Ruedi Widmer
Was heute noch Schimpfwort ist, wird demnächst zum Qualitätslabel: «Du Hirni, du!», wird man ausrufen und dabei nichts als reinste Bewunderung empfinden.
Nur die Kopflosen werden in dieser geistvollen Zukunft noch in die herkömmliche Muckibude schlurfen. Wer wirklich etwas auf seine Fitness hält, trainiert im κέντρον ἐγκέφαλος. Ja, so viel Altgriechisch wird dann sein!
Im «Gehirnzentrum» – für geistig noch Ungeformte – stehen die Hirnis stoisch auf Denkerplattformen, während vor ihnen ein Laufband seine Schriftrollen abspult. Je nach Denkquotient lassen sich Schwierigkeit der Texte und Schnelligkeit des Ablaufs einstellen. Das ist völlig gefahrlos für alle, die brav den Instruktionen folgen: Sobald du beim Lesen vor Anstrengung den Arm nicht mehr heben kannst – runterschalten!
Die Schriftlaufe, so heisst dieses Gerät, ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die Denkleistung zu steigern. In der Presse protzen Poser in Hornbrillen mit ihrem Wissen zur Tagespolitik. Das Trumpolin sorgt für rhetorischen Punch. Beim Spinning hebt die kreative Intelligenz ab, die am Zurückrudergerät wieder auf den Boden gebracht wird. Und nie vergessen: Nach jedem Gerät bitte den Hirnschmalz wegmachen. Ausrutschgefahr!
Wer jetzt vordenkt, wird ganz gross kassieren. Verlage mit Erstdenkbüchern werden an der Frankfurter Buchmesse eine eigene Halle kriegen. Versicherungsvertreter nerven uns künftig mit der ständigen Nachfrage nach unserer geistigen Vorsorge. Jeder Haushalt pflegt seinen Notvorrat an Denksportaufgaben. Denkersatzprodukte (igitt!) florieren.
Selbst die Kirche wird auf der Denkwelle mitreiten. An hohen Feiertagen strömen die Menschen für eine garantiert selbst erdachte Predigt in den Gottesdienst. Viele davon werden dazu stolz ihr Fanshirt mit der Aufschrift «Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος: Das Original» tragen. Und andere werden aus den Ferien billige Fälschungen mitbringen, auf denen dann «Am Anfang war das Wort: Das Originell» steht.