Das Wunder der Pfingsten
KKO
Die Ostersonntage, die an die Offenbarungen und Verheißungen Christi an seine Jünger erinnern, bereiten auf die Trennung Jesu von den Seinen vor, an die im Fest der Himmelfahrt erinnert wird, und auf Pfingsten, den Tag der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Kirche und auf jeden Gläubigen. Es ist der Geist, der uns das Wort Gottes hören lässt und in jedem Gläubigen die Zeichen der Gegenwart und des Wirkens Christi wirksam werden lässt.
Aber Jesus hat seine Kirche nicht allein gelassen, noch hat seine Himmelfahrt eine Trennung bewirkt, die seinem Wirken in der Welt ein Ende gesetzt hätte: Die Gemeinschaft der Gläubigen teilt nämlich mit Jesus, dem Herrn, dasselbe Leben, denselben Geist, und das befähigt sie, das Wirken Jesu fortzusetzen: „die frohe Botschaft zu verkünden, Gutes zu tun, diejenigen zu heilen, die unter der Macht des Teufels stehen”. So wie Jesus vom Heiligen Geist geweiht und damit für die Mission befähigt wurde, so geschieht es auch mit seiner Kirche zu Pfingsten (vgl. Apg 10,38).
Als Versammlung der verstreuten Kinder, als Anti-Babel, ist das Pfingstfest der Beginn der Endzeit, der Zeit der Kirche. In Babel kam es zur Verwirrung der Sprachen und zum Versuch, Erde und Himmel durch den Bau eines Turms, der bis zum Himmel reichte, dauerhaft zu verbinden, aber zu Pfingsten geschieht das Wunder, dass alle Sprachen gehört und verstanden werden, und es ist der Heilige Geist, der herabkommt, um Gott und die Menschen miteinander in Verbindung und Gemeinschaft zu bringen. Es ist das Wunder des wiedergefundenen Verständnisses in einem einzigen Wort! Ja, die Sprachen der Menschen bleiben unterschiedlich, und diese Vielfalt der Sprachen, Kulturen und Geschichten wird nicht aufgehoben: Der Heilige Geist schafft nämlich eine artikulierte Einheit, eine plurale Einheit, so wie viele Gaben und viele Glieder im einen Leib des Herrn, der die Kirche ist, zusammengefügt sind. Die Vielfalt muss bestehen bleiben, ohne die Einheit aufzuheben, und die Einheit muss sich durchsetzen, ohne die Vielfalt zu unterdrücken.
Das vom Heiligen Geist bewirkte Wunder der Sprachen weist die Kirche auf die Aufgabe hin, die Einheit des Wortes Gottes mit der Vielfalt der Arten und Weisen in Einklang zu bringen, in denen es in der einzigen Gemeinschaft der Gläubigen und unter allen Völkern gelebt und verkündet werden muss: So darf die Kirche nicht ihre eigene Sprache aufzwingen, sondern muss in die Sprachen der Menschen eintreten, um die Wunder Gottes entsprechend ihren unterschiedlichen Formen und Arten des Verstehens zu verkünden.
Der zu Pfingsten ausgegossene Geist verpflichtet die Kirche auch heute noch, Wege zu schaffen und Mittel zu erfinden, um die Andersartigkeit nicht zu einem Grund für Konflikt und Feindschaft, sondern für Gemeinschaft zu machen. So kann die Kirche, jede christliche Gemeinschaft, ein Zeichen für das kommende universale Reich sein, zu dem die ganze Menschheit durch und nicht trotz der Unterschiede, die sie prägen, berufen ist. All dies schärft die Sensibilität und Aufmerksamkeit, die Christen für die Ökumene und den Dialog mit anderen Religionen haben müssen. Das Bewusstsein für die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens, für das bleibende Judentum Jesu, für Israel als Volk des nie widerrufenen Bundes und gleichzeitig das Bewusstsein für die universelle Bestimmung der christlichen Erlösung, für die Vielfalt der Völker und Kulturen, in denen das Evangelium gesät werden soll, sollten zum Rüstzeug jedes reifen Christen gehören. Ebenso sollte das Bewusstsein dazugehören, dass die Ökumene ein konstitutives Element des Glaubens der Getauften ist, die als Nachfolger Jesu Christi dazu berufen sind, zu beten und sich dafür einzusetzen, das Ärgernis der Spaltung unter den Christen zu beseitigen.
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