Wie oft wird man im Laufe eines Tages wohl angeschaut? Ein flüchtiger Blick bei der Billettkontrolle, ein unwirscher Blick der Sitznachbarin, die Platz machen muss. Im Büro schauen die Kolleginnen je nach Situation freundlich oder ungeduldig. Zuhause verdreht der Teenager die Augen; der Partner oder die Partnerin wiegt es vielleicht mit einem verständnisvollen Blick auf.
Wir Menschen sind körperliche Wesen und als solche dem Blick der anderen ausgesetzt. Manches Mal wären wir wohl lieber unsichtbar, aber das gibt es nur im virtuellen Raum. In der analogen Welt werde ich zwangsläufig von anderen in Augenschein genommen. Hier gehen viele Blicke unter die Haut und wirken sich aus. Manche sind angenehm, richten auf und schaffen Raum zum Dasein-Dürfen. Andere haben formende Kraft, bedrängen oder grenzen gar an Gewalt, zum Beispiel wenn sie im Gegenüber nur ein Objekt der Begierde sehen. Besonders Frauen kennen diese übergriffigen Blicke – meist von Männern – viel zu gut. Mich empört das.
Die Bibel erzählt von Hagar, der Sklavin von Abraham und Sarai. Sie erfuhr die Kraft des Blickes – als positive Erfahrung am eigenen Leib. Weil Sarai und Abraham zunächst keine Kinder bekommen konnten, sollte Hagar ihnen nützlich sein und einen Stammhalter gebären. Als sie schwanger wird, behandelt Sarai sie so schlecht, dass Hagar in die tödliche Wüste flieht. Dort aber trifft sie auf einen Engel. Er spricht ihr gut zu und verheisst ihrem ungeborenen Sohn Ismael eine grosse Zukunft. Daraufhin ist Hagar bereit, zurückzukehren und ihr Kind auszutragen. Und sie gibt Gott einen neuen Namen: «Du bist ein Gott, der mich sieht» (Buch Genesis 16,13). Der Gegensatz könnte kaum grösser sein: dort erzwungene Leihmutterschaft und Verachtung – hier Leben und Zukunft.
Hagar erfährt, dass der Blick Gottes tief reicht. Er sieht ihre Würde und stärkt sie. Sein zärtlicher Blick schafft Weite, gerade weil er weder Körper noch Seele bewertet. Und wenn ich versuche, mich selbst einmal mit den Augen Gottes anzuschauen? Gut möglich, dass ich dann manchem fremden Blick gelassener entgegensehen kann.