Als der Mond Regenbögen trug

40 Jahre nach dem historischen Treffen der Religionen für den Frieden trafen sich vom 25.-27. Oktober 5000 Menschen aus 53 Ländern wiederum in Assisi. Unter ihnen 380 offizielle Delegierte und Religionsführer sowie aus der Schweiz der Sanskrit-Gelehrte Acharya Vidyabhaskar. Hier sein Erlebnisbericht:

Der Garten der Heiligen, neu im Global House of Friendship in Assisi.

Es regnete in Assisi, an jenem 27. Oktober 1986. Papst Johannes Paul II. war mit den Religionen der Welt im Zug von Rom gekommen, Seite an Seite, wie eine Menschheit auf dem Weg zur Geschwisterlichkeit. Die Glocken der Stadt jubelten. In schweigender Prozession zogen alle zur Basilika des heiligen Franziskus. Dann flogen weisse Tauben in einen schweren, grauen Himmel – und aus dem Grau brach ein Regenbogen hervor. Am Abend, nach einem Tag des Fastens, wurde ein einziges grosses Brot geteilt. Darauf stand, in vielen Sprachen: Frieden.

Vierzig Jahre später kehrte der «Geist von Assisi» wieder zurück in die Stadt, in der er entstanden war. Die Gemeinschaft Sant’Egidio, die das Feuer von Assisi seither Jahr für Jahr hütet und selbst in Kriegsgebieten Frieden stiftet, rief vom 25. bis 27. Oktober 2026 erneut nach Assisi, unter den Worten von Papst Leo XIV.: «Ein unbewaffneter und entwaffnender Friede». Ich durfte dabei sein, als Stimme der hinduistischen Śrīvidyā-Tradition. Und der Himmel antwortete wieder. In den Herbstnächten über Umbrien stand der Mond in einem Kranz aus Regenbögen, wie ein Mandala aus Licht über der Stadt des Poverello. 1986 schenkte der Regen einen Regenbogen. 2026 trug ihn der Mond.

Drei Tage lang wurde Assisi zum Haus aller Wege: Patriarchen und Kardinäle, Rabbiner und Imame, Sikhs und Jains, Mönche in Safran und in Schwarz. Dann trat ein alter japanischer Vajrayana-Meister ans Pult, Gijun Sugitani, und sprach einen Satz wie ein Schwertstreich: «Wie kann es Abrüstung und Frieden in der Welt geben ohne die Abrüstung des eigenen Selbst?» Denn jede Waffe wird zuerst im Herzen geschmiedet: in Gier, in Angst, im verhärteten Ich, das sich verteidigen muss. Wo der Geist zur Ruhe kommt und seine eigene Natur erkennt, gibt es nichts mehr zu verteidigen. Das ist die eigentliche Abrüstung.

Autor Acharya Vidyabhaskar und die Erzbischöfin von Canterbury, Sarah Mullally, am Friedenstreffen in Assisi.

Im Garten der Heiligen des von Rabbi Alon Goshen-Gottstein gegründeten Global House of Friendship and Hope fand ich Shantideva, den grossen Meister aus Nalanda, neben der Sufi-Heiligen Rabi’a von Basra und Swami Sivananda aus Rishikesh – mitten in der Stadt des Franziskus. Shantideva betete, Nahrung für die Hungernden zu werden, Arznei für die Kranken, eine Brücke für alle, die das andere Ufer suchen. Franziskus küsste den Aussätzigen und sang von Bruder Sonne und Schwester Mond. Zwischen Nalanda und Assisi liegen Jahrhunderte – und kein einziger Herzschlag.

Papst Leo XIV. konnte nach seiner Operation nicht kommen. Doch sein Video-Vortrag fiel wie Glockenschläge: Es gibt keinen heiligen Krieg. Heilig ist allein der Friede. Und als Säule dieses Friedens nannte er – was für ein Satz aus dem Mund eines Papstes – die kontemplative Erfahrung.

Am letzten Abend vergoldete die Sonne die alten Steine. Wir beteten, jede Tradition in ihrer eigenen Sprache und doch mit einem einzigen Herzen. Die Kerzen des Friedens wurden entzündet und in Kinderhände gelegt. Und über allem wachte der Mond in seinem Regenbogenkranz.

Assisi lehrt: Der Friede ist keine ferne Utopie. Er wohnt in jedem Herzen, das aufhört, sich zu panzern. Mögen alle Wesen diesen Frieden finden.