Wo die Herrin der Quellen heilkräftiges Wasser sprudeln lässt

Eines der ältesten Medikamente ist das Wasser – sofern die Quelle an einem besonderen Ort entspringt und mit einer Legende verbunden ist. Zu Besuch im Luthernbad am Fuss des Napfs.

Kurz nach Huttwil geht der reformierte Kanton Bern ins katholische Luzerner Hinterland über. Wer nach fünf Kilometern in Hüswil südwärts auf die Strasse Richtung Luthern abbiegt, taucht in eine fast bayrisch anmutende Landschaft ein, die von Wiesen, Weiden, Tannenwald, Bauernhäusern, Flurkreuzen, Bildstöcken, Kapellen und Kirchen mit barockem Zwiebelturm geprägt ist. Von Luthern mit seinem schmucken Dorfbild und der stattlichen Kirche geht’s weiter durch das Hügelland bis an den Fuss des Napfs. Hier befindet sich das Luthernbad, ein Wallfahrtsort mit Kirche, Kapelle und überdachtem Brunnen, aus dem heilendes Wasser sprudelt.

Der Weiler besteht aus der 1952 eingeweihten Wallfahrtskirche, dazu aus einer Gaststätte, einem Schulhaus und einem knappen Dutzend Häusern. Drei Minuten Fussweg von der Kirche entfernt steht die sogenannte hintere Kapelle, daneben ein kapellenartiger Unterstand mit dem wundertätigen Brunnen. Weiches und konstant fünf Grad kühles Wasser fliesst aus zwei Metallröhren in einen länglichen Steintrog. Über den Röhren wacht, in weissen Stein gehauen, die Brunnenmaria. Brennende Kerzen zu beiden Seiten des Brunnentrogs erhellen das Halbdunkel. Für die Pilgersleute stehen einige Plastikbecher bereit, und in einer Vitrine warten leere Petflaschen auf Käuferschaft.


Wird es helfen?

Auch ich bin an einem Tag im rekordmässig heissen und trockenen Juli 2026 hierhergereist, um diesen besonderen Ort kennenzulernen. Dabei trifft es sich ganz gut, dass ich gerade ein kleines Leiden habe: An der rechten Ferse verspüre ich seit ein paar Wochen oft einen drückenden bis brennenden Schmerz. Es könnte sich um einen sogenannten Anlaufschmerz infolge einer Sehnenverkürzung handeln – nichts Ernstes, etwas, das sich mit ein bisschen Disziplin wegdehnen lässt. Jetzt aber nehme ich es erst einmal als Testfall für die Heilkräfte des Gnadenbrünnchens.

Wird das Wasser, dem man seit Generationen heilende Kraft nachsagt, Linderung, vielleicht sogar Schmerzfreiheit bringen? Anders gesagt: Werde ich an mir selbst ein kleines Heilungswunder erleben?

Die Brunnenmaria aus weissem Stein wacht über das Wasser, das in mannigfaltiger Weise stärkt und lindert.

Ich packe meinen Plastikbecher aus der Tasche und nähere mich dem Brunnenhäuschen. Gerade ist dort eine Grossmutter mit ihren zwei kleinen Enkelkindern zugange. Alle drei füllen Petflaschen mit dem Brunnenwasser.

«Fliesst es denn überhaupt noch, bei dieser Dürre?», frage ich.

«Ja, zum Glück», antwortet die Frau. «Aber es dauert länger als sonst. Der Strahl ist deutlich dünner.» Sie komme regelmässig hierher, um etwas Wasser abzufüllen, es wirke sich gut auf ihr allgemeines Befinden aus. «Ich habe ja nicht allzu weit hierher, wir sind aus der Gegend», sagt sie.

«Ich probiere jetzt wohl auch ein paar Schlucke», erwidere ich. Und frage: «Was denken Sie – hilft es?»

Sie lächelt voller Zuversicht. «Ja, es wird Ihnen bestimmt helfen, auf die eine und andere Art.»


 Der Mann mit dem Bambusstock

Ich fülle den Becher und trinke. Das Wasser ist herrlich kühl und frisch, ein Labsal für Körper und Geist an diesem heissen Sommertag.

Inzwischen ist eine Familie eingetroffen, ein älteres Elternpaar und die erwachsene Tochter. Die Leute sprechen eine slawische Sprache, es könnte Polnisch sein. Der Mann setzt sich auf eine der Bänke auf dem Platz vor dem Brunnenhaus, während die Frauen zu den Röhren treten, andächtig trinken und im Becken die Arme waschen. Anschliessend betreten sie die kleine Kapelle neben dem Brunnen, um eine Kerze anzuzünden und kurz Einkehr zu halten.

Während sich die beiden Frauen in der Kapelle aufhalten, erscheint von der benachbarten Kneippanlage her bedächtigen Schritts ein vielleicht 75-jähriger Wandersmann. Er trägt ein auffallend gelbes T-Shirt, in der Hand hat er einen dicken Bambusstock. Auch er steuert auf den Brunnen zu, und auch er hält eine Petflasche unter die Röhre.

«Im Auftrag von meinem Schwesterherz», sagt er in bedächtigem Berndeutsch. Und gibt mir den Rat, unbedingt auch noch zu kneippen, wenn ich schon hier sei. «Das gehört dazu.»

 
Das Wasser bleibt frisch

Ein weiterer älterer Herr, eine gepflegte Erscheinung in dunklem Hemd und knielanger Sommerhose, hat zugehört. Auch er hat, das erstaunt mich bereits nicht mehr, eine leere Flasche dabei, die er nun mit dem besonderen Wasser füllen will. «Davon zu trinken, tut mir ganz einfach gut», erklärt er. «Es ist übrigens interessant: Ich kann das Wasser einen Monat im Kühlschrank aufbewahren, ohne dass es seine hervorragende Qualität verliert.»

