Lassalle-Haus: «Entscheidung hätte gemeinsam getroffen werden müssen»

Der Jesuit Thomas Hollweck, der als Provinzial die Verantwortung für die Schliessung des Lassalle-Hauses trägt, räumt Fehler ein. Wie es nun mit dem Haus weitergeht – und mit den Jesuiten in der Schweiz.

Thomas Hollweck, Jesuit und Provinzial der Jesuiten in Zentraleuropa
Thomas Hollweck leitet seit Juli 2024 die Jesuiten in Zentraleuropa, zu denen die Schweizer Jesuiten gehören.

Wie ist es Ihnen gegangen, als Sie am Pfingstsonntag das Lassalle-Haus verlassen haben?

Ich blieb noch bis zum Abend im Haus, sass mit den Mitbrüdern zusammen, bin durch die Räume gegangen. Es war eine Mischung aus Traurigkeit und Dankbarkeit. Ich war dankbar für den Tag, weil ich den Eindruck hatte, dass viele Menschen zusammengekommen sind, denen das Haus etwas bedeutet hat, dass Gefühle und Wertschätzung zur Sprache kommen konnten, dass Menschen sichtbar geworden sind, die sich für das Lassalle-Haus engagiert haben und es mitgetragen haben.

Wer trägt die Verantwortung für die Schliessung?

In unserem Ordensverständnis liegt die letzte Verantwortung beim Provinzial. Die Verantwortung liegt also in meiner Rolle als Provinzial, wobei dieser Entscheid getragen war durch viele Gespräche und Beratungen in Gremien über die vergangenen Jahre. Die Verantwortung des Provinzials ist eingebettet in partizipative Strukturen.

Wenn Entscheide dieser Tragweite getroffen werden müssen: Wie laufen solche Entscheidungsprozesse im Jesuitenorden ab?

Das ist komplex. In Bezug auf das Lassalle-Haus hat es mehrere Gespräche in verschiedenen Konstellationen gegeben, mit Jesuiten und mit anderen Verantwortungsträgern. Dazu zählen der Regional-Geschäftsführer der Jesuiten Schweiz, dann der Geschäftsführer des Lassalle-Hauses, ausserdem der Provinzkonsult: Das ist ein Gremium von vier Personen, mit denen ich mich monatlich berate und Unterscheidungsprozesse führe.
Daneben gibt es Finanzverantwortliche wie jene aus der Finanzkommission der Provinz.

Nach aussen hin hat der Entscheid überstürzt gewirkt. Wie ist der Prozess diesmal abgelaufen?

Die diesbezüglichen Überlegungen laufen bereits seit Jahren. Schon bevor ich im Juli 2024 Provinzial wurde habe ich mitbekommen, dass es im Lassalle-Haus personelle und finanzielle Fragen gibt. Wir waren gegen Ende bei 70 Prozent Leerstand des Hauses. Wir hatten in den letzten Jahren wiederholt überlegt, wie wir Strukturen verändern könnten und das inhaltliche Angebot anpassen. Die Fragen sind also nicht vom Himmel gefallen.

Nach aussen hin wirkte es aber durchaus so.

Wenn in einer Institution Fragezeichen auftauchen ist immer die Frage, wie sinnvoll es ist, diese nach aussen zu kommunizieren. Wir wollten das Lassalle-Haus weiterführen. Eine frühere Kommunikation nach aussen hätte Mitarbeitende verunsichern können und nicht zuletzt auch unsere Gäste. Wir wollten keine Unsicherheit erzeugen.

Es war also eine Frage der Kommunikation?

Wann wäre der richtige Zeitpunkt gewesen? Wir haben in der Kommunikation nicht alles perfekt gemacht.

Räumen Sie Fehler ein?

Als Fehler betrachte ich für mich, dass wir die letzte Entscheidung nicht bewusster, mit Zeit und Raum, in der Gruppe mit allen Verantwortlichen getroffen haben. Wir waren zwar lange mit all den Fragen unterwegs, die letzte Entscheidung hätte ebenfalls gemeinsam um den runden Tisch getroffen werden müssen – um sie gemeinsam zu akzeptieren und zu tragen.

Sie sprechen von Ihren Mitbrüdern?

Von den Mitbrüdern und von sämtlichen Verantwortlichen, vom Regionalgeschäftsführer, vom Geschäftsführer des Hauses. Das habe ich aus dieser Erfahrung gelernt.

Ist es das erste Mal, dass Sie als Provinzial eine Entscheidung von dieser Tragweite treffen mussten?

