Glauben heute

Ich kann mich nicht selbst aus dem Sumpf ziehen

Ich krankte, ohne zu wissen, woran. Von Woche zu Woche wurde ich schwächer und mein Bewegungsradius kleiner. Bis er winzig war. Es herrschte medizinische und psychologische Ratlosigkeit. Bilder einer möglichen Zukunft stiegen vor meinem inneren Auge auf, auf die ich gerne verzichtet hätte. Stattdessen wünschte ich mein persönliches Pfingsten herbei.

Pfingsten beschreibt einen Weg aus der Krise: Aus einem Kreis verängstigter Menschen wird eine Gruppe mutiger Menschen voller Energie, die aus dem verschlossenen Raum hinaus in die weite Welt geht. Sie wächst über sich hinaus. Vorgegebene Grenzen wie jene der Sprache werden dabei wie von selbst überwunden.  

In der biblischen Erzählung kommt diese Bewegung nicht von innen. Der Kreis um Jesus ist am Nullpunkt der Resilienz angelangt. Es bricht eine Kraft von aussen über sie herein. Eine göttliche Kraft, die nicht erklärbar ist. Niemand weiss, woher sie kommt. Plötzlich ist sie da. Es ist, als würde eine Tür aufgehen. Dahinter erscheint alles in einem helleren Licht.

Diese Erfahrung hätte ich mir krank auf dem Sofa liegend so sehr gewünscht. Die pfingstliche Zusage «Du bist nicht allein, du musst es nicht allein schaffen», erlebte ich zwar mit mir nahen Menschen. Ein erschütterndes Erlebnis der Wende blieb aber aus. Bis ich plötzlich doch wieder zu Kräften kam, ganz ohne Diagnose.

Ironischerweise hat der Kreis um Jesus aus der Krise heraus genau jenes geschaffen, was mich in der Perspektiv­losigkeit getragen hat: die Verbundenheit und Nähe zu Menschen, Teil von etwas Grösserem zu sein; die Gewissheit, dass nicht alles von mir abhängt. Ich kann mich nicht selbst aus dem Sumpf ziehen. Dies ist auch gar nicht nötig. 

Was ich darüber hinaus mitnehme, ist die Einsicht «Ich muss nicht alles verstehen». Auch wenn Verstehen eine Sicherheit und das Gefühl von Kontrolle gibt. Ob als Elternteil von pubertierenden Kindern, als Teil eines diversen Teams oder als Erdenbürgerin – nicht alles verstehen zu müssen, gibt mir die bitternötige Gelassenheit.