Im Lauf einer kleinen Plaudere erfahre ich, dass er 80-jährig und pensionierter Gebäuderestaurator ist. Er habe im Lauf seines Berufslebens auch viel in Kirchen gearbeitet, berichtet er. Von diesem Ort hier, dem Heilbrunnen in Luthernbad, sei er besonders fasziniert. Das sei mit ein Grund, weshalb er immer wieder herkomme.

Auf dem Platz vor dem Brunnen ist von der Hitze nicht viel zu spüren. Die Lufttemperatur ist angenehm, zudem weht ein leichtes Lüftchen. Auf der Bank sitzend und dem Treiben am Brunnen zusehend, merke ich kaum, wie die Minuten verstreichen, fünf, zehn, zwanzig, dreissig. Nun wird es langsam Zeit, dass ich der Kneippanlage einen Besuch abstatte.

Ich erhebe mich und begebe mich hinüber zum künstlich aufgeschütteten Grashügel, in den die Anlage aus Beton und Stein eingebaut wurde. Sie besteht aus einer zentralen, oben offenen Kuppel, unter der sich ein Brunnen für kalte Heilwaschungen befindet. Rechts und links davon lädt in kleinen Kammern je ein Rundbecken zum kühlen Fussbad ein.

Blick in die Kneippanlage. Durch die Türöffnung rechts geht es zu einem der Fussbecken.

Ich ziehe Schuhe und Socken aus und steige in eines der Fussbecken. Am Eingang der Kammer steht, dass die Wasserhöhe 40 Zentimeter und die Wassertemperatur sechs Grad betrage.

Sechs Grad – das sorgt beim Einstieg für einen kleinen, aber nicht unangenehmen Schock. Drei Mal umrunde ich das Becken. Danach fühlen sich meine Waden und Füsse anders an, erfrischter, belebter. Und als ich die Schuhe wieder anziehe, merke ich, dass der Schmerz an der Ferse tatsächlich nachgelassen hat. Eigentlich ist er fast ganz verschwunden.

Das ist, nüchtern betrachtet, wohl auf die anregende Wirkung des kalten Wassers zurückzuführen. An Wunderbares denken werde ich erst, falls das Drücken und Stechen nach meinem Besuch im Luthernbad ganz wegbleiben sollte. Vielleicht bin ich aber etwas allzu skeptisch. Wie sagte der Mann mit dem Bambusstock vorhin doch so treffend: «Man muss auch ein bisschen daran glauben.»

 
Dank auf Holztafeln

Bei vielen Menschen scheint es zu wirken, offenbar auch nachhaltig. Davon zeugen die Votivtafeln in der Wallfahrtskirche, die sich bloss ein paar Fussminuten in der Nähe des Brünnchens befindet, oben im Weiler neben dem Schulhaus und dem Gasthof Hirschen. «Liebe Gottesmutter, durch mehres [sic] Waschen mit dem Gnadenwasser bin ich von meinen Schmerzen geheilt», steht auf einer Tafel aus dem Jahr 1993. Und auf einer von 2006: «Der lieben Mutter Gottes danke ich ganz herzlich für die gute Heilung.» Um nur zwei von etlichen Beispielen zu nennen.

Um die Entdeckung des heilenden Wassers vom Luthernbad rankt sich eine legendenhafte Geschichte. Laut dieser Überlieferung litt der einheimische Bauer Jakob Minder zwanzig Jahre lang an schwerer Gicht. In der Nacht vor Pfingsten 1581 soll ihm die Gottesmutter in der Gestalt des Gnadenbilds von Einsiedeln im Kanton Schwyz erschienen sein. Sie riet ihm, an einer bestimmten Stelle in der Nähe seines Hauses nach Wasser zu graben und sich darin zu waschen.

Szene rechts: Der Bauer Jakob Minder gräbt nach der wundertätigen Quelle.

Der Bauer befolgte den Rat und wurde von seinem Leiden befreit. Das Wunder sprach sich herum; viele Leute kamen von nah und fern, um vom heilenden Wasser zu trinken oder eine Waschung vorzunehmen. Sogar der deutsche Kaiser sandte einen Boten ins Luthertal.

Als die Quelle im Luthernbad zu fliessen begann, versiegte angeblich eine der Brunnenröhren in Einsiedeln, dem bedeutendsten Marienwallfahrtsort der Schweiz. So kam es, dass man das Luthernbad zuweilen als «Einsiedeln des kleinen Mannes» oder «kleines Einsiedeln» bezeichnete. In Wahrheit aber hat der Ort seinen ganz eigenen Charakter – eine urwüchsige Kraft, wie sie nur ein Heilbrunnen am Fuss des Napfs haben kann, im Bannkreis dieses mystischen Berghügels zwischen dem Luzerner Hinterland, dem Entlebuch und dem Emmental.

 
Alles Zufall oder was?

Und wie steht es mittlerweile um meinen Fersenschmerz? Seltsamerweise dachte ich nach meiner Stippvisite im Luthernbad eine Zeit lang nicht mehr daran. Entsprechend machte ich auch keine Dehnübungen. Als mir nach zehn, zwölf Tagen diese Fusspein wieder einmal in den Sinn kam, merkte ich, dass sie verschwunden war. Wohl Zufall. Oder doch ein kleines Wunder? Wer weiss. Aber wie bereits gesagt: Man muss auch ein bisschen daran glauben. Ob bewusst oder unbewusst, macht wohl keinen grossen Unterschied.