Ein Text über den Tod sollte fröhlich beginnen. Und deshalb beginnt er mit Celina Schneider. Die junge Frau weht durch die offene Tür, ihr Lächeln flutet noch den trübsten Herbsttag, und dann sagt sie nur: «Herzlich willkommen im Krematorium. Schön, bist du da!» Krematorium? Im Gemeinschaftsraum für die Angestellten steht ein Töggelikasten, auf einer kleinen Terrasse wartet der Grill für Teamanlässe, und ein imposanter Berg an Zigarettenstummeln verrät, dass hier regelmässig Pause gemacht wird. «Der Tod ist sowieso überall», sagt die Bestatterin mit einem fröhlichen Lachen, als könne sie Gedanken lesen. «Also müssen wir aus unserem Leben das Beste machen, oder?» Schon klar, dass sie damit nicht den Töggelikasten meint. Es ist ihr Credo: Wenn der Tod schon so sehr zum Leben gehört, dann begegnet man ihm am besten mit einem vergnügten Lächeln.
Celina Schneider weiss, wovon sie spricht. Sie hat ihre eigene Mutter beim Sterben begleitet und sie bestattet, sie hat darüber immer wieder öffentlich berichtet und dadurch ihr Thema gefunden: «Ich will das Tabu aufbrechen. Für mich ist es mega, mega wichtig, die Leute aufzuklären.» Vor allem darüber, wie wichtig das richtige Abschiednehmen und Loslassen sei. Umsichtig vergewissert sich Celina Schneider, niemanden zu stören, klopft kurz an einer Tür und öffnet einen der farbig gestalteten Aufbahrungsräume. Festlich gekleidet liegt ein älterer Mann im Sarg, das Gesicht wirkt ruhig und ernst, beinahe versonnen, seine Hände sind gefaltet. «Kommt doch, wenn ihr möchtet», ermutigt Celina Schneider Angehörige immer wieder: «Nehmt euch Zeit dafür. Ich würde es euch so wünschen.» Denn möglich ist vieles, auf jeden Fall viel mehr, als die meisten wissen. Und manchmal wird das Totenzimmer tatsächlich lebendig, dekoriert mit Bildern, Pflanzen, einem Teppich. Wer mag, dürfe selbstverständlich auch ein Bier trinken, auf alte Zeiten, ohne falsche Scheu. Was daran solle pietätlos sein?
Bestatterin Celina Schneider ermutigt Angehörige, den Abschied mitzugestalten.
Urs Jaudas/Tamedia
Wer verstehen will, wie sehr sich die Bestattungskultur auch in der Schweiz verändert, ist im Krematorium Nordheim am richtigen Ort. Zeitweise war es das grösste Krematorium Europas. Seine Eröffnung 1967 fiel in eine Zeit, in der sich die katholische Lehre zögerlich für die Feuerbestattung geöffnet hatte. Heute liegt der Anteil der Urnenbestattungen in Zürich bei fast 90 Prozent.
«Ich mag das Haus total gern», schwärmt Celina Schneider, aber die stolze Architektur aus Sichtbeton, Holz und Stein hat einen Haken: «Du darfst hier echt keinen Nagel einschlagen, ohne erstmal eine Genehmigung zu holen.» Der Denkmalschutz macht es manchmal schwierig, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Vor den Kühlkammern wird es offensichtlich: Die grosse schwarze Tafel, auf die mit weisser Kreide die Namen der Toten notiert wurden, ist als Relikt einer analogen Zeit sichtbar. Zwei grosse Bildschirme übernehmen mittlerweile die Aufgabe. Jede Leiche ist auch ein Datensatz.
«Kultur heisst Wandel», sagt César Mawanzi. Der Pfarrer in der Dreifaltigkeitspfarrei Rüti-Dürnten-Bubikon hat einen besonderen Blick auf Bestattungskulturen. Seine Kindheit im Kongo hat ihn geprägt, er erzählt von der afrikanischen Tradition eines lauten, öffentlichen Trauerns und der Erfahrung, als Kind Totenwache zu halten. Als Seelsorger in der Schweiz beobachtet Mawanzi vor allem eine Entwicklung: Die Gelegenheiten, bei denen ein ganzes Dorf Abschied nimmt, sind seltener geworden. Häufig sitzen ihm in seinem Besprechungszimmer Angehörige gegenüber, die sich eine Bestattung im engsten Familienkreis wünschen. Dahinter stecke auch oft die Angst, sich öffentlich der eigenen Trauer zu stellen. «Aber», gibt Mawanzi zu bedenken, «jeder Tote hat mit Menschen gelebt, die er oder sie geprägt hat. Auch diese Weggefährten, Freunde und Nachbarn haben doch ein Bedürfnis, Abschied zu nehmen.»
