Weniger haben, mehr danken
Im Übergang vom Sommer zum Herbst ist Erntezeit. Überall zeigen sich volle Felder, geschmückte Erntekörbe und in vielen Kirchen wird Erntedank gefeiert – ein Fest, das uns daran erinnert, wie viel uns im Leben geschenkt ist. Und doch: Vielen Menschen fällt es schwer, wirklich dankbar zu sein. Trotz Wohlstand und Sicherheit schleicht sich eine leise, anhaltende Unzufriedenheit ein. Die Psychologie kennt dafür sogar einen Begriff: Dysthymie, eine Form chronischer Verstimmung, die sich wie ein grauer Schleier über den Alltag legt.
Die gute Nachricht ist: Dankbarkeit kann man lernen. Sie ist nicht einfach eine Stimmung, die sich einstellt, wenn alles gut läuft, sondern eine Haltung, die geübt werden kann. Oft genügt es schon, sich einmal am Tag bewusst zu fragen: Wofür bin ich heute dankbar? – Und der Blick auf das Leben beginnt sich zu verändern. Die vollen Körbe und geschmückten Altäre laden uns ein, hinzusehen und wahrzunehmen, was alles da ist – nicht nur materiell, sondern auch an Beziehungen, Erfahrungen, Gaben.
Aber das ist nur der Anfang. Bruder Klaus, der heilige Nikolaus von Flüe, dessen Gedenktag wir am 28. September zusammen mit dem Erntedankfest begehen, führt uns noch einen Schritt weiter. Er hat nicht dankbar auf das geschaut, was er hatte – sondern auf das, was er nicht brauchte. Er hat nicht gesammelt, sondern losgelassen: Besitz, Einfluss, Sicherheit. Seine Dankbarkeit war keine Reaktion auf äussere Umstände, sondern Ausdruck einer inneren Haltung. Er zeigt uns: Dankbarkeit beginnt nicht bei den Dingen, sondern im Herzen.
Wir leben in einer Zeit, in der wir oft glauben, dass wir glücklicher wären, wenn wir nur mehr hätten: mehr Zeit, mehr Geld, mehr Anerkennung. Doch das Gegenteil ist wahr: Nicht die Glücklichen sind dankbar – sondern die Dankbaren sind glücklich. Es braucht nicht mehr Dinge, um zufrieden zu sein, sondern einen anderen Blick auf das, was längst da ist und eine innere Freiheit, wie Bruder Klaus sie gelebt hat. Der September lädt uns ein, neu hinzusehen: auf das Äussere und auf das Innere. Dankbarkeit wächst in unserer Haltung zum Leben – dort, wo wir aufhören zu erwarten, und beginnen, zu empfangen. C.Giovine
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