Die Jesuiten haben am Pfingstsonntag Abschied genommen von ihrem langjährigen Einsatzort in Bad Schönbrunn, zusammen mit rund 250 Freundinnen und Freunden. Provinzial Thomas Hollweck, der für die Jesuiten in Zentraleuropa die Verantwortung trägt und aus München angereist war, erinnerte an die Bedeutung des Ortes als Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung, als interreligiösem Ort und Ort der Ökumene. Welcher weiteren Nutzung das Haus zugeführt wird, ist weiterhin nicht entschieden: man führe Gespräche, es gebe Interessierte.
Zur Schliessung des Hauses sagte er, es fehle an Ressourcen personeller und finanzieller Natur: «Ein Haus dieser Grösse lässt sich heute nicht mehr einfach füllen». Die Jesuiten hätten das Haus nicht weiterführen können, und er ergänzte wörtlich: «Wenn Sie mich dafür schimpfen und prügeln wollen, stehe ich dazu zur Verfügung». Auch stellte er die Frage, ob die Jesuiten das Aus gut kommuniziert hätten. Er beantwortete seine Frage mit Nein: «Wir haben nicht alles gut gemacht, und das tut mir leid. Wir haben Menschen verletzt und vor den Kopf gestossen.» Dennoch glaube er, dass die Entscheidung notwendig gewesen sei. «Es gibt noch Jesuiten, weniger, schwächer, aber es scheint mir, wir alle überlegen, wie wir sinnvoll weitergehen können.»
Bruno Brantschen, Vorsteher der Jesuitengemeinschaft vor Ort, sprach vom gegenwärtigen Moment als «Dankfeier mit Trauerflor»: der Jesuitenorden und viele, die diesen Ort geprägt und getragen hatten, seien zum Abschied versammelt. Er zeigte sich zuversichtlich, dass das «was wichtig war und ist, bleiben wird». Brantschen dankte einer Reihe von Frauen sowie dem langjährigen Pianisten für ihr Mitgestalten im Lassalle-Hauses, darunter Heidi Eilinger, die seit 2007 in der Forrenmatt auf dem Hausgelände lebte. Eilinger würdigte den gemeinsamen Weg, der «dank Jesuiten, mit Jesuiten und trotz Jesuiten» über die Jahre möglich geworden war.
Kirchliche und politische Vertreter sprachen Dank und Bedauern aus, darunter der Personalverantwortliche des Bistums Basel Urs Corradini im Namen von Bischof Felix Gmür, und Andreas Etter, Gemeindepräsident von Menzingen, auf dessen Gebiet das Lassalle-Haus liegt: Das Unvorstellbare würde jetzt greifbar, das Ende des Hauses sei ein «grosser Verlust für Menzingen». Er äusserte die Hoffnung auf «ein Wiedersehen in Menzingen».
Vorangegangen waren Monate des Übergangs, seit der Kommunikation der Schliessung im März 2025. Die drei Jesuiten Toni Kurmann, Niklaus Brantschen und Bruno Brantschen waren im Haus geblieben. Viele, die dem Haus verbunden waren, konnten dadurch in dieser Zeit Abschied nehmen.
Dazu gehöre auch ich selbst, Autorin dieses Beitrags. Selbst dem Haus verbunden durch die eigene Exerzitien-Praxis hat mich wundergenommen: Was haben jene durch diese Krise hindurch erlebt, die sonst und für gewöhnlich andere in Krisen begleiten?
Alexandra Wey
Toni Kurmann SJ
«Ich bitte um die Möglichkeit, für dieses Szenario einen konkreten Businessplan mit Umsetzung und Finanzierung zu entwickeln», hatte Toni Kurmann in seinem Konzept zuhanden der Provinzleitung geschrieben. Das war am 5. April 2025. Exakt einen Monat zuvor, am Aschermittwoch 2025, hatten Jesuitenorden und Trägerverein die Neuorganisation des Hauses öffentlich kommuniziert: Hotel- und Gastrobetrieb würden schliessen. Die Jesuitengemeinschaft und ein Angebot an Tagesveranstaltungen sollten hingegen bleiben. Toni Kurmann, immer noch Direktor des Hauses, stellte nun das Konzept eines «Lassalle-Zentrums» vor: «Mit dem Wegfall des bisherigen Produktions- und Auslastungsdrucks sind wir in der Lage, aktiv Beziehungsnetze zu entwickeln und Partnerschaften zu managen. … Wir müssen nicht mehr Betten füllen, sondern können uns auf Relevanz und Inhalte konzentrieren.» Und weiter: «Unsere Aufgabe besteht auch darin, die Kraft des Ortes lebendig zu halten und damit Menschen neue Zugänge zu ermöglichen.»
