Es gibt Menschen mit Lernschwierigkeiten. Ich gehöre dazu.» Das sagt Christoph Linggi. Vor zwölf Jahren hat er seine Lernschwäche noch versteckt: «Ich hätte nie in einem Restaurant über meine Behinderung geredet. Heute ist es für mich selbstverständlich.» Er zeigt auf ein bemaltes Blatt Papier: Wollfäden, zu einer mehrfarbigen Schnur verknüpft, sind in Schlaufen aufgeklebt. Wie ein Fluss, der durch die Landschaft mäandriert. Das Bild ist an einem Weekend der Behindertenseelsorge zum Thema «Lebenswege» entstanden. «Es gibt verschiedene Arten von Wegen», heisst es dazu in der Ausschreibung, die in einfacher Sprache gehalten ist: «Zum Beispiel: Um•wege, Irr•wege, Sack•gassen. Wie gehen wir unseren Lebens•weg? Mutig? Entschlossen? Vorsichtig?»
Christoph Linggi war an diesem Wochenende dabei. Er nimmt regelmässig an den Anlässen der Behindertenseelsorge teil. «Für mich ist das sehr wichtig», sagt er. «Das Team der Behindertenseelsorge ist für uns da, ich kann mit ihnen über Gott und die Welt reden. Wenn es sie nicht gäbe, wüsste ich nicht, wo ich etwas hätte, das mir Halt gibt.» Er ist stolzes Gründungsmitglied des Selbsthilfe-Vereins «Mensch zuerst» und sagt: «Es ist wie bei einer Torte. Der Mensch ist die ganze Torte. Die Behinderung ist ein kleines Stück davon. Heute sage ich zu meiner Behinderung: sie ist meine Freundin.» Und fügt augenzwinkernd an: «Ich habe aber auch eine richtige Freundin!»
Das «Lebenswege»-Wochenende hat Ingrid Dettling geleitet. Die Seelsorgerin und Tanzpädagogin liebt die kreative Arbeit mit Menschen. «Die Bilder mit den mehrfarbigen Wollfäden entstanden aus der Überlegung: Was haben wir für Stärken? Was gibt uns Kraft? Wo waren helle Momente, wo Dornen auf unserem Lebensweg?» Alles gehört zum Leben. Die Hintergrundfarben auf den Bildern unterstreichen es, von Dunkelviolett bis Hellgrün oder Blau. Auch die goldene Farbe kommt vor. Manche haben sie gewählt, um Momente der Gotteserfahrung auszudrücken. Zum Schluss seien alle Bilder aufgehängt worden: «Es war ein feierlicher Moment. Zu leiser Musik betrachteten wir die Bilder, ohne sie zu beurteilen. Es wurde deutlich: Jeder Weg ist anders. Es gibt nicht gut oder schlecht. Jedes Bild ist – wie wir alle – einzigartig.»
Die Behindertenseelsorge gibt es seit 54 Jahren. Stellenleiter Igor Lukenda fand Tauf- und Erstkommunionsurkunden aus dieser Zeit: «Man hat an einem separaten Ort gefeiert. Es bestanden Ängste, Menschen mit Behinderungen in den Gemeindegottesdienst zu integrieren.» Es waren erste Versuche, um Menschen mit Behinderung den Zugang zu den Sakramenten zu ermöglichen. Hans Brügger, damals Direktor der Caritas, habe das Bedürfnis nach seelsorgerlicher Begleitung für Menschen mit Behinderung wahrgenommen und eine entsprechende Abteilung bei der Caritas eingerichtet. Später hat er diese herausgelöst und als eigenständige «Behindertenseelsorge» etabliert. Heute sei der Hauptauftrag der Behindertenseelsorge, Brücken zu bauen zwischen Pfarreien und Menschen mit Behinderung, damit sie als Teil der Pfarreigemeinschaft leben können, betont Igor Lukenda. Konkret begleitet die Behindertenseelsorge Umbauten, damit Massnahmen zur Barrierefreiheit umgesetzt werden. Oder sie unterstützt Katechetinnen und Katecheten im Religionsunterricht, wenn Kinder mit Behinderungen in die Klassen integriert sind. Regelmässig werden zudem «Mitenand-Gottesdienste» für Menschen mit und ohne Behinderung gefeiert.
Teilhabe bedeutet nicht Anpassung,
sondern dass sich das System verändert.
