Alfred Delp (Bildausschnitt) | 1966, Ruth Kiener-Flamm, Ölgemälde, Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a. M.
Christof Wolf SJ / Archiv der Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten
Die märchenhafte Episode aus dem Buch Jona, in der dieser ins stürmische Meer geworfen, von einem übergrossen Fisch aufgeschnappt und in seinem Bauch gerettet, schliesslich ans Land gespien wird und so überlebt, hat sich früh verselbstständigt. Sie ist zum alttestamentlichen Hinweis auf und zum Bild für Jesu Tod und Auferstehung geworden. Jesus erwidert selbst den Pharisäern und Schriftgelehrten, als sie von ihm ein Beglaubigungswunder wollen, sie würden von ihm kein anderes Zeichen erhalten als das Zeichen des Jona: «Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoss der Erde sein.»
Doch schon im Neuen Testament ist Jona nicht nur ein Zeichen für Tod und Auferweckung. Der Verweis auf Jona steht für Jesu Selbsthingabe am Kreuz. Als nämlich auf dem Schiff die Mitreisenden erfahren, dass nicht ihre Götter, sondern der Gott Israels den Sturm wegen Jona über sie gebracht hat, ist es Jona, der vorschlägt, sie mögen ihn ins Wasser werfen, damit sein Gott das Meer besänftige und das Schiff nicht zum Kentern bringe. Sein Tod sollte Gott beschwichtigen, damit die Mitreisenden am Leben bleiben. Jona opfert sich für die anderen. Jesus verweist aber auch auf die Umkehr der Niniveiten. Sie sind aufgrund der Ankündigung des göttlichen Gerichts durch Jona von ihrem schuldhaften Leben umgekehrt. Weil sie Jona geglaubt haben, sind sie verschont geblieben. Gott zeigt sich mit der heidnischen Grossstadt, die in ihrem übermütigen Machtgehabe nicht weiss, was sie tut, barmherzig. Jesus weist auf diese Umkehr der götzendienerischen Stadt hin und fordert auch von den Pharisäern und Schriftgelehrten Glauben und Umkehr.
Die Erzählung des Buches Jona will in der Tat viel mehr und noch anderes sagen, als nur ein Bild für Jesu Tod und Auferstehung liefern. Sie ist eine Gleichniserzählung, die nach vier Kapiteln mit einer offenen Frage endet. Sie fordert heraus, Gottes grosse Barmherzigkeit gerade gegenüber Mitmenschen zu bejahen. Dabei nimmt die Erzählung die Kernbotschaft des Evangeliums vorweg, denn letztlich berichtet sie von der Feindesliebe Gottes, in die der Leser und die Leserin einschwingen soll. Die Erzählung will, dass Jona – und mit ihm alle, die an den Gott Israels glauben – sich darüber freut, dass Gott sogar seinen Feinden vergibt. Schauen wir das Buch Jona genauer an:
Jona, ein Prophet Israels, erhält gleich zu Beginn von Gott den Auftrag, das Strafgericht über Ninive auszurufen, da die Menschen in ihr in Bosheit lebten. Es ist die Hauptstadt des assyrischen Grossreichs, das immer wieder Israel angreift und unterwirft. Jona will Gottes Auftrag nicht ausführen. Er widersetzt sich Gottes Ruf. Fürchtet er den Widerstand der Niniveiten? Ist ihm die Aufgabe zu anstrengend? Sieht er die Lage anders als Gott? Obwohl er weiss, dass er ihm nicht entfliehen kann, bricht er in den äussersten Westen nach Tarschisch auf, in die genau entgegengesetzte Richtung von Ninive. Er besteigt in Jaffo das Schiff, und es folgt die bekannte Szene, von der wir schon erzählt haben: Jona wird ins Meer geworfen. Im Bauch des Walfisches aber – dies muss nun ergänzt werden – betet Jona einen Dankpsalm. Er dankt Gott dafür, dass er ihn errettet hat und barmherzig ist, auch wenn er nicht gehorsam war und seinen Dienst nicht ausgeführt hatte.
Als der Fisch Jona ans Land wirft, steht der widerspenstige Prophet wieder am Anfang. Zu Hause angekommen, tadelt ihn Gott nicht. Er beauftragt ihn vielmehr, zum zweiten Mal nach Ninive zu gehen. Jetzt gibt Jona nach, macht sich nach Osten auf, durchstreift Ninive und fordert die ganze Stadt zur Umkehr auf. Der König lenkt ein, ordnet ein Staatsfasten an, Mensch und Tier bereuen und tun Busse – legen sich in Sack und Asche. Sie hören auf die Gerichtsandrohung durch den Gott Israels, obwohl sie ja eigene Götter haben. Gott ist daraufhin in Ninive barmherzig. Das Gericht, das er der Stadt angedroht hat, reut ihn. So wie er treu und gemäss seinem Namen den Israeliten verziehen hat, als sie das Goldene Kalb angebetet haben, so verzeiht er nun auch Assur.
Diese Wendung gefällt Jona überhaupt nicht. Er musste das Gericht ankündigen, und Gott führt es nun nicht aus! Steht er nun nicht als falscher Prophet da? War das der Grund, warum er den Auftrag Gottes zuerst nicht ausführen wollte? Und wieso sollte Gott mit den Niniveiten barmherzig sein, die als assyrische Grossmacht seinem Volk Israel feind sind? Jona zieht sich zurück, voll Groll über die Güte Gottes. Er will diesem Gott endgültig nicht mehr folgen. So baut er sich im Osten von Ninive auf der Anhöhe eine Hütte und will sehen, was mit der Stadt nun geschieht.
Da lässt Gott neben der Hütte einen Rizinusstrauch wachsen, der wegen des warmen Windes und eines Wurms, der ihn annagt, aber auch gleich wieder eingeht. Das erzürnt Jona gerade noch einmal, denn er hatte sich an diesem Rizinus erfreut. Diese Episode der Erzählung ist Zeichen und Gleichnis. Denn das Buch Jona schliesst nun mit Gottes offener Frage an Jona: «Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so grosse Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch so viel Vieh?»
Die pädagogische Absicht des Buchs Jona ist offensichtlich. Können wir uns freuen, wenn Gott nicht nur uns, sondern auch anderen vergibt, ja sogar unseren Feinden? Das Buch Jona macht verständlich, warum und wie Jesus immer neu um Umkehr und für Vergebung wirbt. Der alte Mensch in uns muss sterben, jener Mensch, der nicht vergeben kann, damit sich Gottes Liebe gegenüber allen offenbart.
Das Gemälde zeigt Alfred Delp vor dem Volksgerichtshof. Alfred Delp (1907–1945) war ein deutscher Jesuit und Mitglied des Kreisauer Kreises, einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus. Wegen seiner Beteiligung am Widerstand wurde er vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Christof Wolf SJ / Archiv der Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten