Kolumne

Prognosen ohne Gewähr

Wer die Zukunft vorhersagt, kann grandios danebenliegen. Das gilt auch im Zeitalter der KI.

Simon Felix ist Dozent für Informatik und Forscher an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er ist zudem Gründer und CTO des Softwareunternehmens Ateleris. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Erforschung und Anwendung von KI.

Vorhersagen sind ein notorisch schwieriges Geschäft, selbst für ausgewiesene Expertinnen und Experten. Die Geschichte ist übersät mit spektakulären Fehleinschätzungen brillanter Köpfe. Lord Kelvin, einer der bedeutendsten Physiker seiner Zeit, erklärte einst kategorisch, dass Flugzeuge physikalisch unmöglich seien, wenige Jahre bevor die Gebrüder Wright das Gegenteil bewiesen. Thomas J. Watson, damals Chef von IBM, sagte 1943 angeblich einen weltweiten Bedarf von höchstens fünf Computern voraus. Die Plattenfirma Decca Records lehnte die Beatles mit der Begründung ab, dass Gitarrengruppen «out» seien.

Dabei liegen nicht nur Pessimisten falsch. Der renommierte Ökonom Irving Fisher verkündete 1929, dass Aktienkurse ein «dauerhaft hohes Plateau erreicht» hätten, kurz vor dem verheerenden Börsencrash. Lewis Strauss prophezeite kostenlosen Atomstrom, und John Maynard Keynes die 15-Stunden-Arbeitswoche.

All diese Fehlprognosen entstehen aus der fundamentalen Fehlannahme, dass gesellschaftlicher und technologischer Wandel in vorhersehbaren Bahnen verläuft. In der Realität verlaufen Entwicklungen aber chaotisch und exponentiell. Eine einzelne Erfindung, ein unerwarteter technischer Durchbruch, kann ein ganzes Fachgebiet von heute auf morgen radikal verändern. Ob und wann diese Durchbrüche stattfinden, bleibt unvorhersehbar.

Besonders deutlich zeigt sich diese Dynamik bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Gemäss einer Studie des amerikanischen Forschungsinstituts METR (Model Evaluation & Threat Research) hat sich die KI-Leistungsfähigkeit bisher alle sieben Monate verdoppelt. Das ist eine atemberaubende Geschwindigkeit, die jede Langzeitprognose zur Spekulation macht. Was heute noch wie Science-Fiction klingt, könnte in wenigen Jahren Realität sein, falls die Entwicklung im bisherigen Tempo fortschreitet. Falls unerwartete Probleme auftreten oder weniger Geld in KI investiert wird, könnte das die Entwicklung ausbremsen. Trotzdem versuchen sich zahllose Expertinnen und Experten an Vorhersagen. Die Meinungen liegen dabei so weit auseinander wie nur möglich. Die einen prophezeien, dass wir in Zukunft dank KI alle Krankheiten heilen werden und dass wir bald nur noch zum Spass arbeiten. Andere befürchten, dass bald alle arbeitslos werden, dass die KI die Menschheit auslöscht oder unseren Planeten zerstört. Diese extremen Lagerbildungen sind typisch. Wir neigen dazu, technische Entwicklungssprünge romantisch zu verklären oder zu fürchten. Die nüchterne Mitte, eine Zukunft voller stetiger, kleiner Entwicklungsschritte und bürokratischer Reibungsverluste, verkauft sich schlechter als die Apokalypse oder das Paradies.

Und selbst wenn wir präzise Vorhersagen treffen könnten, bleibt die Frage: Was würden wir damit anfangen? Könnten wir uns tatsächlich auf ein bedingungsloses Grundeinkommen einigen, wenn ein Kollaps des Arbeitsmarkts durch KI-Automatisierung absehbar wäre? Würden wir KI-gestützte Forschung stoppen, wenn die Forschungsresultate in die falschen Hände gelangen können? Am Beispiel des Klimawandels sehen wir deutlich, dass es uns schwerfällt, proaktiv zu agieren und unangenehme Wahrheiten rechtzeitig anzugehen. Warnungen allein verändern selten unser Verhalten. Erst der konkrete Handlungsdruck zwingt uns zu Innovation und Anpassung.

Welche Herausforderungen die KI mit sich bringt, ist offen. Ich weiss nicht, wie die Welt in zehn Jahren aussehen wird. Niemand weiss es. Frei nach dem Informatiker Alan Kay gilt: Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu gestalten.