Chronik eines Endes
Aschermittwoch, 5. März 2025
Medienmitteilung «Das Lassalle-Haus organisiert sich neu»: Das Bildungsprogramm soll in Zukunft ohne Hotellerie- und Gastronomiebetrieb geführt werden. Die Jesuitengemeinschaft und ein Angebot an Tagesveranstaltungen sollen vor Ort erhalten bleiben. Als Provinzial verantwortlich ist Thomas Hollweck SJ.
9. März 2025
Lancierung der Petition «Zur Rettung des Lassalle-Hauses», Initianten sind der Psychoanalytiker und Zen-Lehrer Peter Widmer und der ehemalige Direktor des Lassalle-Hauses und ehemalige Jesuit Lukas Niederberger. Die Petition erhält breite Unterstützung aus Gesellschaft, Kultur und Politik sowie 5563 Unterschriften.
25. Mai 2025
Kick-off-Veranstaltung der Lassalle-Gemeinschaft, einer Gruppe von mit dem Haus Verbundenen, die dafür Sorge tragen möchten, «dass der ‹Lassalle-Spirit› in neuer Form und gewandelten Gefässen weitergetragen wird». Ihr Motto lautet: «Ein Zeichen setzen – dem Erbe Zukunft verleihen».
1. Juli 2025
Bildungs- und Hotelleriebetrieb werden eingestellt. Den 43 Mitarbeitenden wird die Kündigung ausgesprochen.
3. Februar 2026
Die Provinzleitung beschliesst, die kanonische Jesuitenkommunität in Bad Schönbrunn aufzulösen. Das Lassalle-Haus ist nun nicht mehr offizieller Standort der Kommunität Jesu. Die Jesuiten werden nicht vor Ort bleiben.
Pfingstsonntag, 24. Mai 2026
Abschiedsfeier des Jesuitenordens von Bad Schönbrunn.
Es ist ein Wintertag im Januar 2026, als ich Toni Kurmann im leeren Lassalle-Haus besuche. Leise fallen dicke Schneeflocken, es ist still. Anders still aber, als früher. Verlassen stehen Stuhlkreise in den grossen Räumen – jetzt ist es wirklich Leere, denke ich bei mir. Die Schönheit hat plötzlich etwas Surreales. Die Glocken läuten um 12.00 Uhr, nur für mich. Toni Kurmann und ich setzen uns zur Stille in der Roten Kapelle. Toni Kurmann sitzt immer noch Tag für Tag, 12 Minuten um 12.00 Uhr. «Ich wüsste nicht, wie ich es sonst…», wird er nachher sagen und: «Spiritualität – ist die Kosmetik oder ist die existenziell?» Toni Kurmann hat drei Wochen mit schwerer Grippe hinter sich. Er trägt Dreitagebart. Der helfe ihm «zu erfassen, was er an inneren und äusseren Veränderungen erlebe». Die Verletzlichkeit möchte er nicht verstecken.
Er sieht abgekämpft aus. Im April 2023 war er hier Direktor geworden – knapp zwei Jahre später wird das Aus verkündet. Hat er es gewusst? «Ich habe mit der Idee übernommen, dass ich hier ein gutes Team habe, dass es finanziell durchaus anspruchsvoll ist, dass wir ein neues Konzept entwickeln werden, damit Zukunft gestalten können.» Er erinnert sich an die Stabsübergabe, spricht jetzt schnell: 200 Leute waren da, Nationalrat Gerhard Pfister hatte gesprochen, grossartig, alles war von Optimismus geprägt. Dann der Entscheid. «Ich fühle mich wie ein Flugzeug, das am Abheben war – und grad vor dem Abheben gestoppt wird.» Mit der Handfläche mimt er ein Flugzeug, das beschleunigt – kaum in der Luft, knallt die Hand auf die Tischplatte.
Dass die Jesuiten weniger werden und die Ressourcen kleiner, dass Angebote reduziert werden müssen, all das sieht Toni Kurmann. Darf aber die finanzielle Herausforderung das Kriterium sein, einen Betrieb zu schliessen – wo es doch eigentlich darum gehen müsse, «was der König will»? In den Exerzitien, den geistlichen Übungen, lehrt Ignatius von Loyola, sich Jesus vorzustellen als König. Sich von ihm fragen zu lassen, welches Gute man selbst in der Welt vollbringen wolle. Welches Gute hatten die Jesuiten jetzt vollbracht? War es ein Ausverkauf?
