Kein Leben im Museum

Beim Entscheid zur «10 Millionen Schweiz» geht es auch um Musealisierung und um unser Verhältnis zu Entwicklung und Dynamik. Das gilt für die Kirche genauso wie für die Gesellschaft. Ein Kommentar zur eidgenössischen Abstimmung.

Kirchenmuseum in Brügge

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Beschränkung auf eine «10 Millionen Schweiz» sei eine Nachhaltigkeitsinitiative, vielleicht sogar ökologisch motiviert. Tatsächlich geht es jedoch ein weiteres Mal darum, die Zuwanderung möglichst zu stoppen. Ich mag sie schon gar nicht mehr zählen, die vielen fremdenfeindlichen Initiativen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Egal ob sie abgelehnt oder angenommen werden: Es folgen immer wieder neue Vorstösse. Und sie tun ihre Wirkung, selbst wenn sie abgelehnt werden. Die Gesetze zur Zuwanderung wurden verschärft.

Die Verfechter der «10 Millionen Schweiz» scheint dieser realpolitische Erfolg jedoch nicht zu besänftigen, sie können von der Bewirtschaftung ihres Themas einfach nicht ablassen, selbst wenn sie sich dabei immer tiefer in Widersprüche verstricken. Sie ignorieren beispielsweise, dass ihre Initiative vor allem die konservativ geprägte Einwanderungspolitik in Frage stellt. Und sie fordern Lenkungsmittel, die sie sonst lauthals als «links» verschreien. Sie geben sich liberal und wachstumsfreundlich, während sie bei der Einwanderungspolitik planwirtschaftlich und quotenfixiert argumentieren.

Die Schweiz hat tatsächlich ein dringendes demographisches Problem: Es heisst Überalterung. Und diese Herausforderung ist hausgemacht. Wenn die «echten Schweizer und Schweizerinnen» in der demografischen Entwicklung auf sich allein gestellt wären, würde unser System sehr schnell kollabieren und flächendeckend Armut ausbrechen.

Es ist richtig: die Integration von Migrantinnen und Migranten ist eine Herausforderung. Aber es gab Zeiten, wo die Schweiz selbstbewusst auf die Überzeugungskraft einer bis ins Mark demokratischen Zivilgesellschaft vertraute, auf ein Gemeinwesen, das vor Ort das Zusammenleben organisierte. Auf Werte, die so attraktiv sind, dass man sich gerne in deren Trägergesellschaft integriert.

Die Erfolgsformel der Schweiz ist ihre Fähigkeit, unterschiedlichste Kulturen aufzunehmen und zu respektieren. Wir nennen das Föderalismus. Ohne diese Fähigkeit, jeder Talschaft ihre Eigenständigkeit zu lassen und von ihr gleichzeitig Solidarität einzufordern, gäbe es keine Eidgenossenschaft. Die Schweiz ist eine Willensnation, die auf einem Versprechen, einem Eid gründet – und gerade nicht auf Zugehörigkeit zu einer «Rasse».

Das Christentum funktioniert schon viel länger als die Schweiz auf diese Weise. Und zwar spätestens seit Paulus das Bekenntnis zu Christus und seiner Botschaft für die Mitgliedschaft als entscheidend durchgesetzt hat und nicht die jüdische Herkunft. Im Christentum steht über allem die Beziehung und nicht das Gesetz. Das Hauptgebot «Liebe deinen Nächsten» entwickelt seine Dynamik, weil es Wertschätzung und Verständnis fördert. Im Liebesgebot sind nachhaltige Entwicklung und Wachstum angelegt. Ohne diese Bereitschaft, sich inspirieren und verändern zu lassen, verkümmert das Christentum jedoch zum leblosen Museum. – Ich möchte nicht zu einem Objekt der Denkmalpflege werden. Weder in meinem Glauben, noch in meiner Heimat.

Ebenfalls zum Thema in unserer Ausgabe 5/2026: «Zuwanderung verjüngt die Gesellschaft» von Manuel Buchmann. (online verfügbar ab 7. Mai 2026)