Lauter gute Nachrichten

Altern ist für viele Menschen keine schöne Vorstellung. Völlig zu Unrecht, findet Heike Bischoff-Ferrari. Die Medizinerin sieht im Alter eine spannende  Lebensphase, die sich aktiv gestalten lässt – ganz ohne teure Longevity-Angebote.

Frau Bischoff-Ferrari, Ihr Forschungsgebiet gesunde Langlebigkeit ist gerade in aller Munde. Freut Sie das?

Es ist sehr eindrücklich, wie das Thema in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist. Und es ist höchste Zeit: Für die Schweiz erwarten wir schon ab 2050, dass jeder dritte Mensch älter sein wird als 65. Damit müssen wir uns beschäftigen, nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf individueller Ebene. Wir wissen aus Studien, dass die Menschen sich Konzepte wünschen, wie sie länger gesund und aktiv bleiben können. 

Wer sich über diese Frage informieren will, findet unter dem Stichwort Longevity viele Angebote – von Kältebehandlungen bis zu Nahrungsergänzungs­mitteln. Wie beurteilen Sie das?

Ein wenig wie im Wilden Westen – jeder kann bewerben, was er will. Wir haben aber bei vielen dieser Angebote keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass sie wirksam und ungefährlich sind. Ich höre immer wieder von Menschen, die mit Leberversagen ins Krankenhaus kommen, weil sie alle möglichen Supplemente eingenommen haben, von denen nicht erforscht ist, ob sie einzeln sicher sind und wie sie zusammenspielen.

Heike Bischoff-Ferrari gehört zu den führenden Altersforscherinnen Europas. Sie hat an der Harvard School of Public Health in Boston (USA) promoviert und war ab 2013 Professorin für Altersmedizin und Altersforschung an der Universität Zürich. Seit Sommer 2025 hat sie die Klinische Professur für Altersmedizin an der Universität Basel inne. Dort leitet sie zudem den Aufbau des Schweizer Campus für gesunde Langlebigkeit.

Gleichzeitig kursieren Behauptungen, dass wir schon bald zweihundert Jahre alt werden könnten. Ist das realistisch?

Das ist nicht die Frage, die uns in der seriösen Altersforschung umtreibt. Es geht uns nicht darum zu erforschen, wie wir möglichst alt werden – sondern wie wir möglichst lange gesund bleiben. In Europa liegt die mittlere Lebenserwartung heute bei 80, die gesunde mittlere Lebenserwartung aber nur bei 64 Jahren. Das ist eine Riesenlücke, und die versuchen wir zu verkleinern. Der beste Weg ist, den biologischen Alterungsprozess zu verlangsamen.

Warum?

Weil das Alter der grösste Risikofaktor für alle chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Krebs oder Demenz ist. Schaffen wir es, den Alterungsprozess auch nur ein wenig zu verlangsamen, kann das grosse Effekte haben in der Verminderung dieser Erkrankungen. Und hier habe ich gute Nachrichten: Den stärksten Einfluss auf den Alterungsprozess haben gesunde Lebensstilfaktoren. Sie sind allen Menschen zugänglich – anders als viele Langlebigkeitsangebote, die derzeit beworben werden und sehr teuer sind.

Welche Faktoren sind das?

Ausreichend Schlaf, was wichtig ist für die Regeneration, den Energiehaushalt und die Demenzprävention. Eine gesunde Ernährung, am besten eine mediterrane Diät aus viel Gemüse, gesunden Fetten und Eiweissquellen wie Hülsenfrüchten, weissem Fleisch oder Fisch. Zentral ist auch Bewegung, wobei die leichte physische Aktivität das stärkste Signal hat auf den biologischen Alterungsprozess: 6000 bis 8000 Schritte pro Tag zu gehen, senkt die frühzeitige Mortalität um 40 Prozent. 

Gibt es weitere Lebensstil-Fragen, die sich positiv auf das Altern auswirken?

Nicht rauchen – das liegt eigentlich auf der Hand. Etwas weniger naheliegend, aber ebenfalls zentral ist die Lebenseinstellung: Neugierig bleiben, Neues ausprobieren, weiterhin am Leben teilhaben. Auch eine Aufgabe zu haben, ist wichtig, um den Alterungsprozess zu verlangsamen. Und: Eine gute Stressbewältigung senkt die Entzündungsreaktion im Körper, die mit dem Alter zunimmt und an allen Organfunktionen nagt. Das kann bedeuten, sich zehn Minuten am Tag bewusst zu entspannen oder zu meditieren.

Wie wichtig ist die soziale Interaktion bei all diesen Fragen?

Sie ist so etwas wie der Schlüsselfaktor. Wir wissen aus Studien, dass Einsamkeit ein grösserer Risikofaktor für frühzeitiges Sterben ist als 16 Zigaretten oder 6 alkoholische Einheiten am Tag, als Immobilität und Übergewicht. Wenn Menschen einsam sind, löst das grosse Stressreaktionen aus, die wir im Blut messen können. Ohne ein Netzwerk fehlen die Menschen, mit denen wir unsere Themen besprechen können, es fehlt aber auch die Motivation, gesund zu essen, sich zu bewegen, aus dem Haus zu gehen. Es fehlt die kognitive Stimulation. Darum korreliert Einsamkeit auch mit einem höheren Demenzrisiko. 

Wie gross ist das Problem der Einsamkeit?