Kommt folgendes hinzu: Die kommunizierte finanzielle Schieflage des Lassalle-Hauses war das eine. Das andere war deren Ursprung, der im Ringen um Zukunftsvisionen lag und an ihrem Fehlen. Die bisherigen Konzepte hatten immer weniger Kursteilnehmende angezogen – den verantwortlichen Jesuiten in der Ordensleitung, die ihren Sitz in München haben, war damit kein Prosperieren in Aussicht gestellt worden.
«Die Schliessung wird im Moment vor allem betriebswirtschaftlich begründet. Dass meine Ordensgemeinschaft so argumentiert, ist für mich persönlich ein Schock.» Toni Kurmann sieht zu Boden. Er ist der letzte Direktor. Ideen hatten gefehlt. Rechtzeitig. Und bereits bei der grossen Renovation 2015/2016, vor zehn Jahren also, sei man sich eigentlich bewusst gewesen, dass eine Neupositionierung anstünde. Alledem zum Trotz war auch Toni Kurmann «immer davon überzeugt, dass das Haus einen wesentlichen kirchlichen und gesellschaftlichen Beitrag» leiste. «Ich dachte, das Lassalle-Haus sei ‹too big to fail›».
Wahrscheinlich, dass viele das dachten: Das Lassalle-Haus würde nicht untergehen. Es ist eine Institution. Sie würden es nicht untergehen lassen, die strategisch denkenden Jesuiten. Wenn Toni Kurmann darüber sinniert, warum es nun untergegangen ist, kommt ihm vieles in den Sinn. Wie grosse und kleinere Puzzlesteine legt er die Teile nebeneinander: Da ist eine Ordensleitung, die nicht nur für die Schweiz schauen kann – und Bildungshäuser in anderen deutschsprachigen Ländern, die ebenfalls Ressourcen brauchen. Da ist eine Gemeinschaft, die erschreckt über ihr eigenes Altern und zu wenige junge Männer hat, um alle Missionen weiterzuverfolgen. Da gab es einschneidende Veränderungen in der Leitungsstruktur: Mit der reformierten Pfarrerin Noa Zenger war 2023 die letzte den Jesuiten externe in der Leitung des Hauses gegangen, die in inhaltlichen Fragen massgeblich mitgeprägt hatte – ein Erfolgsrezept seit den Anfängen, in wechselnden Kooperationen erst mit Ingenbohler Schwestern, dann zum Beispiel mit dem Theologen-Ehepaar Imhasly, später mit den Frauen des Katharina Werks. Dann die Nachbarschaft zur katholischen Kirche in Zug und Kooperationsbemühungen über den Kanton hinaus, mit Diözesen, Kantonalkirchen, Pfarreien – die weitestgehend erfolglos blieben. Der Einbruch durch die Corona-Pandemie natürlich. Oder technische Fragen wie beispielsweise, dass 2022 bei einer Systemumstellung im Haus wesentliche Daten verloren gegangen waren. Oder ideologische Fragen: Kann es sein, dass man Sorge hatte, wo doch das Lassalle-Haus nicht ausschliesslich christliche Spiritualität anbot? Sondern auch fernöstlichen Zen – und mit Hugo Enomiya Lassalle sogar benannt ist nach einem, der zwar Jesuit war, das christliche aber und das fernöstliche lebte?
«Ich werde die Lassalle-Gemeinschaft weiterhin mittragen», sagt Toni Kurmann und tischt Käseschnitten aus dem Ofen auf. Wir sitzen in der Küche der Hausgemeinschaft, Angestellte gibt es keine mehr. «Mir ist die Dimension von Lassalle zu wichtig, der die verschiedenen Welten miteinander verbinden wollte.» Die Lassalle-Gemeinschaft, das ist jene Gruppe von Freiwilligen und Verbundenen, die sich im Mai 2025 als Reaktion auf die Schliessung der Hotellerie gegründet hatte, unter dem Motto «Gemeinschaft neu denken und ein Zeichen setzen – dem Erbe Zukunft verleihen». Dieser Gemeinschaft verbunden bleiben, ja. Und dem Orden? Ich verstecke mich ein wenig hinter meiner Käseschnitte und getraue mich, die Frage zu stellen: Fühlst du dich von deinem Orden allein gelassen? «Die vergangenen Monate haben mich in eine existenzielle Krise gebracht.» Trotz der Emotionen, die jetzt sichtbar sind, nur in den Augen – und es sind derer viele – kommt ein weiterer Satz. «Wenn ich es ernst nehme mit meiner Berufung, wenn ich die Menschen in den Blick nehme… und nicht meine Verletztheit…». Der Satz bleibt an dieser Stelle offen.