Bei allen Aktivitäten und Projekten der Behindertenseelsorge sind die «Expertinnen und Experten in eigener Sache» wesentlich: «In der Fachkommission, die unsere Arbeit begleitet, unsere Programme auf ihre Tauglichkeit prüft und Ideen gibt, sind selbstverständlich auch Menschen mit verschiedenen Behinderungsarten dabei», sagt Igor Lukenda. Zu ihnen gehören Christoph Linggi und Roland Gruber, den ich im Hauptbahnhof treffe. Er ist unterwegs nach Horgen, wo er im Religionsunterricht eine Klasse erleben lässt, wie Menschen mit einer Sehbehinderung das Leben meistern. Roland Gruber zeigt seinen Material-Koffer: Ein Buch in Brailleschrift, eine Augenbinde und –besonders beliebt – eine Blindenschrift-Schreibmaschine, mit der er allen Jugendlichen ihren Vornamen auf ein goldenes Papier schreiben wird. «Wir erleben viel Sympathie von den Jugendlichen, sie nehmen sehr gut auf, was unsere Herausforderungen sind. Ich komme immer zufrieden zurück», sagt Roland Gruber. Herausforderungen begegnen ihm ganz woanders: die vielen Menschen im Hauptbahnhof, die mit Kopfhörern im Ohr und dem Handy in der Hand auf den taktil-visuellen Leitlinien stehen bleiben – den weissen Streifen auf dem Boden – und selbst wenn man sie antippt, nicht merken, dass sie zur Seite gehen sollten. Oder die Trottis, die quer über dem Boden liegen.
Roland Gruber setzt sich für einen möglichst barrierefreien öffentlichen Verkehr ein.
Manuela Matt
Mit seinen 15 Prozent Sehkraft hat auch Roland Gruber hin und wieder versucht, seine Behinderung zu verstecken – damals, als er noch Jugendlicher war. Dann, zu Beginn seines Studiums, stand er dazu: «Das hat zwar schon Mut gebraucht. Es hat aber manche peinliche Situation, die hätte passieren können, im Vornherein geklärt. Und von Anfang an haben mir meine Kommilitonen unkompliziert geholfen, wenn es nötig war.» Heute arbeitet Roland Gruber bei der Schweizerischen Caritasaktion der Blinden in der Öffentlichkeitsarbeit und Beratung. Er setzt sich vor allem für einen möglichst barrierefreien öffentlichen Verkehr ein.
Christoph Linggi und Roland Gruber sind sich einig: «Alle Teile in uns, auch die Behinderung, gehören zu uns. Sie sind auch eine Gabe. Wir haben Fähigkeiten, die wir geben können!» Christoph Linggi ergänzt: «Ich kann nicht so schnell denken, aber ich habe zwei gesunde Hände und kann gut anpacken.» Daher hat er am Bistumstag als Ordner freiwillig mitgeholfen, und bei den «Mitenand-Gottesdiensten» amtet er auch mal als Lektor. Roland Gruber sagt es so: «Unser Weg führt von Teilhabe zu ‹Teilgabe›.»
Mit der passenden Begrifflichkeit ringen auch Igor Lukenda und sein Team. «Früher sprach man von behinderten Menschen, dann von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Heute sagen wir ‹Menschen mit Behinderung›.» Der Name «Behindertenseelsorge» sei lange diskutiert worden. «Es gab einen Vorschlag, der den Inklusionsgedanken betonte», erzählt Lukenda. «Aber bei Inklusion denken wir heute eher an die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten. Und die Seelsorge wollten wir im Namen behalten. Im Gespräch mit unseren Gästen haben wir daher entschieden, beim altbekannten Namen zu bleiben.» Im Grunde gehe es um die Flexibilität, mit jeder Person, die neu in die Gemeinschaft kommt, das Beziehungsgeflecht anzupassen. «Früher wollte man die Menschen integrieren: sie müssen sich dem vorhandenen System anpassen. Inklusion meint, sie gehören in ihrer Verschiedenheit dazu. Bei Teilhabe lassen wir zu, dass das System sich verändert, weil mit jedem Menschen neue Qualitäten dazukommen. Das ist aber nur möglich, wenn die Person ihre Unterschiedlichkeit zeigt.»
