Veronika Jehle: Wie kommt es, dass du dich für Geflüchtete einsetzt?
Tania Oldenhage: Diese Geschichte teilen wir beide miteinander. Du warst Pfarreiseelsorgerin in Zürich-Fluntern, ich Pfarrerin. Im Sommer 2015 war die Flüchtlingskrise stark spürbar wegen des Kriegs in Syrien. Leute in der Kirchgemeinde wollten helfen. Wie war das in der Pfarrei?
Jehle: Zunächst haben wir das nicht so stark gespürt. Dann habt ihr begonnen, Deutschkurse zu organisieren. Wir wollten einen Beitrag leisten und haben die Kinderhüti übernommen.
Oldenhage: Deswegen war es auch so ein schönes Projekt, weil die reformierte und die katholische Kirche und der Quartierverein zusammen etwas auf die Beine gestellt haben.
Jehle: Die Deutschkurse in der Kirche Fluntern laufen bis heute. Warum wolltest du das damals?
Oldenhage: Mir war klar: Wenn ich jetzt nichts mache, dann ist meine Arbeit nicht mehr glaubwürdig.
Jehle: Warum?
Oldenhage: Theologie darf nicht privatisiert in sakralen Gebäuden bleiben. Sie trägt Verantwortung für ethische Fragen in unserer Zeit.
Jehle: Es gibt allerdings viele Nöte. Warum ausgerechnet die Arbeit mit geflüchteten Menschen?
Oldenhage: Weil es hier um die Parteinahme für die Schwächsten geht. Bei mir kommt aber noch etwas dazu: Ich war lange Zeit in der Holocaust-Erinnerungsarbeit engagiert.
Jehle: Was hast du da gemacht?
Oldenhage: Ich habe mich in den USA bei einer jüdischen Professorin spezialisiert in Holocaust Studies. Wir haben mit Zeugenberichten gearbeitet, geschrieben, geforscht. Es gab Begegnungen mit Überlebenden. Ich weiss auch um die schwierige Rolle, die die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs hatte, als es darum ging, Geflüchtete aufzunehmen. Zurück in der Schweiz war ich dann Pfarrerin. Im Wissen um die schmerzhafte Geschichte wollte ich versuchen, meines beizutragen, dass es diesmal einen anderen Umgang mit Geflüchteten gibt.
Jehle: Also geht es darum, aus der Geschichte gelernt zu haben?
Oldenhage: Es war das Gefühl: Wenn wir jetzt nichts machen, dann haben wir nur geredet und geredet und nichts getan. Ich will sagen können, wir haben versucht, einen Beitrag zu leisten. Wie hast du unser Engagement in Fluntern erlebt?
Jehle: In habe es weniger theologisch reflektiert. Ich hatte das Anliegen, zu helfen. Und ich habe das Bedürfnis bei den Leuten im Quartier gespürt, sich zu engagieren.
Menschen unterschiedlicher Herkunft lernen miteinander Deutsch – hier bei den Deutschkursen in Fluntern.
Ursula Markus
Oldenhage: Du warst damals ja selbst auch noch nicht lange in der Schweiz.
Jehle: Ja, mir war das Land auf eine Art auch noch fremd. Und dann kommen Menschen aus weit her: in ein Land, das ihnen wahrscheinlich viel fremder ist, als es mir jemals war.
Oldenhage: Was hat dich denn motiviert, dich für Geflüchtete einzusetzen?
Jehle: Es hat zu tun mit den Fluchtgeschichten in meiner Familie. Mein Grossvater und meine Grossmutter mütterlicherseits sind vertrieben worden am Ende des Zweiten Weltkriegs aus der damaligen Tschechoslowakei nach Wien. Das ist kilometermässig keine grosse Reise, aber dennoch eine tiefgreifende Entwurzelung. Auch in meiner väterlichen Linie gibt es Flucht-, Migrations- und Vertreibungserfahrungen. Gibt es das denn in deiner Familie auch?
Oldenhage: Es ist etwas kompliziert. Einerseits gibt es eine Migrationsgeschichte von der Mutter meiner Mutter. Sie migrierte von Norddeutschland in die Schweiz, und zwar kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Sie hatte in Norddeutschland einen Schweizer kennengelernt und kam dann als Deutsche an den Thunersee. Was mich aber viel stärker bewegt, ist das Wissen, dass meine Familie väterlicherseits sympathisiert hat mit dem Nationalsozialismus.
Jehle: Was heisst das für dich?
Oldenhage: Ich komme aus einer Familie, die verstrickt ist in Täterschaft. Für mich ist das eine lange Geschichte, vom Erkennen, dass es so ist, über die Scham bis zum Realisieren, was das bedeutet.
Jehle: Was bedeutet es?
Oldenhage: Ich bin Bibelwissenschaftlerin und habe mich mit der Gleichnisforschung nach der Shoah auseinandergesetzt. Ich bin auch dem Antijudaismus nachgegangen, der sich nach 1945 über die Gleichnisauslegung verbreitet hat. Später habe ich zu den Passionsgeschichten nach der Shoah geschrieben.
Jehle: Lässt sich das so sagen: Was du während deines Studiums intellektuell erschlossen hattest, dazu bist du dann als Pfarrerin in Fluntern ins Tun gekommen?
