Lama ist im tibetischen Buddhismus der Titel für geistliche Führer oder Gelehrte. Als Spross einer Lama-Dynastie aus Osttibet hat Lama Dietschy schon als Jugendlicher die Berufung zum Heilen gespürt. Mehr als zwölf Jahre studierte er an drei verschiedenen Universitäten und zwei Klöstern Schulmedizin und traditionelle tibetische Medizin (TTM). Heute ist er in siebter Generation als Arzt der traditionellen tibetischen und chinesischen Medizin sowie als Schulmediziner tätig. Lama Dietschy führt in Bern mit einer deutschen Ärztin zwei Gemeinschaftspraxen für TTM. Die Patientin im Nebenraum ist an Darmkrebs erkrankt. Sie erhält zusätzlich zu den schulmedizinischen Behandlungen eine Moxibustion. Dabei werden bestimmte Körperpunkte gezielt erwärmt. Lama Dietschy verabreicht Wärmepflaster mit getrockneten Beifussfasern (Moxa), verteilt auf bestimmte Stellen am Rücken. Die Wärme soll die Abwehrkräfte der Patientin stimulieren.
Bevor Dietschy seine Therapien anwendet, führt er eine umfassende Anamnese durch: Gespräch über Biografie und Emotionen, Pulsdiagnose, Untersuchung der Sinnesorgane und der Ausscheidungen, Abtasten des Körpers. «Als Arzt muss ich wissen, was für ein Mensch vor mir sitzt», sagt der tibetische Lama, der durch die Heirat mit einer Schweizerin zu seinem Nachnamen gekommen ist.
Dann erstellt Lama Dietschy einen Ernährungsplan und hilft seinen Patienten, zu einer positiven Haltung zu kommen: «Aus buddhistischer Sicht spielt die Geisteshaltung die wichtigste Rolle beim Gesundwerden.» Manchmal biete er auch eine Meditation oder ein Gebet an, wenn gewünscht. So gesehen sei die Behandlung auch eine Art Lebensberatung. Daraus abgeleitet verordnet Lama Dietschy auch Schröpfen, Aderlass, Räucherungen, Massagen, Akupunktur – auch kombiniert mit Medikamenten. Über 3700 tibetische Rezepturen sind in der Lehre der TTM dokumentiert. Zwei Handvoll werden auch in der Schweiz produziert. Dietschy ist international als Dozent und Forscher tätig und hat die Wirkung von Naturmedizin auf die Schulmedizin untersucht. Er bedauert, dass das Wissen über Naturmedizin hierzulande in den Kinderschuhen steckt: «Naturmedizin wirkt langsam, aber nachhaltig. Schulmedizin wirkt schnell, aber wenig nachhaltig. Eine Kombination beider Lehren wäre ein Gewinn.»
Eine Patientin, die nach einem Unfall an chronischen Schmerzen leidet und von der Schulmedizin als «austherapiert» gilt, sagt: «Der holistische Ansatz ist interessant. Nie zuvor bin ich auf die Ernährung sensibilisiert worden.» Natürlich brauche sie nach wie vor konventionelle Schmerzmittel. «Doch die mentale Unterstützung, die in der TTM integriert ist, erleichtert mir den Umgang mit dem Schmerz.»
Ihm falle auch auf, so Dietschy, dass religiöse Menschen weniger ängstlich seien. «Ich denke, sie fühlen sich als Teil eines grossen Ganzen.» Der Glaube an Heilung sei essenziell. «Daraus entsteht eine Verbindung, die für mich zum Heilen nötig ist.»