Manchmal gilt das auch für ihn selbst. Einer Frau, die in der Gemeinde sehr engagiert war, hatte er noch die Krankensalbung gespendet. Nach ihrem Tod entschied sich die Familie für eine Beisetzung ganz ohne kirchliche Feier; die Pfarrgemeinde erfuhr nur auf dem Dienstweg davon. Natürlich sei die Schweiz ein durch und durch säkularer Staat, sagt Mawanzi, aber wenn selbst bei kirchlich verbundenen Menschen eine religiöse Abschiedsfeier unnötig scheint: «Wo gehen wir als kirchliche Gemeinschaft hin?»
Pfarrer César Mawanzi singt bei Beerdigungen bewusst Osterlieder – als Zeichen der Auferstehungshoffnung.
Christoph Wider
Auf diese Frage hat Hella Sodies eine persönliche Antwort. Die Seelsorgerin leitet gemeinsam mit ihrem Mann die Pfarrei «Johannes XXIII» in Greifensee – eine Gemeinde ohne traditionelles Kirchengebäude, aber mit vielen Ideen. «Das klassische katholische Ritual kennen viele Menschen gar nicht mehr. Ich finde das eigentlich ganz befreiend», sagt sie recht nüchtern: «Dann muss ich mich auch nicht erklären, sondern kann mich wirklich auf die Bedürfnisse einlassen, die mir da begegnen.» Und die Bandbreite dieser Bedürfnisse sei tatsächlich riesig. Hella Sodies berichtet von Menschen, die ganz offen über Ängste, Hoffnungen und letzte Wünsche sprechen können – und anderen, die das ein Leben lang vermieden haben. «Plötzlich stellt man fest, dass man gar nicht weiss, wo der Verstorbene stand. Und spürt, dass man nie gelernt hat, eine Sprache zu entwickeln.»
Dafür, dass der Tod allgegenwärtig ist, haben Menschen ein erstaunliches Talent entwickelt, ihn aus ihrem Leben zu verdrängen. Und deshalb trifft auch Celina Schneider, die Bestatterin, regelmässig auf Angehörige, die unerwartet Entscheidungen treffen sollen, auf die sie nicht vorbereitet sind. Umso wichtiger sei ihr, Menschen in dieser Situation Möglichkeiten der Mitgestaltung aufzuzeigen. Eine Mithilfe beim Ankleiden oder beim Einsargen zum Beispiel. «Wir haben hier ein mega breites Angebot», sagt Celina Schneider. «Aber die Leute kennen es einfach zu wenig.»
Deshalb gibt es auch das Zürcher «Friedhof Forum» – ein schweizweit einzigartiges Kultur- und Servicezentrum «für die letzte Reise». Es greift die ganz praktischen Fragen auf und verbindet damit kulturelle, geschichtliche und künstlerische Perspektiven. Einen ähnlichen Zugang wählt der als «Undertaker Tom» bekannte Bestattungsexperte Peter Wilhelm. Mit seinem Blog bestatterweblog.de macht er den Tod auf unterhaltsame Weise zum Thema. Zum Beispiel anhand der Leserfrage: «Darf ich auf dem Friedhof joggen?» Eine Frage, mit der sich ganz aktuell auch die Stadt Zürich beschäftigt. Denn auch die Nutzung der Friedhofsanlagen verändert sich. Sie sind Orte der Trauer und der Erholung. Der Friedhof Sihlfeld etwa ist nicht nur der grösste Friedhof, sondern auch die grösste Parkanlage der Stadt Zürich – bei einer rückläufigen Anzahl von Grabstellen. Und der heisse Sommer hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig solche Schatten spendenden Grünflächen gerade im urbanen Raum sind. Auch hier ist eine demokratische Gesellschaft gefordert. Und muss verhandeln, wie sehr sie den Tod in ihr Leben lässt.
«Du merkst schon, wie sich der Trend verändert», sagt die Bestatterin. «Die Leute wollen gar keinen Friedhof, das bedeutet ihnen einfach nichts.» Zunehmend würden Urnen mit nach Hause genommen oder die Asche verstreut. Die liberale Schweizer Gesetzgebung macht vieles möglich, was in den Nachbarländern undenkbar wäre.
