Morgens 4.00 Uhr, 24. Februar 2022: Ella Ostapchuk schreckt in ihrem Bett hoch. Ein Knall. Wände wackeln. Fensterscheiben klirren. «Ich bin tot», durchfährt es sie. Weitere Raketen werden in dieser Nacht auf ihre Stadt fallen. Luzk im Westen der Ukraine wird bombardiert, weil es nahe einem Flughafen liegt. Das weiss sie jetzt noch nicht. Nur das: «Hier kann ich nicht mehr leben.»
Etwas mehr als vier Jahre später giesst Ella Ostapchuk Farben auf Holz: Weiss, Gold, Ultramarinblau, Himmelblau. Sie ist in einem Kunstatelier, in Zürich, in der Schweiz. Am Tag nach Kriegsbeginn war sie alle ihre Handy-Kontakte durchgegangen. Hatte jemanden gefunden, der sie und ihren Sohn ausser Landes brachte. Polen. Kalte Februar-Nächte auf hartem Boden. Deutschland. Schweiz. Schutzstatus S. «Ich will wieder Kontrolle über mein Leben bekommen», sagt sie jetzt, eine Übersetzerin hilft. Die Farben verteilen sich langsam auf dem Holz, Ella schaut aufmerksam zu. Sie atmet. Bringt das Holz in Bewegung, das sie zuvor auf eine Drehscheibe gelegt hat. Die Farben beginnen, in andere Richtungen zu fliessen. Ob sie all das traumatisiert habe? «Ich denke ja, das Trauma dauert und dauert», sagt sie, auf Deutsch. «Ich bin nicht sicher, habe ich Boden unter meinen Füssen, und wie geht mein Weg weiter?» Ella bläst durch ein Röhrli auf die flüssigen Farben. Leuchtende Augen. Man könne es eben nicht kontrollieren. Man könne aber gestalten. Meint sie damit ihre Kunst oder ihre Zukunft? «Ich weiss noch nicht, wer ich sein werde», sagt sie nur.
Gefühle, Gedanken und Erfahrungen kreativ, gestalterisch ausdrücken – damit arbeitet die Kunsttherapie. Gerade bei komplizierten, erschütternden Erlebnissen bieten die Materialien und die Farben eine alternative Sprache, um die innere Welt nach aussen sichtbar zu machen. Dass Ella Ostapchuk in der Kunsttherapie einen Ort gefunden hat, mit ihrem Trauma zu arbeiten, verwundert nicht: Sie ist von Haus aus Künstlerin, hat in der Ukraine von ihrer Kunst gelebt. Über das offene Kunstatelier vom Solinetz Zürich hatte sie von einer jungen Kunsttherapeutin gehört, die im Rahmen ihrer Ausbildung Klientinnen und Klienten suchte. Seither sind die beiden miteinander unterwegs. Die Kunsttherapeutin, die namentlich nicht genannt werden möchte, schaut Ella auch heute über die Schulter: beobachtet, wie sie ihren Körper involviert, während sie die Scheibe dreht, die Farbe tropft, darüberbläst. Wie sie atmet, sich fokussiert, sich entspannt. «Die somatische Ebene ist zentral: Das Trauma sitzt im ganzen Körper, nicht nur im Kopf.»
Cosima Ballesteros bestätigt das. Die Freiwillige leitet seit fünf Jahren das Kunstatelier und öffnet Menschen mit und ohne Fluchterfahrung einen Raum, sich auszudrücken. Es ist nicht das künstlerische Können, das den Prozess ermögliche: «Es ist das Machen mit den Händen, das unglaubliche Kraft hat. Ich kann mich darin selbst verwirklichen, ich kann aus Nichts etwas erschaffen.»
Traumata müssen bearbeitet werden. Bleiben sie unbeachtet, besteht die Gefahr, dass die dunkle Erfahrung reaktiviert wird, dass der Mensch – ausgelöst durch einen Geruch, ein Geräusch, ein Wort – schlagartig zurückversetzt wird in den Schock. Es besteht ausserdem die Gefahr, dass die Traumatisierung an folgende Generationen weitergegeben, also tatsächlich vererbt wird. Nicht selten sind es die Enkel, die Emotionen und Handlungsmuster tragen, weil ihr Grossvater im Krieg war, ihre Grossmutter flüchten musste.