Oldenhage: Ja, das passt ganz gut.
Jehle: Gibt es Begebenheiten, die dich angetrieben haben, vom Forschen ins konkrete Engagement zu kommen?
Oldenhage: Ich erinnere mich an eine Kollegin in den USA. Sie kam auch aus Deutschland und wollte sich aus der Täterperspektive mit der Shoah auseinandersetzen, wollte, wie ich, ihre Dissertation angehen. Während der Arbeiten ging sie nach Guatemala in die Menschenrechtsarbeit. Sie kam zurück – und hörte mit der Dissertation auf. Sie sagte, sie könne das nicht: Sie müsse sich sozial engagieren. Und sie entschied sich, aufzuhören mit der akademischen Arbeit.
Jehle: Hat dich ihr Entscheid verunsichert?
Oldenhage: Ja. In mir löste er eine Auseinandersetzung aus über die Rolle von intellektueller Arbeit und ethischem Handeln. Ich habe dann trotzdem meine Diss geschrieben, habe für mehrere Jahre an der Uni unterrichtet, habe habilitiert. Aber die Verunsicherung war da. Darum bin ich dann sehr gern ins Pfarramt gegangen: Ich wusste, nun arbeite ich nicht mehr nur mit dem Kopf.
Jehle: Wurden in deiner Familie Worte gefunden, um über die Zeit des Nationalsozialismus und über die Erfahrungen der Migration zu sprechen?
Oldenhage: Es wurde nicht darüber gesprochen. Mein Grossvater ist 1984 gestorben, ich konnte ihn selbst nie fragen. Ich weiss von meinem Vater, dass er immer wissen wollte, was sein Vater im Krieg gemacht hatte. Mein Grossvater hat nicht darauf geantwortet. Das grosse Schweigen – ein Bild für diese Generation.
Jehle: Wie ist es in deiner Generation?
Oldenhage: Wir haben in der Schule viel zum Zweiten Weltkrieg gelernt, allerdings nichts darüber, was an jenem Ort passiert war, an dem wir zur Schule gingen.
Jehle: Ich habe ebenfalls über den Zweiten Weltkrieg gelernt, aber mehr in Stereotypen: Die Deutschen kamen, dann folgte der Anschluss Österreichs an Deutschland. Dass in Österreich ebenso Täterinnen und Täter waren, dass der Anschluss von grossen Teilen der Bevölkerung begrüsst wurde, dass Hitler ein Österreicher war – das kam, wenn überhaupt, am Rande vor.
Oldenhage: Du hast von deinen Grosseltern mütterlicherseits erzählt, die vertrieben wurden. Haben sie davon erzählt?
Jehle: Meine Grossmutter habe ich nie davon sprechen gehört, sie ist schon verstorben. Mein Grossvater war bei der Flucht zehn Jahre alt. Für ihn scheint sie eher eine «Abenteuergeschichte» zu sein. Soweit ich verstehe, kam er relativ schnell am neuen Ort an. Obwohl sie zunächst in Baracken lebten, hatte er offenbar eine recht schöne Jugend in Wien, hat viel Sport gemacht, eine gute Lehrstelle bekommen und dann bald die Entscheidung getroffen, Österreicher zu werden. Wann immer ich ihn dazu höre, kommt mir eine gute Portion Pragmatismus entgegen.
Oldenhage: Lebt dein Grossvater noch?
Jehle: Ja, er ist jetzt 91. Es ist bei ihm kein «grosses Schweigen». Was er erzählt, wirkt auf mich wie eine Mischung aus kindlich erinnerter Erfahrung und aus Verdrängung von sicher auch viel Schwierigem, das er gesehen haben muss.
Oldenhage: Meinst du, dass sich das noch ändert? Dass er anders über seine Migration oder die Dinge, die dazu geführt haben, sprechen kann?
Jehle: Mein Eindruck wäre: eher nicht. Ich glaube auch tatsächlich, dass die Flucht in seinem emotionalen Erleben keine grosse Rolle spielt.
Ermutigst du Geflüchtete, zu sprechen – im Wissen, dass Worte finden auch ermöglichen kann, Traumata zu bearbeiten?
Oldenhage: Das würde ich mir nicht anmassen. Entscheidend ist, dass Menschen mit Fluchterfahrungen für sich selbst reden können, statt dass andere über sie sprechen.
Ursula Markus
—Aktion «Beim Namen nennen»
Schreiben und lesen der Namen von Menschen, die auf ihrer Flucht ihr Leben gelassen haben.
Sa., 20. Juni 2026, an Orten in Zürich und Winterthur.
—Else Lasker-Schüler und der Flüchtlingssonntag
Was die Bibel uns (nicht) sagt zur Arbeit mit Geflüchteten. Mitten in Zürich. Impulse für eine biblische Migrationstheologie.
Tania Oldenhage, TVZ 2025.
ISBN 978-3-290-18726-2
—Verbrenn all meine Briefe
Woher kommt diese tiefe Wut? Alex sucht in seiner Familiengeschichte.
Alex Schulman, Roman, dtv 2022.
ISBN 978-3-423-14883-2