Sommerwunsch: Ein Psalm auf einer Parkbank, eine Kerze in der Kirche

Liebe Mitglieder der Georgs-Pfarrei

Ich wünsche euch einen Sommer, in dem ihr nicht nur beschäftigt seid, sondern auch wirklich aufatmen könnt. Momente, in denen man wieder spürt, was trägt. Ein Gespräch, das guttut. Ein Gottesdienst, der unerwartet berührt. Ein stiller Abend, an dem Sorgen für einen Augenblick leiser werden.

Im christlichen Glauben gibt es dieses schöne Bild vom Weg. Nicht alles ist immer klar, nicht jede Strecke leicht. Aber wir gehen nicht allein. Gerade im Sommer, wenn vieles nach Bewegung aussieht, kann man neu entdecken, dass auch die Seele manchmal Zeit braucht, um Schritt zu halten.

Ein Bild aus der Literatur bringt das auf besondere Weise nahe. In dem Roman Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewski gibt es eine stille, eindrückliche Haltung des Mönchs Sossima. Er spricht davon, dass Menschen oft auf der Suche nach grossen Antworten sind und dabei das Kleine übersehen: Freundlichkeit, Geduld, Mitgefühl und die Verantwortung füreinander. Seine Worte wirken gerade deshalb so stark, weil sie nicht laut sind. Er erinnert daran, dass Hoffnung nicht immer wie ein grosses Wunder aussieht. Manchmal beginnt sie unscheinbar. In einem Menschen, der zuhört. In einem Gebet, das man fast vergessen hatte. Oder in einem Augenblick der Ruhe, in dem man plötzlich merkt: Gott ist längst da, auch wenn man ihn nicht ständig spürt.

Vielleicht ist der Sommer genau dafür eine gute Zeit. Nicht um alles lösen zu müssen, sondern um manches wieder neu zu sehen.

Für uns als Christen gehört dazu auch ein Schatz, der immer da ist und oft gerade in stilleren Zeiten wieder neu entdeckt werden kann: das Gebet. Beten ist mehr als Worte sprechen. Es kann Trost sein, Orientierung, manchmal einfach ein stilles Dasein vor Gott. Nicht jeder Tag ist gleich, und manchmal fehlen einem sogar die richtigen Worte. Doch gerade dann kann ein vertrautes Gebet tragen. Viele kennen das vom Rosenkranz. Das Rosenkranzgebet wirkt auf manche von aussen vielleicht wiederholend oder schlicht. Aber wer sich darauf einlässt, entdeckt oft etwas anderes: Ruhe. Einen Rhythmus. Die Möglichkeit, Sorgen nicht dauernd im Kopf kreisen zu lassen, sondern sie Schritt für Schritt Gott anzuvertrauen. Wie ein Weg, den man nicht hektisch laufen muss. Perle für Perle, Gedanke für Gedanke. Vielleicht ist der Sommer eine gute Gelegenheit, diesen Schatz neu zu entdecken. Ein kurzes Gebet am Morgen. Eine Kerze in der Kirche. Ein Psalm auf einer Parkbank. Tai Chi in der Natur. Atemübungen vor dem offenen Fenster. Yoga im Morgentau.

Ich wünsche euch sonnige Tage, gute Begegnungen, Schutz auf allen Wegen und vor allem Gottes Segen. Möge euch dieser Sommer Kraft schenken, Freude bringen und euer Herz ein wenig leichter machen.

Eine gesegnete Sommerzeit euch allen.

Herzlich Jürgen Kaesler

Veröffentlicht am