Das vergessene Recht der Tiere: Warum wir die Schöpfung neu lesen müssen

Am Anfang steht die creatio ex nihilo – die Erschaffung der Welt aus dem absoluten Nichts. Doch wie gehen wir mit dieser Schöpfung um? Oft nutzen wir die Bibel als Freibrief, um die Natur auszubeuten. Schuld daran sind alte Übersetzungsfehler und das Denken der Aufklärung, das den Menschen radikal zum Mittelpunkt von allem machte. Ein Blick in den hebräischen Urtext zeigt jedoch: Die Bibel fordert eine Partnerschaft auf Augenhöhe zwischen Mensch und Tier.

Schon die Erschaffung der Welt verbindet uns tief mit der Tierwelt: Säugetiere, Kriechtiere und Menschen werden am selben Tag erschaffen – dem sechsten Tag. Zudem macht das Hebräische nicht die Lebewesen zum Subjekt, sondern den Erdboden. Die Erde selbst lässt das Leben „wimmeln“ und wird von Gott als echte Partnerin in einem Bund begriffen.

Der berühmte Auftrag, sich die Erde „untertan“ zu machen, klingt in unseren Ohren brutal. Im Hebräischen bedeutet das Wort jedoch schlicht „auf die Erde treten“. Es geht nicht um Zerstörung, sondern darum, den eigenen Lebensraum frei von Feinden zu halten. Auch das „Herrschen“ über die Tiere meint die Geste eines altorientalischen Königs: Es bedeutet beschützen, hegen und pflegen.

Im Paradies gab es keinen Tod – alle Lebewesen lebten vegetarisch. Erst durch den ersten Sündenfall kam der Tod in die Welt und erfasste als kosmische Katastrophe alle Spezies. Das „Fressen und Gefressenwerden“ wurde Sinnbild des Endes vom paradiesischen Dasein zum Übergang in eine harte und unvollkommene Welt.

Den radikalsten Schritt für die Würde der Tiere geht Jesus im Neuen Testament: Er schafft die blutigen Tieropfer am Altar endgültig ab. Er selbst tritt an die Stelle des Opferlamms und beendet das rituelle Leiden der Tiere. Das Evangelium kennt keine Artgrenzen, wie Markus (16,15) unmissverständlich festhält: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“

MTh. Séverine Piazza

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