Die Logik dahinter kennt Rosmarie Barwinski. Die Psychologin und Psychotherapeutin hat das Schweizer Institut für Psychotraumatologie gegründet und leitet es. Sie erklärt: «Ein Trauma ist ein Erlebnis der Überflutung. Da ist ein bedrohlicher äusserer Faktor und die eigenen Bewältigungsstrategien reichen nicht aus, damit umzugehen.» Einmal überflutet, ist das Gedächtnis überfordert: «Das Ganze ist zu emotional beladen. Es kann nicht als Erinnerung abgespeichert werden kann, die im Raum und in der Zeit verortet ist. Es werden nur Bilder und überwältigende Gefühlszustände abgespeichert, und das im impliziten Gedächtnis – nicht, wie üblich, im expliziten Gedächtnis.» Weil diese Erfahrung nun kaum «psychisch repräsentiert» ist, wie es in der Fachsprache heisst, also nicht als Erinnerung mit Ort und Zeit im expliziten Gedächtnis abgelegt werden konnte, kann sie nicht verarbeitet werden – «sie bleibt im Körper stecken».
Und dieser Körper reagiert: «Genetische Veränderungen können die Folge sein.» Auch gebe es unterschiedliche Arten, wie der Körper das Trauma wiedergebe: Erlebt der Mensch «Flashbacks», also Momente, in denen er in den Schock zurückfällt? Träumt er die Bilder immer wieder? Hat er ein Wissen um das Ereignis, kann er also davon erzählen – ohne es aber mit Gefühlen verknüpfen zu können? Verdrängt er das Wissen, weiss gar nicht mehr davon, und lagert es nur in einem seiner Persönlichkeitsanteile ab?
Rosmarie Barwinski weiss aus Erfahrung, dass die meisten von allein wieder gesund werden, dank eigener Selbstheilungskräfte: «Als übliche Reaktion sieht man die Bilder noch eine Zeit lang, kann schlecht schlafen, zieht sich zurück. Das flacht langsam ab, man kehrt in den Alltag zurück. Man hat das Erlebnis nicht vergessen, sondern integriert es langsam.» In diesem «Normalfall» verschwinden die Bilder und es festigen sich Gefühle. Gelingt dies nicht, dann erst braucht es professionelle Therapie.
Und was passiert nun, wenn jemand flüchten muss? «Flucht ist ein Trauma, man muss aber keine Traumafolgestörungen haben», sagt Barwinski und denkt an die vielen, die relativ schnell in ein neues Leben hineinfänden. Herausfordernd an Fluchterfahrungen sei die «sequenzielle Traumatisierung», oftmals erstrecke sich Flucht über einen längeren Zeitraum. Zeit für die Verarbeitung der Erlebnisse bleibe aus, ebenso Erholung. Im Kern gehe es bei Flucht und Migration um Identität: die eigene Kultur und Sprache zurücklassen müssen, in eine andere Kultur und Sprache hineinkommen. Schliesslich eine neue Identität suchen müssen, in der beide Kulturen einen Platz haben.
Zunächst gelte es – wie grundsätzlich nach Traumata – Wege zu finden, in die Erinnerung zu kommen: «Reden durchbricht meist den Kreislauf der Lähmung. Aber auch andere Formen, gerade wenn es mit der Sprache noch schwierig ist: Bilder malen, tanzen, Musik machen – alles, was einen Ausdruck ermöglicht.»
Im Kunstatelier sind heute alle Plätze besetzt. Cosima Ballesteros hat verschiedene Arten von Ton mitgebracht und erklärt auf Hochdeutsch, wie man daraus Handschmeichler formen kann. Anleitungen liegen aus auf Spanisch, Ukrainisch, Deutsch und Englisch. Sie finden kaum Beachtung. Hier geht es ums Machen. Kinder greifen zum Ton, ihre Mütter, Männer und Frauen verschiedenen Alters. Was nun entsteht, ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Ella Ostapchuk macht an ihrer Drehscheibe mit Holz und Farben ihr eigenes Ding – und ist dennoch mittendrin. «Mit welchen Farben arbeitest du?», fragt eine neugierig. «Mit flüssigem Acryl», antwortet sie und taucht gleich wieder ins Gestalten ab. Etwa zwei Minuten später: «Diese paar Minuten bin ich in einer anderen Welt. Ich bekomme nichts anderes mit.» Was sie gerade fühle? «Glücklich.» Sie sieht dabei euphorisch aus. «Kunst reinigt die Seele. Vielleicht macht Gebet dasselbe.» Bei diesem Satz ist ihr nochmals die Übersetzerin beigesprungen.
