Die Enzyklika trägt den Titel «Magnifica humanitas», auf Deutsch «grossartige Menschheit». Sie sagen, schon der Titel sei ein Statement. Warum?
In den Debatten über künstliche Intelligenz entsteht oft der Eindruck, als stünde die Menschheit praktisch vor dem Untergang, als übernehme im dramatischsten Fall KI die Herrschaft über die Menschen. Papst Leo sagt das Gegenteil: Die Menschheit ist grossartig – auch, weil sie diese Technologie entwickelt hat, aber vor allem, weil jedem Menschen eine Würde zu eigen ist.
Bei der Veröffentlichung wurde die Enzyklika als eine Art «Regierungserklärung» des Papstes bezeichnet. Ist sie das?
Nicht in dem Sinne, dass der Papst ein Programm vorlegt, was er in seinem Pontifikat alles entwickeln möchte. Aber die Enzyklika zeigt, dass Leo die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellt und zugleich auch deren Verletzlichkeit. Eines der zentralen Themen seines Pontifikats ist offensichtlich die Frage nach dem Frieden. Der Papst nimmt die Zeichen der Zeit wahr und bezieht sie in sein Pontifikat ein, das zeigt auch das Thema KI.
Papst Leo XIII. veröffentlichte 1891 die erste Sozialenzyklika überhaupt. Er reagierte damit auf die Folgen der Industrialisierung, auf die Ausbeutung der Arbeiter und die Massenarmut. Sehen Sie Parallelen zu heute?
Ja, ich denke, KI stellt eine vergleichbare epochenmachende Umwälzung dar. Sie betrifft alle Gebiete menschlichen Lebens, alle gesellschaftlichen Gruppen, und sie rührt grundsätzlich an unser Verständnis des Menschen und der Menschheit. Mit seiner Namenswahl hat Leo schon eine Art Versprechen abgegeben, sich den damit verbundenen Herausforderungen zu widmen.
Nun warnt der Papst vor der Gefahr eines «technokratischen Paradigmas». Was meint er damit?
Damit bezieht er sich auf seinen Vorgänger, Papst Franziskus hat eine sich verselbständige technologische Entwicklung mehrfach deutlich kritisiert. Leo spricht ausgewogener, ihm geht es weder um eine Generalkritik der Technologie noch um einen grundsätzlichen Kulturpessimismus. Was er kritisiert, ist eine immer weiter gehende Entwicklung, einen Grössenwahn, der die Menschen glauben lässt, alles erreichen zu können.
Der Wahrheitsbegriff steht im KI-Zeitalter besonders unter Druck. Sie sagen, Papst Leo rahme den Begriff bewusst politisch. Wie meinen Sie das?
Für Leo ist Wahrheit ein Gemeingut des demokratischen Lebens. Das heisst: Wer die Wahrheit untergräbt – mit Fake News, Deep Fakes oder polarisierenden Narrativen –, der untergräbt auch die Demokratie. Ausserdem kann es Wahrheit für Leo nur geben, wo Verantwortung und Vertrauen bestehen. Das heisst, Wahrheit muss verhandelt werden. Sie ist kein fertiges Gebäude aus dogmatischen Grundsätzen, die wir einfach umsetzen oder verkündigen sollen. Es ist bemerkenswert, dass ein Papst das so schreibt.
Auch dass ein Papst sich ausführlich dem Freiheitsbegriff widmet, ist neu.
Ja, er spricht von der Freiheit, sich zu bilden, das eigene Gewissen zu schulen und anhand eigener Erfahrungen und vernünftiger Überlegungen zu argumentieren. Diese Sicht auf die Freiheit war auf Seiten des kirchlichen Lehramts bisher nicht sehr präsent. Leo sieht die Freiheit durch KI in zweierlei Hinsicht bedroht. Zum einen fragt er, ob beim Abbau der seltenen Erden nicht Menschen, vor allem Kinder, neu versklavt werden. Ausserdem weist er auf die Gefahr der Abhängigkeit hin, die digitale Plattformen mit sich bringen.
Eine in vielen Kommentaren zitierte Formulierung aus der Enzyklika ist die Forderung Leos, die «KI zu entwaffnen». Ist das überhaupt noch möglich?
Dass KI in kriegerischen Kontexten eingesetzt wird, lässt sich wohl nicht mehr rückgängig machen. Aber Leo sagt, man darf die KI nicht sich selbst überlassen. Sie muss lebensfreundlich eingesetzt werden. In einem Krieg könnte das heissen, mit Hilfe von KI zumindest zivile Opfer zu vermeiden. Niemals dürfen Maschinen über Leben und Tod bestimmen. Es gilt die Formel «human in the loop», das heisst, wenn es um diese Entscheidungen geht, muss immer ein Mensch beteiligt sein.
Künstliche Intelligenz ist im Vatikan schon lange ein Thema. Letzte Woche wurde eine eigene KI-Kommission eingerichtet, Leitlinien für den Umgang mit KI gibt es bereits. Wie schätzen Sie den Einfluss dieser Massnahmen ein?
Der Vatikan geht mit gutem Beispiel voran. Wenn man in die Geschichte schaut, ist das nicht selbstverständlich. Der Vatikan setzt bereits das um, was der Papst für alle Staaten fordert: die Einführung von Regulierungsinstrumenten und einer unabhängigen Aufsicht. Es ist allerdings noch offen, wie das umgesetzt werden kann, vor allem in Ländern, die nicht oder nicht mehr demokratisch geführt werden.
Die Enzyklika stellt auch die Entwicklung der katholischen Soziallehre dar. Leo betont, dass deren Prinzipien, etwa Subsidiarität und soziale Gerechtigkeit, sowie die Menschenrechte auch innerhalb der Institution Kirche selbst angewendet werden müssten. Das ist bisher nur in Ansätzen der Fall…
Das stimmt, und ich glaube nicht, dass sich schlagartig viel ändern wird. Aber der Papst entfaltet das sehr ausführlich, und wenn er das so prominent in so einem wichtigen Text tut, muss er sich auch daran messen lassen. Ich bin gespannt, ob er damit in nächster Zeit weiter ernst macht. Das wäre jedenfalls mehr als wünschenswert.
zvg privat
Ursula Nothelle-Wildfeuer (*1960) ist Professorin für Christliche Gesellschaftslehre und Sozialethik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. Sie forscht unter anderem zu Fragen von Kirche und Religion in Staat und Gesellschaft, zu Rechtspopulismus und der Tradition der kirchlichen Sozialverkündigung.