Immer wieder sagt Toni Kurmann, es müsse doch eine Bewegung geben hin zum Guten. «Ich habe die tiefe Sehnsucht, dass hier etwas entsteht, das den Menschen dient.» Ich frage ihn, was er dazu beiträgt. «Im Moment, dass ich das Lassalle-Haus nicht fallen gelassen habe.» Es habe verantwortliche Stimmen gegeben, die sich vorgestellt hatten, die Jesuiten zögen sich unmittelbar nach Verkünden des Aus zurück. Und nun müsse er, der bisher immer den Oberen gefolgt war, zunächst loslassen. «Das ist mein starker innerer Prozess. Ich muss diesen ernst nehmen.» Einfachhin wegzugehen wäre für ihn «einer Amputation gleichgekommen». Er zitiert seinen Mitbruder Niklaus Brantschen: «Wir müssen loslassen lernen, ohne aber fallenzulassen.»
Was anfänglich noch nicht zur Diskussion stand, hatte die Provinzleitung in der Zwischenzeit in Aussicht gestellt: die Absicht, auf Pfingsten 2026 «Bad Schönbrunn als kanonischen Standort der Jesuitenkommunität aufzulösen». Auch die Jesuiten selbst sollten also den Ort verlassen. Im Februar ist es dann beschlossene Sache: Toni Kurmann, Niklaus Brantschen und Bruno Brantschen gehen an neue Wirkungsorte.
Alexandra Wey
Niklaus Brantschen SJ
Es ist der Tag, nachdem die Jesuiten entschieden haben, ihre Existenz in Bad Schönbrunn zu beenden. Wir sitzen oben, im Wohnzimmer mit Kamin, der aussieht wie lange erloschen. Die Buchrücken an den Wänden ausgeblichen von Jahrzehnten – es hat wunderschönes Licht hier, auch an diesem Februartag, und einen Blick bis zum Zugerberg. Zur Rigi. Ich bin das erste Mal in diesem Raum. Er war Jesuiten und internen Gästen vorbehalten gewesen. Heute sind auch vier Studierende aus Berlin hier. Sie sind an einer multimedialen Abschlussarbeit für ihre Universität dran, möchten einen Film drehen, eine positive Perspektive finden: wie der Geist dieses Ort in die Zukunft geht. Niklaus, was bedeutet es für dich, dass die Jesuiten hier wegziehen?
«Im Januar war ich in Ludwigshafen, in einem Haus vom Bistum, das von Jesuiten betreut wird. Ich hab dort Jesuiten getroffen, die haben um mich geworben: Komm doch zu uns!» Niklaus Brantschen lächelt belustigt. «Das ist doch ein Witz! Warum sollte ich im Alter auswandern?» Es sei schön dort gewesen, das Angebot schmeichelhaft, auch attraktiv. Er lässt das Wort «Galionsfigur» fallen, als die ihn manche «übernehmen» wollten. Und sieht darin auch die Tragik: «Wenn einer stark ist, wird er zum Klumpenrisiko. Und das war ich aus verschiedenen Gründen immer mal wieder.» Nach einer Pause, jetzt spricht der Lehrer: «Nicht ‹weisst du noch› möchte ich fragen… sondern ‹weisst du schon›… was kommt, ist die Frage, was brauchen die Menschen, was tut mir gut.» Deswegen gefalle ihm das Projekt der vier Studierenden so gut. Er strahlt sie an. Das Narrativ in die Zukunft richten.
Niklaus Brantschen möchte nicht vom Abgang sprechen, lieber von einem Übergang. Derer es in der Geschichte des Hauses so manchen gegeben hat: vom Kurhaus zum Exerzitienhaus, dann zum Bildungshaus, schliesslich zum Lassalle-Haus. 53 Jahre Hausgeschichte von den insgesamt 97 in jesuitischer Trägerschaft hat Brantschen miterlebt. Bereits Ende der 1980er Jahre war zur Diskussion gestanden, das Haus mangels Auslastung abzustossen. 1993 war es dann seine Idee und sein Werk gewesen, den Ort als «Lassalle-Haus» neu auszurichten. «Lassalle steht für die Begegnung Ost-West, er steht für Zen und Exerzitien, die er vermittelt hat, er steht für Frieden.» Das sei dann in ein Programm mit den Schwerpunkten Spiritualität, interreligiöser Dialog und Verantwortung gegossen worden, etwas, das in den 1990er und frühen 2000er Jahren gefragt gewesen sei. Die Kurve guter Bettenbelegung war allerdings nach einem Hoch erneut abgeflacht: «Es kam der Moment, da war Zen überall, es wurde zur Mode. Überall Kissen, Zen gab es mit Rabatt, ein Ausverkauf. Und überall diese Gongs, zu Pausenzeichen verkommen.» Das Haus sieht er seit Jahren in der finanziellen Schieflage. 2016, mit der Generalsanierung, hätte es konzeptionell und ideell einen neuen Schub gebraucht. Kooperationen hätten gesucht werden müssen. «Immer dasselbe vom gleichen funktioniert nicht: Insofern bin ich der letzte, der sagt, man hätte jetzt keine Entscheidung treffen dürfen. Die Luft ist draussen.»
