Manuel Buchmann ist promovierter Ökonom. Als Lehrbeauftragter der Universität Basel und Projektleiter im unabhängigen Kompetenzzentrum Demografik berät er öffentliche und private Organisationen.
Christoph Wider
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die SVP-Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» ab. Das Volksbegehren verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung bis 2050 die Marke von zehn Millionen nicht überschreitet – notfalls durch Kündigung der Personenfreizügigkeit. Bundesrat und Parlament lehnen diese Initiative ab. Die grundlegende Frage stellt sich jedoch unabhängig vom Abstimmungsresultat: Was bedeutet dieses Wachstum demografisch? Und woher kommt es? Vor allem aber: Wie lange wird es noch anhalten?
Die Geburtenrate liegt in der Schweiz bei 1,28 Kindern pro Frau. Für eine langfristig stabile Bevölkerung braucht es 2,1 – eine Schwelle, die die Schweiz seit 1970 nicht mehr erreicht hat. Je nach Projektion könnte die Schweiz bereits im kommenden Jahr mehr Todesfälle als Geburten verzeichnen: Der sogenannte natürliche Bevölkerungssaldo wird erstmals negativ. Rund 80 Prozent des Schweizer Bevölkerungswachstums der vergangenen Jahre gingen bereits auf Wanderungsüberschüsse zurück, zukünftig werden es 100 Prozent sein. Die 10 Millionen sind also primär ein Migrationsereignis – ob man das begrüssen oder bedauern mag.
Zuwanderung erfüllt dabei eine doppelte demografische Funktion: Sie kompensiert den Geburtenrückgang und sie verlangsamt die Alterung der Gesellschaft. Zuzüge aus dem Ausland – im Schnitt jünger als die einheimische Erwerbsbevölkerung – stabilisieren die Altersstruktur und damit die Tragfähigkeit der Sozialwerke. Das bedeutet: Bei einer Begrenzung der Schweizer Bevölkerung auf 10 Millionen kämen mittelfristig jährlich mehrere Milliarden AHV-Defizit hinzu. Und über 41 Prozent der in der Schweiz tätigen Ärztinnen und Ärzte haben heute ein ausländisches Diplom. Das sind keine Randnotizen, sondern systemrelevante Grössen.
Zuwanderung ist jedoch nicht nur ökonomisch nützlich. Sich mit anderen Kulturen, Sprachen und Lebensweisen auseinanderzusetzen, ist eine Bereicherung – für Individuen ebenso wie für Institutionen. Diversität stärkt nachweislich Innovationskraft und Problemlösungsfähigkeit.
Als mehrsprachiges, föderales Land mit langer Immigrationsgeschichte ist die Schweiz dafür strukturell gut gerüstet – vorausgesetzt allerdings, Integration wird als gesellschaftliche Aufgabe ernst genommen und nicht dem Zufall überlassen.
Trotzdem wäre es verfehlt, Zuwanderung als eine dauerhaft verfügbare Ressource zu behandeln. Wenn auch die Herkunftsländer – Portugal, Spanien, Deutschland, Italien – mit schrumpfenden Erwerbsbevölkerungen kämpfen, wird qualifizierte Migration knapper und umkämpfter. Die Schweiz konkurriert bereits heute mit Deutschland, Kanada und Australien um dieselben Fachkräfte. Das Fenster schliesst sich – und mit ihm die bequeme Lösung gegen die Überalterung der Gesellschaft, die wir in der Schweiz jahrzehntelang nicht als solche bezeichnen wollten.
Die Abstimmung vom 14. Juni ist deshalb mehr als ein Streit über eine runde Zahl. Sie ist eine Auseinandersetzung darüber, auf welchem demografischen Fundament der Schweizer Wohlstand künftig stehen soll.
Eine Bevölkerungspolitik, die allein auf Migration setzt, verschiebt das Problem. Eine Bevölkerungspolitik, die Migration verhindert, verschärft es. Gebraucht wird eine langfristige Strategie, die beide Hebel kennt und dort ansetzt – bei Geburtenrate und Zuwanderung. Und sie müsste die damit verbundenen gesellschaftlichen Kosten und Chancen klar benennen. Das wäre eine nüchterne, evidenzbasierte Debatte. Bis jetzt führt die Schweiz diese Debatte allerdings nicht.
zvg
Podcast Stammtisch: Die 10-Millionen-Initiative und das Geschenk des Streits
Veronika Jehle und Felix Reich knöpfen sich in ihrem Podcast die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» vor. Im ersten Versuch scheitern sie, dann geraten sie in einen Streit, ohne sich zu zerstreiten, und kehren am nächsten Morgen mit vom Disput gewaschenen Köpfen an den Stammtisch zurück.
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