz für viele verschiedene Meinungen. Das ist im Bundesrat oder Gemeinderat nicht anders. Da kommen Menschen verschiedener politischer Ausrichtung in die Exekutive und müssen sich zusammenraufen. Dieses Zusammenraufen am Anfang ist wichtig, um nicht in jeder Sitzung immer wieder Grundsatzdiskussionen führen zu müssen. Das ist die Chance Schweiz: dass wir miteinander tolerant eine konsensuale Lösung suchen.

Cover «Strategieentwicklung für Kirchgemeinden»

erschienen 2026
im TVZ Verlag
ISBN 978-3-290-20273-6

Aus der Buchbeschreibung:
«In allen kirchlichen Bereichen ist eine mittel- und längerfristige Planung unverzichtbar. Dieser Leitfaden hilft Kirchgemeinden und Pfarreien, eine Strategie zu entwickeln, die breit abgestützt ist und von allen mitgetragen wird.
In gut verständlichen Schritten zeigt der Autor auf, wie sich erprobte Methoden der Strategieentwicklung im kirchlichen Kontext anwenden lassen.»

In der Schweiz haben wir eine Doppelstruktur: die staatskirchenrechtliche Seite der Kirchenpflege und die kirchliche, pastorale Seite. Welche Erfahrungen haben sie damit gemacht?

Es ist sehr anspruchsvoll im sogenannten dualen System zu leiten. Nirgends sonst war für mich die Anforderung in der Führung grösser. Das duale System macht die Führung aber auch faszinierend. Für mich ist das duale System von allen schlechten Systemen immer noch das Beste. Ich kenne kein besseres. Es ist wichtig, dass die Zuständigkeiten im dualen System respektiert werden.

Wie werden bei den Strategieüberlegungen die Kirchgemeindemitglieder eingebunden?

Auf dem synodalen Weg. Es gibt in meinem Leitfaden verschiedene Vorschläge, Interessierte einzubinden, die beratend mitwirken können.

Porträt von Hans Hollenstein

Zur Person: Hans Hollenstein

Hans Hollenstein, Dr. rer. pol., studierte Betriebswirtschaft, Psychologie und Soziologie. Als Exekutivmitglied in der Stadt Winterthur und im Kanton Zürich war er zuständig für Sicherheit, Umwelt, Finanzen und Soziales. Er leitete eine Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit und als Präsident die Katholische Kirchenpflege Winterthur.

Finden sich noch genug Menschen, die in der Kirchenpflege mitarbeiten wollen?

In der Politik stehen die Leute Schlange, um Kantonsrat oder Nationalrätin zu werden. Um die Kirchenpflege hingegen machen sie häufig einen Bogen. Es ist hilfreich, wenn die amtierenden Kirchenpflegenden sich schon während ihrer Amtszeit Gedanken machen, wer für das Amt geeignet sein könnte. Dann ist es wichtig, die möglichen Kandidaten mehrfach anzufragen. Die Besten sagen immer zuerst nein, das ist meine Erfahrung. Ich würde zwei Jahre vor der Wahl mit Rekrutieren anfangen. Ausserdem müssen wir die Kirchenpflegen attraktiver machen. Die Kandidatinnen müssen gut eingeführt werden und sie sollen nach Bedarf Weiterbildungen besuchen können. Wie in den Firmen die Kader gepflegt werden, müssen in der Kirche die Kirchenpflegen auch gepflegt werden.

Wie fit müssen die Kirchenpflegenden sein?

Ein Kirchenpflegepräsident kann im Idealfall etwa so viel wie eine Schulleiterin oder ein Abteilungsleiter in einer Firma. Sozialkompetenz und Sitzungsführung sind zentral und das Wissen darüber, wie ein korrekter Antrag geschrieben wird. Die Präsidentinnen und Präsidenten müssen aus einer bunten Gruppe ein Team bilden können.

Welche Expertise braucht es in den Ressorts der Kirchenpflege?

Es braucht fachliche Expertise für die Ressorts. Ideal ist, wenn wir für das Ressort Immobilien einen Architekten oder eine Bauführerin finden. Für die Finanzen brauchen wir eine Treuhänderin. Diese Personen lassen sich finden. Aber die Suche braucht Netzwerk und Zeit.

Welches sind die grössten Herausforderungen für die Kirchenpflegen?

Die koordinierte Führung mit der kirchlichen Seite. Ausserdem werden wir in Zukunft weniger Seelsorgende haben und weniger Mittel. Darum ist es wichtig, dass wir nicht jammern, sondern uns mit einer gemeinsamen Strategie diesen Herausforderungen stellen. Der beste Motivator ist, miteinander Erfolge zu erzielen. Gemeinsam gestalten, macht Freude.

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