Ein Blockviertel in Liebefeld bei Bern. Ein unscheinbarer Eingang ein paar Stufen abwärts führt in die Praxis von Elango Erambamoorty. Der 66-Jährige praktiziert hier seit über zwanzig Jahren die nordindische Heilkunst Ayurveda und die aus dem Süden Indiens stammende verwandte Siddha-Medizin.
In Erambamoortys Familie in Sri Lanka gehörte die Siddha-Medizin zum Alltag. Sein Vater war Geiger, betätigte sich aber auch als Heiler, indem er Mantras sang. Seinem Sohn gab er einst eine Sammlung von über 3000 Jahre alten medizinischen Rezepten weiter. Ein Schatz, den Erambamoorty bis heute in Ehren hält und der ihn motivierte, der den Ausschlag gab, dass er Naturheilpraktiker wurde. «Ayurveda ist ein Medizinsystem und eine Lebensphilosophie für ein langes und gesundes Leben», erklärt Erambamoorty. Wörtlich übersetzt bedeutet Ayurveda «Wissen vom Leben». Seine Wurzeln liegen in den Veden, den heiligen Schriften des Hinduismus. Die Siddha-Medizin wurde von den Siddhas, erleuchteten Mystikern, entwickelt und hat somit ebenfalls einen spirituellen Ursprung. Im Hinduismus glaube man, dass die Götter den Menschen die Heilkunst gegeben hätten, sagt Erambamoorty. Krankheiten hingegen verstehe man als Folgen der menschlichen Handlungen und als eine Gelegenheit, daraus zu lernen. Seine Funktion sieht Erambamoorty darin, Menschen auf dem Weg der Heilung zu begleiten. Traditionellerweise stehen bei der ayurvedischen Behandlung die Ernährung, Heilkräuter und Mineralpräparate im Vordergrund. Hierzulande kommen aber vor allem Yoga-, Atem- und Meditationsübungen sowie Massagen und Stirngüsse mit warmem Öl zum Einsatz.
Erambamoorty konnte schon chronische und rheumatische Schmerzen sowie Verdauungsprobleme lindern. Das Wort «heilen» benutzt er nicht, denn: «In der Schweiz dürfen Ayurveda-Naturheilpraktiker keine Formulierungen verwenden, die den Eindruck erwecken, man könne Krankheiten heilen oder garantierte Wirkungen erzielen», sagt er. Lieber spricht er von «Begleitung». Das sei erlaubt. Dass seine Behandlungen Erfolg bringen, führt er nicht nur auf sein Wissen, sondern auch auf göttliche Macht zurück. Die Intuition des Heilpraktikers bei der Diagnosestellung verstehe man im Ayurveda als göttliche Eingabe. Zwei von vielen tamilischen Sprichwörtern und Lehrsätzen lauten: «Die Ärzte behandeln, Gott heilt» und «Bei der Heilung ist die Medizin ein Viertel, drei Viertel sind Glaube». Erambamoorty sagt dies zwar augenzwinkernd, doch ist ihm der Glaube sehr wichtig: «Ohne die Erlaubnis von oben kann ich nichts machen.» Regelmässig betet er, auch für seine Patienten und Patientinnen, und besucht den tamilischen Tempel. Doch nur wenn jemand dafür offen ist, wendet er auch religiöse Behandlungsmethoden wie das Malen von Mandalas auf den Körper oder das Mantra-Singen an. Seine Religion möchte er niemandem aufdrängen. Götterfiguren und eine aufgeschlagene heilige Schrift im Empfangszimmer lassen ohne Worte erkennen: Medizin und Glaube gehören für ihn zusammen.