Ist der alte Hausherr womöglich froh um den Entscheid – im Sinne einer Chance? «Ich war selbst untröstlich, und musste viele Leute trösten. Sie sagten: Das darf doch nicht sein, das ist meine Heimat.» Und weiter: «Es ist auch für mich Heimat und – wie manche sagen – mein Lebenswerk, das zu Ende geht. Wobei ich in der Zwischenzeit so weit bin, zu sagen: Ich bin mehr als mein Werk.»
Bad Schönbrunn - eine Geschichte der Übergänge?
1860
Der Menzinger Dorfarzt Peter Josef Hegglin (1832-1893) eröffnet auf der quellenreichen Sonnenterrasse über dem Lorzentobel die «Wasserheil-Anstalt Bad Schönbrunn». Die praktizierten Kneipp-Methoden führen bald schon zu internationaler Bekanntheit. Ein eigens gebautes Tram fährt vom Bahnhof zur Anstalt, Bad Schönbrunn hat die erste Telefonnummer im Kanton.
1914
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs bleiben die ausländischen Gäste aus; finanzieller Abstieg.
1928 – ein erster Übergang
Für Fr. 337 000.- übernimmt der Verein Bad Schönbrunn treuhänderisch die ganze Liegenschaft für die Gesellschaft Jesu. Weitere Fr. 300 000.- wird es kosten, das ehemalige Kurhaus zu sanieren. Die Lage in einiger Entfernung von Zürich scheint günstig, unter anderem, weil der Jesuitenorden in der Schweiz noch verboten war.
1929
In Bad Schönbrunn eröffnet das erste Exerzitienhaus der Schweiz. Als Gründerfigur gilt Johann Baptist Villiger SJ (1874-1955). Die Ingenbohler Schwester Gottfrieda Camenzind (1888-1967) managed das Sekretariat und die Finanzen von der Gründung des Hauses bis zu ihrem Tod. 1938 werden erstmals die vollen Exerzitien der dreissig Tage mit Lehrerinnen durchgeführt. 1942 ein erster Kurs ohne Geschlechtertrennung mit Ehepaaren.
1967
Josef Stierli SJ (1913-1999) wird Direktor des Exerzitienhauses Bad Schönbrunn.
1968 – ein zweiter Übergang
Das baufällig gewordene alte Kurhaus weicht dem Neubau des Zürcher Architekten André M. Studer (1926-2007), der das Haus in harmonikaler Bauweise realisiert. Für die Innenarchitektur zeichnet Therese Studer Spoerry (1927-2025) verantwortlich. Die beiden sind ein Ehepaar. Der Gartenarchitekt Joseph A. Seleger (1926-2011) gestaltet die Umgebung.
1977
Niklaus Brantschen SJ (*1937) wird Direktor.
1987
Alois Baiker SJ (1932-2000) leitet das Haus zusammen mit HR-Fachfrau Erika Farkas.
1993 – ein dritter Übergang
Niklaus Brantschen SJ, jetzt Zen-Meister, wird ein zweites Mal Direktor. Er gibt dem Haus eine neue Ausrichtung und einen neuen Namen: Lassalle-Haus – zu Ehren des Jesuitenpaters Hugo Enomiya Lassalle SJ (1898-1990), einem Wegbereiter des Dialogs zwischen Zen und Christentum. Theres Bleisch (*1953) vom Säkularinstitut Katharina Werk und das Theologenehepaar Angelika und Andreas Imhasly-Humberg sind Teil der Leitungsgruppe.
1995
Niklaus Brantschen SJ und die Psychologin und Zen-Meisterin Pia Gyger (1940-2014) gründen das Lassalle-Institut, dessen Fokus auf ethische Fragen gerichtet ist.