Bunte Farben – dunkle Harmonie, sagt Ella Ostapchuk zu diesem Bild. Oben links hat sie das Trauma
dargestellt. Ist es in jedem Bild? «Es ist immer mit mir.»
Ursula Markus
Ihr Vater sei verstorben, erzählt Ella nun, Ende August sei das gewesen. Zu ihm habe sie eine besondere Verbindung gehabt, zur Mutter weniger. Zum Begräbnis sei sie nach Hause gefahren. «Ich verstand, dass ich hierher nicht mehr zurückkommen kann.» Sie meint ihr Heimatland, die Ukraine. Plötzlich Tränen in den Augen. Nicht ohne ihren Vater. Pause. Ihr Sohn habe jetzt in der Schweiz ein Diplom gemacht, als Masseur. Er sei invalide, halbseitig gelähmt. Ein Lächeln legt sich über die frischen Tränen. «Ich würde gerne in der Schweiz leben», sagt die 47-Jährige. Und auf Deutsch: «Es ist ruhig, sehr intelligente Leute, das fasziniert mich. Die Leute haben offene Herzen.»
Was im Kunstatelier Raum findet, wird möglich durch Freiwillige. Wie geht das, bei so viel Schwerem, das die Teilnehmenden mitbringen? Gabriela Zindel arbeitet beim Verein Agape International, einer christlichen Non-Profit-Organisation, und bildet Freiwillige aus, die Geflüchtete begleiten. «Freiwillige können etwas vom Wichtigsten anbieten: eine Beziehung. Jede und jeder hat Fähigkeiten und Vorlieben, über die Verbundenheit entstehen kann. Sei es beim Kochen, beim Deutschlernen, beim Wandern, beim Malen.»
Sie schule Freiwillige auch darin, ihre eigenen Grenzen zu spüren: einerseits die Grenze, an der die persönlichen Ressourcen in Erschöpfung kippten; andererseits aber auch, ab wann es angezeigt sei, professionelle Unterstützung ins Spiel zu bringen. «Die meisten Menschen kommen mit ganz normalen Bedürfnissen nach Annahme, nach Zugehörigkeit und nach Leben. Dort, wo es aber um medizinische oder psychologische Fragen geht, dort müssen wir sehr vorsichtig sein», sagt Zindel. Ein Beispiel: Sitze sie mit ihrer afghanischen Freundin zusammen, tue diese ihr manchmal ihr Herz auf, erzähle ihr von Panikattacken – «weil sie mir vertraut». Zindel höre ihr aufmerksam zu. «Sobald ich ihr aber einen Rat geben will, was sie machen sollte – genau dort ist meine Grenze.» Genau das sei Fachpersonen vorbehalten.
Cosima Ballesteros kennt das aus dem Kunstatelier: «Es ist die Entscheidung der Leute, ob sie erzählen wollen oder nicht. Manche fangen von sich aus zu erzählen an, dann sind hier Menschen um den Tisch, die vielleicht Ähnliches erlebt haben. Es geht nicht in erster Linie ums Verarbeiten, sondern einfach ums Austauschen. Wer das möchte.»
Ella Ostapchuk ist in einen kreativen Flow gekommen. Ein zweites Bild ist entstanden, ein drittes, Mal ums Mal dreht sie ihre Scheibe an, damit aus Farben Formen werden. Pink und Silber. Blau, Türkis und Schwarz. Eines verläuft ins andere. «Drinnen in mir ist so viel. Ich muss etwas machen, gegen das ‹so viel›. Die Probleme, das negative Denken, die schlechten News – seit vier Jahren schlechte News! Das ist eine lange Zeit der Depression.» Sie fühle sich leichter, wenn sie Kunst gemacht habe. Sie könne besser schlafen in der Nacht. Sie habe aufgehört, an der Nagelhaut zu reissen. Zeigt kurz ihre gesunden Fingernägel. Steckt die Hände wieder in ihre Plastikhandschuhe. Greift neuerlich zu den Farben.
—Kunstatelier vom Solinetz Zürich
Offenes kreatives Gestalten für alle, mit und ohne Fluchterfahrung.
Jeden Samstag von 14.00 bis 17.00 Uhr im GZ Schindlergut.
www.solinezt-zh.ch