Susanne Altoè ist Seelsorgerin im Gesundheitszentrum Dielsdorf, Präsidentin des Berufsverbands Seelsorge im Gesundheitswesen und Delegierte für Pastoral für betagte Menschen der Bischofskonferenz.
Christoph Wider
Die Kirche ist für Alte: Was viele denken und manche aussprechen, klingt nicht nach Kompliment, eher nach Restposten, Auslaufmodell, Spätprogramm. In vielen Kirchenbänken sitzen tatsächlich mehr graue Köpfe als bunte. Aber ist es nicht auch erstaunlich und revolutionär, dass in unseren Pfarreien oft jene das Gewebe der Gemeinschaft ausmachen, mit denen die grossen Arenen der Gesellschaft gar nicht mehr rechnen?
Dass sie es nur zufällig in der Kirche tun, den Fliehkräften von Vereinzelung und Bedeutungslosigkeit zum Trotz, das glaube ich nicht. Denn die Kirche öffnet bewusst Räume: in denen Lebenserfahrung nicht als sentimentales Beiwerk gilt, in denen auch jene Biographien ohne Instagram-Charakter die Liebe eines treuen Gottes erahnen lassen, Räume, in denen Gesänge, Gebete und Geschichten Menschen zusammenführen, über Kulturen, Kontostand oder Körperkraft hinweg. Genau dies gehört zur DNA der Kirche: Vertrautes gibt Halt und kann in eine innere Weite und Freiheit führen, die auch kein Rollstuhl zu nehmen vermag.
Mit erstaunlicher Ausdauer kann man sich an das Mantra «dynamisch, neu, flexibel» klammern, zumindest bevor man selber älter wird. Wir könnten uns schon viel früher fragen, was uns nährt und was uns tragen wird, wenn die Kräfte dann schwinden. «Ich kann nichts mehr tun» als Ausdruck von verlorener Teilhabe am Leben – das ist der Schmerz vieler, die alt werden, und es ist schwer zu hören für jene, die sie lieben. Doch sind wir nicht mehr als unsere Nützlichkeit? Ahnen wir noch die Kraft geduldig ertragener Nächte jener Frau, die nichts mehr festzuhalten hat als den Rosenkranz, oder das «Gott, hilf!» des Mannes, der die Namen seiner Kinder nicht mehr weiss?
Die Seele ist das Einzige am Menschen, was bis zum letzten Atemzug geheimnisvoll an Kraft gewinnen kann.
Manche sagen, wir stehen als Kirche und Gesellschaft an einer Schwelle. Was aber, wenn es nicht nur eine «Phase» wäre, dass diese Ostern auch in europäischen Ländern Rekordzahlen junger Menschen in die Kirche aufgenommen wurden? Was, wenn
Generation Z und Alpha, die offenbar zu stricken beginnt, fischen geht und ein «Dumb-Phone» smart findet, tatsächlich auch nach Lebenssinn und einer «Kraft aus der Tiefe» sucht, die nicht vergänglich ist? Dann bräuchte es nicht nur «neue Formate», sondern auch die Menschen, die das zeitlose Feuer des Evangeliums durch den Winter getragen und die gehofft haben, als es nicht im Trend lag.
Das gelebte Leben, genau wie Glaube, Hoffnung und Liebe, kann man nicht downloaden. Kein Kurs vermittelt tatsächlich, wie sich Krisen anfühlen, wie man trotzdem den Tisch deckt und ein Licht anzündet. Aber unsere Grossmütter und Grossväter, auch jene, mit denen wir nicht verwandt sind, können erzählen, wie sie Streit überlebt und Versöhnung gefeiert, Verlust ausgehalten, Neues gewonnen und dabei Hoffnung und Freude je neu entfacht haben.
Alt werden ist nicht rosarot, aber Teil des Lebens, das berührt sein kann von Weisheit, Liebe und Dankbarkeit. Jene, die uns Anteil geben an ihrer Erfahrung – wertvoller als Gold. Vielleicht ist genau das eine der grossen, leisen Stärken der Kirche: Jene Menschen, die einen Brunnen kennen und uns ermutigen, unseren Weg dorthin zu suchen. Weil sie aus ihm geschöpft haben, lange bevor es uns gab.