2001
Lukas Niederberger SJ (*1964) wird Direktor des Lassalle-Hauses. Der Bildungsleiter Christian Rutishauser SJ (*1965) erweitert das Angebot im Bereich jüdisch-christlicher Dialog und theologisch-philosophische Reflexion von spiritueller Erfahrung.
2006
Die Stiftung Weltethos eröffnet im Lassalle-Haus eine Dependance.
2007
Christian Rutishauser SJ wird Direktor des Lassalle-Hauses.
2009
In Kooperation mit den Universitäten Freiburg i.Ue. und Salzburg starten Master-Studiengänge zur christlichen Spiritualität und zur spirituellen Theologie im interreligiösen Prozess.
2010
Der neue Direktor Tobias Karcher SJ (*1961) ruft das Lassalle Ethik Forum sowie den Dialog zwischen Medizin und Spiritualität ins Leben.
2013
Die Denkmalpflege des Kantons Zug stellt die Gesamtanlage des Lassalle-Hauses unter Denkmalschutz.
Januar 2015 bis März 2016 – ein vierter Übergang
Die Hauptsanierungsarbeiten werden am Stück durchgeführt, um den Betrieb möglichst wenig zu tangieren. Während der Bauzeit werden mehr als die Hälfte der Kurse im nahen Kloster Menzingen durchgeführt. Die meisten Mitarbeitenden können weiterbeschäftigt werden.
2016
Pfingsten, Wiedereröffnung.
2016
Die reformierte Pfarrerin Noa Zenger (*1975) leitet die Bereiche Kontemplation und Fasten.
2023
Im April wird Toni Kurmann SJ (*1964) Direktor des Lassalle-Hauses. Im Oktober übernimmt der Projektleiter Serge Rothenbuehler die Geschäftsführung und versucht, mit einem Angebot namens Hotel Simplicity das Haus aus den roten Zahlen zu führen.
2025 – ein fünfter Übergang?
Die Provinzleitung unter Thomas Hollweck SJ (*1967) gibt bekannt, dass Hotellerie- und Gastronomiebetrieb eingestellt werden. Die Lassalle-Gemeinschaft wird gegründet mit dem Ziel, das Erbe weiterzutragen.
2026
Pfingsten, Abschiedsfeier. Die Jesuiten verlassen das Lassalle-Haus. Die kanonische Jesuitenkommunität in Bad Schönbrunn ist aufgelöst.
Quellen:
Broschüre «Herzensobjekt Lassalle-Haus», 2016; Buch «Fünfzig Jahre mit Menschen unterwegs», 1979; ergänzt und aktualisiert.
Man kann einen wie Niklaus Brantschen fragen, warum er nichts unternommen hat. Einer mit Ideen, einer mit Kontakten. «Das Geld hättest du doch leicht aufgetrieben», fordere ich ihn heraus. «Ja», sagt er, «aber wer wäre da, etwas mit dem Geld zu machen?» Er meint die langfristige Perspektive. Ausserdem: Es gab die Zeit, da er ernstlich krank und von daher nicht einsatzfähig gewesen sei. Und: Es gab die Zeit, in der für die jüngere Generation klar gewesen sei, jetzt sei nicht mehr er am Ruder.
Brantschen teilt die Vermutung, dass es manchen Mitbrüdern fraglich sein könnte, wie «ignatianisch» Hugo Enomiya Lassalle tatsächlich gewesen sei. Zu viel interreligiöse Offenheit an diesem Ort? «Wie viel Dialog verträgt der Mensch?», fragt der Zen-Meister zurück. Und: Wie lässt sich ein gleichberechtigtes Nebeneinander zweier Traditionen, ein sich bereichern und ergänzen, vermitteln? «Als wir 1993 das Zendo einrichteten, fragte mich ein Mitbruder, ob das der Vorraum zur Kapelle sei. Diese Mentalität ist immer noch da: Zen als Vorkammer zu sehen, nur hilfreich für den christlichen Weg, um besser still zu werden.» Damit werde man allerdings weder dem einen noch dem anderen Weg gerecht. Auch führe es zu nichts, Zen zu dulden, insofern und solange es der Wirtschaftlichkeit des Ortes diene.
Man müsse loslassen, nicht fallenlassen. Was das denn jetzt für ihn heisse? «Wir sind gefordert, endlich zu leben, was wir predigen», hält er fest. «Es ist die Stunde der Wahrheit. Jetzt kommt auf den Tisch, was schöngeredet wurde.» Ich frage ihn, ob er ein Bild für diesen Prozess habe? «Phönix aus der Asche.» Fragt eine der Studentinnen nach, ob der Phönix im Zen etwas repräsentiere? «Wenn Zen etwas taugt», sagt er, «dann lässt es die Fähigkeit wachsen, der Realität ins Auge zu sehen.»
