Glauben heute

Sprache kann das Unendliche nicht vollständig erfassen

Sprache ist für mich eine Möglichkeit und eine Grenze zugleich. Ein Beispiel: Als Mathematik-Absolvent kenne ich die Sprache der Mathematik. Mit ihr kann ich komplexe Zusammenhänge so ausdrücken, dass andere, die diese Sprache auch beherrschen, ziemlich exakt verstehen, was ich erklären möchte. Andererseits wird diese – genau wie alle anderen Sprachen – niemals die herzliche Erfahrung der Liebe wiedergeben können. 

Die Schriftreligionen jedoch, wie ihr Name schon sagt, vermitteln Inhalte über eine bestimmte Form der Sprache, nämlich über eine Ansammlung an Texten. Die Texte bleiben dabei aber nicht trockener Buchstabe: Eine gesungene Rezitation des Korans zum Beispiel kommuniziert auch durch Körpersprache – und kann unmittelbar Herzen berühren, auch von Menschen, die kein Wort Arabisch verstehen.

Der Koran ist für mich Gottes Wort in menschlich überlieferter Sprache. Zudem entstand der Koran in einem zeitlichen und kulturellen Kontext. Deshalb sind seine Worte nicht abschliessend festzulegen, wie einige Strömungen behaupten. Der Koran-Text berührt mich im Herzen. Gleichzeitig beleuchte ich ihn mit literaturwissenschaftlichen und historisch-kritischen Methoden.

Dieser mehrdeutige Zugang befreit mich: Ich muss nicht so tun, als könnte Sprache das Unendliche vollständig erfassen. Die menschliche Seite der Offenbarung vertieft und bereichert den Glauben im Dialog mit Gott, indem ich auf Bilder, Begriffe und Traditionen zurückgreife und sie bewusst mehrdeutig betrachte. Ich bin überzeugt: Hätte Gott es gewollt, dann würde die ganze Menschheit glauben. Vielfalt ist also von Gott gewollt. Sprache ist nicht endgültig, eher ist sie unendlich. So darf ich mir vor jedem Menschen von Neuem überlegen, wie ich über das Göttliche spreche.

Wenn Gott im Koran mehr als 120 Namen hat, wieso soll meine Sprache über die Religion eindeutig werden? Sprache wird für mich zu einem Weg des Verstehens, nicht zu einem Besitz von Wahrheit. Dieses Verständnis, vor allem füreinander, brauchen wir mehr denn je.