Ja. Es war eine grosse und gewichtige Entscheidung, die viele Menschen betrifft und viele Gefühle ausgelöst hat. Das Lassalle-Haus war bemerkenswert und hatte hohes Gewicht. Allerdings mussten wir auch in Deutschland bereits Abschied nehmen von einem Exerzitienhaus, von jenem in Hochelten im Bistum Münster. Es war viel kleiner. Dennoch hat es geschmerzt.

Verschiedene Jesuiten wussten seit zumindest 10 Jahren, dass dem Lassalle-Haus eine inhaltliche Neuausrichtung fehlte; spätestens seit Corona war das Haus im Defizit. Warum wurden diese Fragen nicht rechtzeitig adressiert?

Diese Frage suggeriert, dass bei anderer Adressierung eine Lösung hätte gefunden werden können. Diese Einschätzung teile ich nicht. Sehr viele Jesuiten, darunter die beiden letzten Direktoren Toni Kurmann und Tobias Karcher haben viel Herzblut investiert und ihre Verantwortung wahrgenommen. Es wurde überlegt, es wurden Konzepte entwickelt, ausprobiert. Ich glaube, die Schliessung steht in einem grösseren Kontext: In der gesamten kirchlichen Landschaft gibt es Rückgänge, grosse Veränderungen sind im Gange.

Unabhängig was man gemacht hätte, man hätte das Haus nicht halten können?

Ich glaube, die Verantwortlichen haben getan, was in ihren Kräften stand.

Was hätten Sie als Ordensleitung gebraucht, um das Haus nicht zu schliessen?

Den Eindruck, dass eine Trendwende entsteht; den Eindruck, dass etwas entsteht, was Resonanz findet und Gäste ins Haus bringt; ein paar mehr Jesuiten hätten auch geholfen. Ich werbe dafür, dass wieder mehr Menschen Jesuiten werden, weil wir dann unsere Aufgaben weiterführen können. Es ist darüber hinaus eine Weise, in der Welt zu sein, die sich in meinen Augen sehr lohnt. Allerdings muss ich sagen, dass wir auch mit drei Jesuiten mehr das Haus nicht hätten füllen können.

Wie wird ein Jesuit zum Provinzial?

Als Jesuit zum Provinzial ernannt zu werden folgt einer Art Wahlverfahren: Sämtliche Mitbrüder nennen Kriterien, die ein Provinzial in der gegenwärtigen Situation erfüllen sollte. Ausserdem schlägt jeder Mitbruder drei Namen vor, die er für geeignet hält. Die Ergebnisse dieser Befragung werden gebündelt und gehen als Dreiervorschlag nach Rom. Der Generalobere mit seinen Beratern sichtet die Eingaben und ernennt einen neuen Provinzial. Er wird klug beraten sein, wenn er die «Wahlergebnisse» berücksichtigt, ist aber gleichzeitig frei, einen anderen zu ernennen.

Was halten Sie persönlich von Hugo Enomiya Lassalle?

Er steht für eine Geisteshaltung, die mit Respekt zu tun hat, mit Wertschätzung und Frieden. Gemeint ist innerer Frieden, eine Gottspürigkeit bei gleichzeitiger Weltoffenheit. Das ist eine bleibende Botschaft von Lassalle. Er hat Brücken gebaut, interreligiös, ökumenisch. Sie sind notwendig in unserer Gesellschaft. Insofern ist Lassalle ein Heilmittel gegen Polarisierungen.

Stimmen sagen, mit der Zen-Praxis sei das Lassalle-Haus zu wenig klar christlich positioniert gewesen. Das sei Jesuiten ein Dorn im Auge gewesen, auch der Ordensleitung. Was sagen Sie dazu?

Vergangenen Herbst war ich zusammen mit 70 anderen Provinzialen der Jesuiten in Rom eingeladen. Papst Leo hat bei einer Begegnung unseren Auftrag charakterisiert, in einer bemerkenswerten Weise: Jesuiten sollten an die Grenzen gehen, und er meinte damit auch spirituelle Grenzen. Es stellt sich natürlich die Frage, wo diese Grenzen sind. Aber grundsätzlich gehört es sogar laut dem Heiligem Vater zu uns, Grenzen auszuloten.

War Ihnen das Lassalle-Haus zu wenig christlich positioniert?

Es war jesuitisch gut positioniert, weil es eine Brückenfunktion wahrgenommen hat. Klar ist aber auch, dass es innerhalb des Ordens jederzeit verschiedene Meinungen geben darf. Es gibt kein Thema, bei dem wir Jesuiten nicht kontrovers diskutieren würden. Daraus ist nicht abzuleiten, dass es grundsätzliche Ablehnung gegenüber der Linie des Lassalle-Hauses gab; was es aber gab sind kritische Fragen. Kritische Fragen müssen Platz haben.

Wie geht es jetzt mit dem Ort konkret weiter? Was liegt auf dem Tisch?