Alexandra Wey
Bruno Brantschen SJ
Als ich Bruno Brantschen im Advent 2025 an einer Veranstaltung begegne, sieht er mich traurig an: «Wir haben die Orientierung verloren… und damit meine ich nicht nur die Zeitung». 2009 war die Jesuitenzeitschrift «Orientierung» eingestellt worden, ebenfalls ein weithin geschätztes Produkt mit Ursprung in der Schweizer Jesuitenprovinz, nun würden sie das Lassalle-Haus loslassen müssen. Wer würden sie noch sein? Ein «wichtiger kirchlicher Identifikationspunkt» war ihnen mit dem Lassalle-Haus verloren gegangen. Das Haus habe viel Kraft gebunden – aber auch Struktur gegeben. Der grosse Teil des spirituellen Angebots des Ordens in der Schweiz sei hier gebündelt gewesen.
Bruno Brantschen sagt, er empfinde vor allem Trauer. «Trauer wegen jenen Menschen, die eine Heimat verloren haben und ein grosses Bedauern gegenüber denen, die wir enttäuscht haben. Wir haben mit dem Haus ein grosses Versprechen in die Landschaft gesetzt.» Für 24 Millionen Franken sei das Haus renoviert worden, vor zehn Jahren erst. «Vielleicht haben wir uns zu sehr auf der Idee ausgeruht, dass das Lassalle-Haus ein unangefochtener Leuchtturm in der Bildungslandschaft ist. Wir haben uns verrechnet.» Auch ihn frage ich, wie das passieren konnte: «Ich war immer der Meinung, wenn wir zu viele Gastkurse herein holen, dann vertreiben wir die Stille und damit den Geist, der uns ausmacht. Das war meine Angst.» Man habe zu stark auf Eigenprogramm gesetzt. «Das hat sich als fataler, strategischer Fehler entpuppt.» 85 Prozent der Kurse schätzt er waren eigene Kurse des Lassalle-Hauses – das habe schlichtweg zu wenig Belegung gebracht.
Das Lassalle-Haus in Zahlen
Grundfläche des Areals:
73 100 Quadratmeter
Gebäudefläche:
9 117 Quadratmeter
Bauvolumen:
28 500 Kubikmeter
Park:
ca. 30 000 Quadratmeter
Wald:
24 227 Quadratmeter
Das Haupthaus
6 940 Quadratmeter
76 Gästezimmer (50 mit eigener Nasszelle), Empfangsbereich, Wohntrakt der Jesuiten, Büros der Angestellten, vier Speisesäle, zwei Vortragsräume, zwei Kapellen, ein Zendo.
Die Alte Villa
707 Quadratmeter
12 Betten in drei einfachen Zimmern, sechs Seminarräume, fünf Einzelzimmer für Langzeitgäste mit Ess- und Wohnbereich, Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Dachgeschoss.
Die Forrenmatt
1 470 Quadratmeter
12 Mietwohnungen, multifunktionaler Saal für 250 Personen, drei Seminarräume.
Quelle:
Broschüre «Herzensobjekt Lassalle-Haus», 2016.
Seine Rolle war die des Superiors: Vorsteher der Jesuitengemeinschaft vor Ort, verantwortlich für die organisatorische und personelle Leitung derselben. Darüber hinaus war er jener, der in den letzten Jahren für den Exerzitienbereich verantwortlich war und viele dieser Kurse im Haus angeboten hat. «Ich stehe für den Exerzitienweg», sagt er, gleichzeitig stehe er auch zur Zen-Praxis unter demselben Dach. «Mit dieser Dialogkultur wirkten wir in die säkulare Gesellschaft. Wir hatten darin viel Glaubwürdigkeit, die Provinzleitung hat das auch gestützt.» Und so sei man «bis zuletzt voller Hoffnung» gewesen, «es war nicht im Blick, dass dieses bedeutungsvolle Haus schliesst». Die Zahl der Teilnehmenden war allerdings stark zurück gegangen: weniger bei den Exerzitien, vielmehr bei den Kontemplationskursen. Das Zen-Segment war dann ab Ende 2024 mit dem Weggang von drei Lehrern betroffen: «die Menschen sind uns weggebrochen».