In seiner architektonischen Grosszügigkeit thront das Krematorium Nordheim gewissermassen am Hang mit Aussicht, und man muss nur ein paar Schritte spazieren, um im Friedhof die aktuellen Entwicklungen aus der Nähe zu studieren. Das Themen-Mietgrab «Buddha» zum Beispiel. Oder die ebenfalls selbsterklärende Grabfläche «Mensch-Tier». «Wir entwickeln immer wieder neue Angebote», sagt die Bestatterin, «um verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Bedürfnissen abzuholen.» Man muss nur mit offenen Augen über einen Friedhof gehen, um immer wieder kleine Spuren individueller Trauer zu entdecken. Auf einem anderen Grabfeld steht, ein wenig versteckt hinter einem Rosengesteck, ein gefüllter Sektkelch am Fuss einer Stele. Bei einem der Namen darüber zeigt der Stein dunkle Spuren, als habe ihn jemand oft berührt. «Wir Menschen brauchen immer Bezugspunkte», ist Pfarrer Mawanzi sicher. Und erzählt von einer Frau, deren Mutter in einem Friedwald beigesetzt war. Als ein Unwetter den Wald zerstört, fehlt mit dem Baum plötzlich auch ein wichtiger Erinnerungsort.
Die Begleitung trauernder Menschen, sagt Mawanzi, habe ihm als Priester immer besonders viel bedeutet. Und es sei ihm ein grosses Anliegen, in solchen Extremsituationen Kraft und Halt zu geben. Statt von Trauerfeier spricht er lieber von einem Auferstehungsgottesdienst, und für das gemeinsame Singen schlägt er Osterlieder vor. Vor allem aber habe er gelernt, bei solchen Gelegenheiten «jedes einzelne Wort auf die Goldwaage» zu legen. Wer César Mawanzi im normalen Gemeindegottesdienst erlebt, hört ihn frei predigen. «Aber bei Beerdigungen schreibe ich mir jedes Wort auf.»
Mit Schwung öffnet Celina Schneider die Seitentür zur grossen Abdankungshalle. «Ist das nicht toll hier?», fragt sie in einem Ton, der keine Widerrede erwartet. Und tatsächlich ist der Raum in seiner sakralen Anmutung vom Licht der bunten Glasmosaike belebt. Zwei Stunden hat Celina Schneider von der Kunst des Bestattens und des Loslassens erzählt, sie hat durch den grossen Maschinenraum des Todes geführt, vom Tischfussball-Kasten zum Sarglager, über die unterschiedlichen Kühlräume, an den Öfen vorbei in die Garage mit den hochmodernen Bestattungswagen. Ganz zum Schluss betreten wir die grosse Bühne für den letzten Auftritt: «Du machst dir keine Vorstellung, wie es hier manchmal zugeht.»
Bis hierhin organisieren die Bestatter alles. Dann übergeben sie an Menschen wie Hella Sodies, die Gemeindeleiterin am Greifensee. Und die ist über die Jahre sehr vorsichtig geworden, vor allem mit Worten. «Meine theologischen Überzeugungen sind eigentlich gleich geblieben. Aber die Art, wie ich darüber spreche, um Menschen zu erreichen, die hat sich sehr stark verändert.» Denn Sprache bestimme, ob sich Menschen verstanden fühlten. Hella Sodies erkennt gerade hier eine grosse Chance: «Für mich wird ein Ritual, ein Gottesdienst immer dann kraftvoll, wenn ich spüre, dass da Berührung mit dem eigenen Leben stattfindet.»
Deshalb gilt für sie: keine Floskeln, schon gar keine religiösen Floskeln. Und auch «diesem christlichen Wir» misstraue sie sehr. Sprachliche Genauigkeit sei schon deshalb ungeheuer wichtig, sagt Sodies, um keine unerwünschten Klischees und in die Enge führenden Denkmuster zu aktivieren. Auch deshalb nehme sie sich Freiheiten in der Gestaltung. Und lasse mehr Stille zu. Überhaupt seien Impulsfragen für sie wichtiger geworden, auch poetische Texte. All das trage dazu bei, Menschen zu erreichen, für die traditionelle Formen oder religiöse Sprache längst keine Bedeutung mehr hätten: «Im Blick auf den Tod eines Menschen kann ich auch mein eigenes Leben nochmal anschauen. Wie will ich denn eigentlich leben?»