Wie haben Sie sich in diesem Hitzesommer gefühlt?
Es schien mir, als könnte ich nicht mehr richtig denken. Ausserdem musste ich mich richtig überwinden, um nach draussen zu gehen. Ich bin dann jeweils mit dem kühlen Tram zu meinem Familiengarten gefahren, um zu giessen. Tramfahren war eine der Empfehlungen an Seniorinnen. Ausserdem haben die Zürcher Klimaseniorinnen bei den Kirchgemeinden angefragt, ob wir uns in ihren kühlen Kirchen aufhalten dürfen. Wir haben nur positive Antworten bekommen.
Leiden Sie an Klimaangst?
Nein. Mein Engagement wirkt für mich wie ein Ventil für diese Ängste. Ich glaube, dass viele Menschen die Angst verdrängen und sich darum nicht mit dem Klimawandel auseinandersetzen wollen.
Geht Klima schützen, ohne zu moralisieren?
Ja, das ist sogar sehr wichtig. Wenn es moralisch wird, stellt sich bei allen eine Abwehr ein. Erzählungen von Flugreisen zum Beispiel nehme ich unkommentiert zur Kenntnis.
Wie reagieren Menschen, wenn Sie erzählen, dass Sie eine Klimaseniorin sind?
Ich erhalte viel Anerkennung für unsere Arbeit. Bei einigen löst sie jedoch auch ein schlechtes Gewissen aus, und oft sagt man mir, was ich als Klimaseniorin nicht darf. Stichwort: Flugreisen.
Warum gibt es zwischen Wissen und Verhalten eine so grosse Lücke?
Menschen verdrängen belastende Themen. Selbst das verschüttete Dorf Blatten stellen wir nicht in Zusammenhang mit dem Klimawandel. Es gelingt uns immer noch, uns die Welt als gesund vorzustellen.
Was denken Sie über Verzicht?
Ich bin jahrelang nach Indien geflogen und habe mein Kontingent an Flugreisen um ein Vielfaches überschritten. Seit dem Klimastreik 2019 bin ich nicht mehr geflogen. Die Reisen nach Indien vermisse ich sehr. Das ist für mich ein schmerzhafter Verzicht. Doch die Vernunft verbietet es mir, wieder ins Flugzeug zu steigen.
Wieso glauben Menschen nicht daran, dass sie etwas bewirken können?
Die Schweiz hat vor dem Europäischen Gerichtshof argumentiert, das Land sei so klein, dass seine Auswirkungen auf das Klima gering seien. Die Richter liessen diese Argumentation nicht gelten. Wir können uns nicht mit dem Argument aus der Verantwortung ziehen, ein Tropfen im Ozean zu sein.
In welchen Situationen erleben Sie Selbstwirksamkeit?
Wenn Menschen mir sagen, dass ich ihnen Zuversicht vermittle. Das war zum Beispiel nach der Klimademo im September in Zürich so oder wenn ich mit dem Film «Trop chaud» über die Klimaseniorinnen unterwegs bin.
Haben Sie in Bezug auf das Klima noch Vertrauen in die Politik?
Seit der negativen Reaktion auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nicht mehr.
Was gibt Ihnen Anlass zur Hoffnung?
Das Wort «Hoffnung» finde ich problematisch. Die Gefahr ist gross, dass wir hoffnungsvoll die Hände in den Schoss legen und nichts tun. Die Nachhaltigkeitsexpertin Maja Göpel sagt: «Wir schaffen jeden Tag wieder etwas Zukunft mit den Dingen, die wir heute tun.» Mir ist Zuversicht, die aus solchem Handeln entsteht, lieber.