Wir suchen einen Träger, der das Haus möglichst ursprungsnah weiterführt, damit der Geist des Hauses von Spiritualität und Bildung weitergehen kann.

Sie verkaufen also nicht primär nach ökonomischen Gesichtspunkten?

Wir wollen vermeiden, dass es in eine Trägerschaft kommt, die erst Versprechungen macht, die nicht einlösbar sind, sodass daraus dann doch eine Kapitalanlage und ein Spekulationsobjekt wird.

Wie wollen Sie das verhindern?

Indem in guten und vertrauensvollen Gesprächen die Absichten der Interessenten geprüft werden; vertraglich lässt sich bestimmt auch einiges festhalten. Ich bin allerdings nicht direkt in die Gespräche involviert.

Wer führt die Gespräche?

Unser Regionalgeschäftsführer in der Schweiz, Daniel Kunz, ist die erste Adresse für Interessenten; in die Gespräche sind mehrere Jesuiten und andere involviert, darunter unsere Bauabteilung in München, der Verantwortliche für Immobilien, der Provinzökonom, und schliesslich die Jesuiten vor Ort, die gut vernetzt sind. Hinzu kommen professionelle externe Partner, die auf solch besondere Immobilien spezialisiert sind.

Welche Ebenen sind darüber hinaus involviert?

Zusammen mit Partnern, die auf solche Gebäude spezialisiert sind, bereiten wir ein Verfahren vor, das sowohl der Verantwortung für den gemeinnützigen Verein gerecht wird, dem das Haus gehört, wie dem Respekt vor der spirituellen Tradition des Hauses. Wir stehen auch im Austausch mit der Gemeinde und dem Kanton Zug.

Die Letztentscheidung wird schliesslich über Ihren Schreibtisch wandern?

Ja, am Ende muss ich als Provinzial eine Entscheidung treffen. Ich tue das verbunden mit anderen und eingebunden in Gremien. Womöglich werden wir auch den Generaloberen in Rom einbeziehen.

Aus Ressourcen-Mangel wichtige Werke schliessen: Ist das etwas, was zu Ihrem «daily business» als Provinzial gehört?

Ich tendiere zu einem positiven Ansatz. Ich stelle mir die Frage: Wie können wir mit unseren Ressourcen gut weitergehen? Wo können wir mit anderen gestalten? Wo erreichen uns Anfragen aus Kirche und Gesellschaft? Dennoch bleibt am Ende die schmerzliche Frage, was nicht mehr möglich ist.

Wie gehen Sie mit den kleiner werdenden personellen Ressourcen um?

Unser Orden ist gegründet worden in einer Zeit des kirchlichen Aufbruchs. Heute sind wir hingegen in einer anderen gesellschaftlichen Situation: Momentan verlieren wir etwa 20 Mitbrüder pro Jahr, zwischen April 2025 und April 2026 etwa sind 16 verstorben und vier ausgetreten. Einer hingegen hat die ersten Gelübde abgelegt.
Ich sehe darin eine geistliche Aufgabe: Wir werden schwächer – und wir müssen diese Wirklichkeit annehmen. Das kann auch Möglichkeiten eröffnen, zu unterscheiden, wo unsere Wirkungsfelder sein sollen. Paulus sagt, dass Gott in der Schwachheit seine Kraft zeigt. Ich arbeite darauf hin, auch das Gottvertrauen zu aktivieren. Es geht darum, in geistlichen Unterscheidungsprozessen klarer zu bekommen, wo es uns braucht.

Wo bleiben die Jesuiten in der Schweiz aktiv?

Wir gehen in Zürich weiter in der Studierendenseelsorge. Wir sind mit Jesuiten Weltweit unterwegs und betreiben Sozialeinrichtungen. In Basel bleiben wir in der Studierendengemeinde aktiv. In Genf sind wir mit «Jesuit Worldwide Learning» engagiert, das in Krisenregionen Menschen weltweit eine digitale Ausbildungsmöglichkeit eröffnet; in Genf betreiben wir auch ein Studierendenwohnheim. Unsere geistlichen Angebote und Exerzitien sind neu auf der zentralen Website www.jesuiten.ch der Jesuiten in der Schweiz versammelt, damit Menschen unsere Angebote finden können, auch ohne den Ort Lassalle-Haus.

Thomas Hollweck SJ (*1968) ist seit 31. Juli 2024 Provinzial der Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten, zu der 330 Jesuiten in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Litauen, Lettland und Schweden gehören. Er ist auf sechs Jahre als Provinzial ernannt. Zuvor war er Novizenmeister des Ordens und für die Begleitung junger Männer verantwortlich, die am Jesuit-Werden interessiert sind.

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