East meets West - Anmerkungen zum chinesischen Diskurs um Menschwürde und Menschenrechte
Ort: Paulus Akademie, Pfingstweidstrasse 28, 8005 Zürich
Bild: Adobe Stock
Der Vortrag schlägt einen weiten Bogen von der von Missverständnissen und falschen Erwartungen geprägten Begegnung zwischen der dominanten deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts und der konfuzianischen Tradition bis zum Diskurs um Theorie und Praxis der Menschenrechte in der Gegenwart. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage, ob die Menschenrechte Ausdruck hegemonialer Ansprüche des «Westens» sind oder ob ihnen Grundlagen aus der chinesischen Tradition zugeordnet werden können.
Bedeutsame Argumentationspunkte für eine auch auf konfuzianischen Ressourcen beruhende Theorie der Menschenwürde finden sich in der Ethik von Menzius. Diese lässt im relationalen Gesellschaftsgefüge Grundlagen der Moral erkennen, die in der Natur begründet sind und zugleich über sie hinausweisen.
Die differenzierte Analyse chinesischer Menschenrechtspolitik schliesslich weist auf den offensichtlichen Widerspruch hin zwischen der offiziellen Anerkennung der Menschenrechte, die in ihrer Erhebung zu Verfassungsrang besondere Sichtbarkeit erlangt haben, und der
harschen Wirklichkeit, die sie weitgehend unterdrückt. Die chinesische Diskussion um Menschenwürde und Menschenrechte wird von Xi Jinpings Regierungsdevise bestimmt, die den von ihm propagierten chinesischen Traum einer Wiederbelebung und Verjüngung der chinesischen Nation als Alternative zum westlich-liberalen Menschenrechtsmodell zu verwirklichen sucht. Seine zunehmende Attraktivität unter tendenziell autoritären Staaten und die schleichende Erosion zentraler Elemente einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung in Kernländern der Demokratie stellen die Frage nach der Widerstandsfähigkeit und Unantastbarkeit der Menschenwürde nur umso dringlicher.
Über die Ladanyi-Vorlesung
Der Zyklus der Ladanyi-Vorlesungen knüpft an das Lebenswerk des ungarischen Jesuiten Laszlo Ladanyi SJ (1914-1990) an, der mit seiner Zeitschrift «China News Analysis» der Wahrheit von Nachrichten über China auf den Grund gegangen ist. In der Auseinandersetzung mit der Geschichte und Ethik Chinas waren für ihn die Prinzipien der Katholischen Soziallehre von Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl prägend. Entsprechend eröffnen die Ladanyi-Vorlesungen ein Forum für einen genuinen Dialog mit China und der Umsetzung von ethischen Prinzipien in einem wettbewerbsorientierten und korrupten Markt.
Gast
Prof. Dr. Gerhold K. Becker ist ein deutscher Philosoph. Er lehrte nahezu zwanzig Jahre als Philosophieprofessor an der Hong Kong Baptist University mit Schwerpunkten in Religionsphilosophie und Ethik. Sein Wirken und seine Arbeiten zeichnen sich durch eine interkulturelle Perspektive aus, die insbesondere chinesische und westliche Ethik- und Religionsvorstellungen miteinander ins Gespräch bringt. Er ist Gründungsmitglied des Ladanyi-Vereins und Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Leitung/Moderation
– Prof. Dr. Stephan Rothlin, SJ, Programm-Direktor Angewandte Ethik & KI am Weltethos Institut der Peking Universität, Gründer & CEO von Rothlin International CSR Management und Spiritus Rector des Ladanyi-Vereins
– Dr. Dana Sindermann, Leiterin des Fachbereichs Wirtschafts- und Sozialethik, Paulus Akademie
Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Ladanyi-Verein
Eintritt frei, mit Apéro riche
Kollekte (Empfehlung CHF 20 bis 30)
Aus organisatorischen Gründen bitten wir um Anmeldung bis am 5. Juli 2026.