Brantschen interpretiert das Ende des Lassalle-Hauses als «Weckruf»: «Wir jüngeren, die wir im Einsatz sind, fragen uns jetzt explizit nach dem gemeinsamen Weg». Bruno Brantschen zusammen mit den beiden anderen Superioren haben jüngst eine Gruppe von Schweizer Jesuiten zusammengebracht und mit ihnen einen Gesprächs- und Klärungsprozess angestossen. «Der Geist kann durch die Katastrophe, durch die Ernüchterung hindurch Neues bewirken», ist Brantschen überzeugt und auch, dass es sein Gutes habe, würden die Jesuiten «neu auf den Weg geschickt, zusammen zu finden und gemeinsam zu fragen». Schmerz und Verwerfungen hätten sich gezeigt, aber auch «die Hoffnung, dass wir leichtfüssiger werden».
Im Mittelpunkt stehen die Fragen, die für den Jesuitenorden nicht mit der Schliessung des Lassalle-Hauses beantwortet sind: Ob «grosse Häuser» noch zeitgemäss sind, wie lange sie sich mit den vorhandenen Kräften und unter den gesellschaftlichen Bedingungen weiterführen lassen – und was das bedeuten wird für das Kerngeschäft des Ordens, für die Bildungsarbeit.
Pater Anton (Toni) Kurmann SJ wurde 1964 geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre und Berufstätigkeit folgte die Erwachsenenmaturität 1989 in St. Gallen. Anschliessend studierte er Theologie in Fribourg und Innsbruck und begann in der Pfarreiarbeit in der Diözese St. Gallen. 1996 trat er ins Noviziat der Jesuiten ein. Von 1998 bis 2001 war Toni Kurmann Studierendenseelsorger an den Zürcher Hochschulen. 2001 bis 2004 folgte ein Masterstudium in Entwicklungssoziologie an der Universität Ateneo de Manila auf den Philippinen. Von September 2004 bis April 2023 war er Missionsprokurator und verantwortlich für das Hilfswerk «jesuitenweltweit» in Zürich, verbunden mit Projekt-Reisetätigkeit in Afrika, Asien und Südamerika. Seit 2018 ist Toni Kurmann Mitglied der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz im Bereich Weltkirche und Mission. Von Mai 2023 bis Pfingsten 2026 leitete er das Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn.
Toni Kurmann zu seiner Zukunft: «Ganz vom Geist von Hugo Enomiya Lassalle inspiriert, werde ich durch Bildungsprojekte Brücken zwischen Menschen und Kulturen mitbauen dürfen bei Jesuit Worldwide Learning in Genf.»
Pater Niklaus Brantschen SJ, geboren 1937, ist Zen-Meister und katholischer Ordensmann. Er zählt ohne Frage zu den grossen geistlichen Lehrern des deutschsprachigen Raumes. Begründer und langjähriger Leiter des Lassalle-Hauses in Bad Schönbrunn, bis 2002 Leiter des Lassalle-Instituts für Zen-Ethik-Leadership. Der Schweizer Jesuit ist über die Grenzen des Landes hinaus bekannt als spiritueller Buchautor und Seminarleiter.
Niklaus Brantschen zu seiner Zukunft: «Auch an meiner neuen Adresse am Zürcher Hirschengraben 74 werde ich Menschen zu Gesprächen empfangen. Überdies ist ein neues Buch geplant. Mehr will ich nicht verraten, denn das Huhn sollte nicht gackern, bevor das Ei gelegt ist.»
Pater Bruno Brantschen SJ wurde geboren 1965 in St. Niklaus im Kanton Wallis in einer Bauernfamilie. Er ist seit 1993 Jesuit. Ein prägendes Erlebnis: ein Sozialeinsatz 1990 in Südafrika während der Zeit der Apartheid. Die Suche nach einer Verbindung zwischen Psychologie und Spiritualität sowie die Faszination für die Exerzitien von Ignatius von Loyola führten ihn zu den Jesuiten. In diesen Bereichen konnte er sich im Orden durch Studien und Weiterbildungen gezielt vertiefen. Während dem Abschluss seiner Ausbildung im Jesuitenorden hatte er Gelegenheit, eine Zeitlang bei Aborigenes in Alice Springs zu arbeiten. Seit 2013 lebte und arbeitete er im Lassalle-Haus, er war zuständig für die Bereiche Exerzitien, Geistliche Begleitung, Exerzitienausbildung sowie für Langzeitgäste.
Bruno Brantschen zu seiner Zukunft: «Ich werde Ende Juni wieder dorthin zurückkehren, woher ich vor gut 13 Jahren kam: Basel. Meine bisherigen Felder von Exerzitienarbeit, Geistlicher Begleitung und spiritueller Weiterbildung bleiben. Neu werde ich mich im synodalen Prozess engagieren: zuhören lernen und andere dabei begleiten, das bleibt mir Aufgabe.»