Einmal selber im Rollstuhl fahren

Samuel Rachdi lässt im Religionsunterricht in St. Stefan Wiesendangen die Kinder erleben, wie Menschen mit Behinderung ihr Leben meistern. 

Ist es 1 Euro oder 1 Franken? Die Kinder, vor allem die Jungen, sind ganz aufgeregt. Wenn sie die Münze nur durch Tasten – ohne hinzuschauen – erkennen, dürfen sie sie behalten. Mit dieser und anderen «Hands-on»-Übungen gelingt es Samuel Rachdi, die Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht für das Thema Behinderung zu sensibilisieren. Seit Mitte der 1980er Jahre sitzt er aufgrund einer Krankheit im Rollstuhl. Das erfahren die Kinder allerdings erst später.

Zunächst müssen sie eine zweite Aufgabe lösen. Ohne zu sehen, nur mit den Händen, sollen sie verschiedene Gegenstände in einem Beutel ertasten und erraten, worum es sich handelt. Samuel zählt jeweils bis 15. Danach notiert jedes Kind auf einem Blatt, was es erkannt hat. «Das sind ganz alltägliche Dinge – und trotzdem ist es gar nicht so einfach, sie zu erkennen, oder?», bemerkt er. Im Beutel befinden sich unter anderem ein Becher, eine saubere Socke, Feuchttücher, ein Kugelschreiber und sogar eine verpackte Spritze. Letztere erkennt nur ein Mädchen.

Seit vier Jahren thematisieren Samuel Rachdi und die Katechetin Claudia Müller «Glaube und Behinderung» im Unti der 3. Klasse, nun auch in St. Stefan Wiesendangen. Und ebenso in der Oberstufe. Mit Jugendlichen und Gemeindeleitenden fährt er sogar bis nach Nottwil ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Heute jedoch bleibt er mit dieser kleineren Gruppe von elf Erstkommunikantinnen und Erstkommunikanten im Pfarreisaal. Dort dürfen die Kinder sogar selbst Rollstuhl fahren. Samuel hat eigens zwei zusätzliche Rollstühle organisiert, damit sie auf einem kleinen Parcours zwischen Stühlen und Tischen erleben können, wie es ist, sich so fortzubewegen. 

Samuel Rachdi geht so offen mit seiner Behinderung um, dass ganz schnell ein fröhliches Miteinander entsteht.

Auch die Katechetin greift das Thema Behinderung im Zusammenhang mit dem Glauben auf. Gemeinsam lesen sie die Bibelstelle, in der Jesus einen Gelähmten heilt. In der Kinderbibel steht nicht genau, wo dieses Wunder geschieht – Samuel weiss es jedoch auswendig: in Kapernaum. Wie oft er dieses Evangelium wohl schon gehört oder gelesen hat, weiss niemand. Anschliessend erzählt er den Kindern, wie Gott ihn persönlich angesprochen hat.

Als Samuel krank wurde – vermutlich infolge einer Vergiftung nach mehreren Jahren Arbeit in der Landwirtschaft –, ging es ihm sehr schlecht. Er lag im Bett und sagte zu Gott: «Wenn du mich zu dir nehmen willst, bin ich bereit. Wenn nicht, dann zeig mir bitte, was ich tun soll.» Und dann, erzählt er weiter: «Seht ihr? Jetzt bin ich hier bei euch und mache auch viele andere Dinge für die Kirche.» Dabei lacht er. Überhaupt ist Samuel Rachdi ein fröhlicher Mensch. Mit seinem Engagement zeigt er, dass man auch mit einer Behinderung viel bewirken kann.

«Ich kenne kaum andere Freiwillige, die sich so stark engagieren. Es ist unglaublich!», sagt Claudia Müller. Sie erklärt den Kindern auch, wie handwerklich begabt Samuel ist – obwohl nicht nur der untere Teil seiner Wirbelsäule, sondern auch seine Hände von der Krankheit betroffen sind. Gemeinsam betrachten sie ein Arbeitsblatt dazu, um das Thema besser zu verstehen. Manchmal liegt eine Beeinträchtigung dort, manchmal im Kopf oder am Herzen. Samuel spricht so natürlich und offen über Behinderung, dass die Kinder sofort Vertrauen zu ihm fassen.

Zum Schluss beten sie gemeinsam Fürbitten – füreinander, vor allem aber für Menschen mit Behinderungen: dass sie ohne Angst und Unsicherheit leben dürfen und von anderen wertgeschätzt und respektiert werden. Bevor die Kinder nach Hause gehen, erhält jedes ein Stück Brot, das Samuel zusammen mit Weihwasser im Kreis verteilt. Gesegnet, nachdenklicher und zugleich fröhlicher als zuvor machen sie sich auf den Heimweg.

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