In der jährlichen Ferien- und Besinnungswoche erleben Menschen mit Behinderung, das Team der Behindertenseelsorge und ihre Freiwilligen, wie das Miteinander alle verändert. «Ohne unsere Freiwilligen wäre das unmöglich», sagt Igor Lukenda. «Für manche Gäste braucht es eine Eins-zu-eins-Betreuung. Wir sind dankbar, dass auch pensionierte Pflegekräfte dabei sind.» Im letzten Jahr seien in der Behindertenseelsorge über 1000 Stunden Freiwilligenarbeit geleistet worden. Regelmässig im Einsatz ist Caterina Autiero. Als Synodalin im Kirchenparlament der Katholischen Kirche im Kanton Zürich habe sie erstmals so richtig wahrgenommen, was die Kirche alles finanziell unterstützt, darunter auch die Behindertenseelsorge. «Spontan habe ich gedacht, da bringe ich mich ein.» Inzwischen sind daraus Freundschaften entstanden, so mit einem blinden Pianisten, der an ihrem runden Geburtstagsfest wunderbar gespielt habe. «Einige unserer langjährigen Freiwilligen werden nun älter», sagt Igor Lukenda. «Wir sind daher immer wieder froh um neue, die wir sorgfältig auf ihre Einsätze vorbereiten und kontinuierlich weiterbilden.»
«Teilhabe und ‹Teilgabe› fördern»: das ist die aktuelle Strategie und Zukunftsvision der Behindertenseelsorge. Insbesondere soll die Zusammenarbeit mit Institutionen, in denen Menschen mit Behinderung betreut wohnen, verstärkt werden. Mitarbeitende der Behindertenseelsorge feiern bereits regelmässig Gottesdienste in Wohnheimen. Das wird geschätzt, denn die Betreuungspersonen vor Ort nehmen wahr, dass die Menschen spirituelle Bedürfnisse haben. «Sie haben aber zu wenig Zeit oder keine spezifische Ausbildung, um darauf einzugehen», sagt Igor Lukenda. Deshalb bietet die Behindertenseelsorge neu auch Workshops für Fachpersonen an. Der Workshop «Trauerbegleitung kreativ gestalten» war sofort ausgebucht. Auch der kürzlich ökumenisch und inklusiv gestaltete Workshop «Religiöse Teilhabe» stiess auf grosses Interesse. Dort wurden Grundlagen erarbeitet, um religiöse Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung, die in Institutionen betreut werden, systematisch abfragen zu können. Natürlich waren auch die «Expertinnen und Experten in eigener Sache» dabei, um direkt ihre Wünsche zur religiösen Teilhabe zu äussern. Christoph Linggi sagt es so: «Ich erzähle, was ich brauche, wenn ich Kraft schöpfen muss oder traurig bin.» Alle Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Religion auszuüben. «Unsere Stelle arbeitet daran: wie können wir Menschen, die nicht selbständig zu uns kommen können, den Zugang zum Heiligen ermöglichen?», sagt Igor Lukenda.
Die Kirche sollte vermehrt Menschen
mit Behinderung anstellen.
Nicht nur Zugang zum Heiligen, sondern auch Zugang zu Arbeit soll möglich sein. «Mir ist es wichtig, dass sich die Behindertenseelsorge auch kirchenpolitisch positioniert», sagt Roland Gruber. «Die Kirche sollte vermehrt Menschen mit Behinderung anstellen. Wie hier in Zürich die blinde Spitalseelsorgerin Karin Oertle. In der deutschsprachigen Pfarreiseelsorge in der Stadt Freiburg ist meine Schwester zusammen mit einem Priester Pfarreileiterin. Sie hat die gleiche Augenkrankheit wie ich.» Wenn sich auf der Behindertenseelsorge selber zwei Menschen mit den gleichen Kompetenzen für eine Stelle bewerben, und eine davon hat eine Behinderung, dann werde diese eingestellt, betont Igor Lukenda. Im Moment ist das eine Person im neunköpfigen Team.
«Menschen mit Behinderung machen unser Leben bunter. Sie machen uns mehr zu Menschen», ist Igor Lukenda überzeugt. «Sie haben oft eine Fähigkeit, die wir schon verlernt haben: Sie schauen direkt in unser Innerstes. Auf der Beziehungsebene nehmen sie uns unglaublich klar wahr, wir können nichts vorspielen. Das ist grossartig. Und ihre reine Freude zu erleben, ist immer wieder umwerfend.» Denn Menschen mit Behinderung zeigen: Wir sind nicht perfekt, wir müssen nicht perfekt sein. Wir brauchen einander, und das ist gut so. Auch Ingrid Dettling erlebt das: «Wie oft denken wir, dieses oder jenes sei nicht möglich mit Menschen mit Behinderung. Wenn wir aber darauf achten, wofür sie offen sind, dann geht fast alles. Man kann auch mit einem Menschen im Rollstuhl tanzen!»