Aus den USA kommen besorgniserregende Daten, wonach sich bis zu 70 Prozent der jungen Menschen und bis zu 50 Prozent der älteren Menschen einsam fühlen. In der Schweiz gibt es noch keine Untersuchungen dazu. Wir haben aber den Verein «Connect!» gegründet, um Einsamkeit zu erfassen und dagegen anzugehen. Im Gespräch mit älteren Menschen höre ich oft, dass es schwieriger wird, Kontakte zu knüpfen, gerade wenn die Gleichaltrigen in der Familie oder im Bekanntenkreis bereits gestorben sind. Deshalb ist es eine zentrale Strategie über die gesamte Lebensspanne, die sozialen Kontakte stetig auszuweiten und das Netzwerk zu verjüngen. Das ist nicht leicht, es braucht Energie und Einsatz. Aber es lohnt sich. 

Heike Bischoff-Ferrari weiss: Viele kleine Veränderungen haben auch im Alter einen grossen Effekt.

Anderes klingt dagegen einfach – ausgewogen essen, sich mehr bewegen – und doch halten wir uns oft nicht daran. Woran liegt das? 

Super Frage – wir haben noch keine guten Konzepte, Menschen dabei zu unterstützen, gesunde Lebensstil-Faktoren dauerhaft in ihr Leben zu integrieren. Was wir aber bereits wissen: Wir brauchen einerseits niedrig gesteckte Ziele, die wir schrittweise erweitern können. Und andererseits konkrete Strategien, um diese Ziele zu erreichen und den inneren Schweinehund zu besiegen. Was mache ich beispielsweise, wenn es regnet und ich keine Lust habe, zu Fuss zu gehen? Höre ich meine Lieblingsmusik oder frage ich eine Nachbarin, ob sie mitkommt? In einem aktuellen Forschungsprojekt arbeiten wir mit einer Motivations-rückmeldung, wo man für das Erreichte am Wochenende digital eine Gold-, Silber- oder Bronzemedaille erhält.

Das erhöht aber auch den Druck. Müssen wir uns tatsächlich andauernd vermessen, herausfordern und überwachen, um gesund zu leben?

Sie sehen vielleicht, dass ich auch keine Fitnessuhr trage. Es gibt aber Menschen, die sich dadurch motivieren können, dass sie ihre Schrittzahl verfolgen. Oder denen eine Uhr am Handgelenk hilft, besser auf sich zu hören – mehr Pausen zu machen, zum Beispiel. Aber es sollte nicht zu einer Überwachung kommen, und schon gar nicht zu einer Bestrafung, wenn man ein Ziel nicht erreicht hat. Wichtig ist hier auch das, was ich die Magie der additiven Effekte nenne: Viele kleine Veränderungen in verschiedenen Lebensstilfragen haben die grösste Wirkung auf unser biologisches Alter. Auch das ist doch eine gute Nachricht!

Allen guten Nachrichten zum Trotz: Das Alter wird noch immer oft negativ wahrgenommen. Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein, heisst es.

Das ist ein ganz wichtiges Thema, denn wir wissen aus der Forschung, dass sich Altersbilder auf den Alterungsprozess auswirken. Wir haben in einer Studie gesunde Langlebigkeit in fünf Ländern untersucht, in der Schweiz, in Österreich, Deutschland, Frankreich und Portugal. Meine Hypothese war, dass Portugal am besten abschneiden würde. Aber ich lag sowas von falsch: Es gab dort nur 9 Prozent «Healthy Agers», in der Schweiz dagegen über 50 Prozent. Die Portugiesinnen und Portugiesen waren weniger mobil, hatten mehr chronische Erkrankungen und nahmen mehr Medikamente ein. Also haben wir uns gefragt: Was ist da los?!

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Der entscheidende Punkt war das Altersbild. Unsere Schweizer Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren immer unterwegs, voll aktiv. In den mediterranen Ländern, das zeigen auch andere Studien, ist die Zahl «65» immer noch mit «nun bin ich alt» verbunden. Das ist hier bereits anders: In einer 2015 durchgeführten Studie in der Schweiz bei Menschen zwischen 70 und 80 fühlten sich Männer 18 Jahre jünger und Frauen 12 Jahre jünger. 

Das heisst, ein positives Altersbild wirkt sich positiv auf das biologische Alter aus?

Genau. Es geht um dieses Schubladendenken: Alte Menschen seien angeblich nicht kreativ, nicht flexibel, nicht mobil – das stimmt natürlich nicht. Ich bin befreundet mit dem Bassisten von Deep Purple, der kürzlich 80 geworden ist. Die Band hat dieses Jahr eine ihrer grössten Tourneen. Oder nehmen Sie Mick Jagger …

… der aber kaum einen gesunden Lebenswandel haben wird!

Oh doch! Es ist bekannt, dass Jagger heute extrem gesund lebt und täglich Yoga und Tanzübungen macht, auch wenn die Stones natürlich in jungen Jahren wilde Zeiten hatten. Das ist ein super Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist für einen gesunden Lebensstil.

Was Pfarreien bieten …

Es wird gemeinsam gekocht, gesungen, getanzt; es gibt Mittagstische, Erzählcafés, Wanderungen, Fitness-Angebote, Referate und natürlich Gottesdienste und Gebete. Pfarreien bieten viel für Menschen im Alter.

Angebote gibt es in der Agenda auf unserer Website zu entdecken. Setzen Sie den Filter «65+», und Sie finden unzählige Veranstaltungen und Gemeinschaftsanlässe der Zürcher Pfarreien.

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