Er nennt den Papst «Bob»

Seit fast vierzig Jahren beobachtet Andreas Englisch den Vatikan aus nächster Nähe. Bei «Zürich liest» erzählte er in der Pfarrei St. Felix und Regula von vier Päpsten: einem Fuchs, einem Scheuen, einem Unberechenbaren und einem, den er beim Vornamen nennt.

Autor Andreas Englisch begrüsst Papst Franziskus im Vatikan in Rom.
Seit fast vierzig Jahren erlebt er die Päpste aus nächster Nähe: Vatikan-Bestsellerautor Andreas Englisch bei einer seiner vielen Begegnungen mit Papst Franziskus.

Angekündigt war eine Lesung. Gelesen hat Andreas Englisch keine Zeile. Eine Stunde lang erzählte der Vatikan-Korrespondent im Rahmen von «Zürich liest» in der Zürcher Pfarrei St. Felix und Regula, fast ohne Atem zu holen. Sein neues Buch «Leo XIV. Der leise Mönch an der Spitze der Macht» blieb zugeklappt.

Englisch ist der Mann, den die deutschen Talkshows anrufen, wenn über der Sixtinischen Kapelle weisser Rauch aufsteigt. Dabei kam der gebürtige Westfale, der in Hamburg studiert hatte, 1987 eigentlich nur nach Rom, um Italienisch zu lernen. Als das Geld knapp wurde, bewarb er sich als Vatikan-Korrespondent. «Von der Kirche hatte ich keine Ahnung, sie interessierte mich auch nicht», sagt er in Zürich. Er bekam die Stelle trotzdem.

Kurz darauf stand er in Castel Gandolfo vor Johannes Paul II. Der Papst sprach ihn auf Italienisch an. «Heiliger Vater, ich kann kein Italienisch.» Polnisch auch nicht? Wovon er denn etwas verstehe, wollte der Papst wissen. «Ich kann über Fussball schreiben.» Die Antwort des Papstes: «Solange Sie in Rom sind, werde ich mit Ihnen nie über Fussball reden.» Wojtyła, so erzählt es Englisch, hatte ein Fussball-Trauma. Als Kind habe er eine ganze Saison lang den zweiten Torpfosten spielen müssen.

Der Fuchs mit dem Ghettoblaster

Karol Wojtyła sei «ein Fuchs» gewesen, sagt Englisch. Auf Reisen hinter den Eisernen Vorhang habe er einen Koffer mit einem Ghettoblaster dabeigehabt. Weil der Geheimdienst die Zimmer verwanzt hatte, drehte man die Musik laut auf und spielte «Sympathy for the Devil» von den Rolling Stones.
1991 reiste der Papst mit dem Journalistentross ins Polen nach der Wende. Die Menschen jubelten ihm zu, sie dankten ihm für seinen Anteil am Sturz des Kommunismus. Die Tage waren lang: Um halb sechs die erste Messe, danach eine Andacht nach der anderen, dazwischen segnete Wojtyła Kindergärten und Schulen. Während der Reise galt Alkoholverbot. Am letzten Abend murrte ein Journalist, man habe keinen einzigen Schluck trinken dürfen. «Sie haben recht», sagte der Papst und organisierte ein Fest in einer Kneipe. Eine Nonne habe auf dem Tisch getanzt, erzählt Englisch. Am nächsten Morgen fragte Wojtyła: «Andreas, hast du gesündigt?»

Der engstirnige Konservative, für den ihn viele hielten, sei Johannes Paul II. nicht gewesen, sagt Englisch. Er hatte ein grosses Herz. Er liess einen obdachlosen Priester, der unter den Kolonnaden lebte, zum Mittagessen holen und bat ihn, ihm die Beichte abzunehmen. Die Begegnung veränderte das Leben des Randständigen.

Auf seiner Brasilienreise hatte die Regierung dem Papst untersagt, die Elendsviertel zu besuchen. Sie wollte vermeiden, dass die Bilder der Armut um die Welt gingen. Johannes Paul II. hielt sich nicht daran, er besuchte eine der Favelas in Rio de Janeiro. Als ihn eine Frau um eine Gabe für ihre hungernden Kinder bat und er kein Geld auf sich trug, schenkte er der Mutter kurzerhand seinen Fischerring. Sie verkaufte ihn nicht. Die Favela errichtete für die Frau eine Kneipe und für den Ring eine Kapelle. Der Ring liegt heute hinter Panzerglas in dieser Kapelle.

Ein Heiligenbild von Johannes Paul II. zeichnet Englisch trotz dieser Geschichten nicht. Das Ausmass des Missbrauchsskandals habe Wojtyła «masslos unterschätzt». Als Journalisten ihn darauf ansprachen, wollte er nichts davon hören. Seine Abwehr erklärt Englisch mit den Erfahrungen des Papstes in Polen: Dort hätten schon die Kommunisten solche Vorwürfe gegen Priester erfunden.

Der Scheue und der Unberechenbare

Joseph Ratzinger erlebte Englisch als «zutiefst scheuen Menschen». Sein eigenes Geburtstagsfest verliess er nach der Hälfte, es war ihm zuwider, im Mittelpunkt zu stehen. Als Ratzinger 2005 Papst wurde, sass Englisch bei Johannes B. Kerner im Studio. Zugeschaltet war Georg Ratzinger, der Bruder des Neugewählten. Statt sich zu freuen, klagte er, Joseph sei für das Amt viel zu alt, der könne das nicht.

Ganz anders Franziskus: spontan, nahbar, einer, der Menschen berührte. Mit seinen Reformen stiess «der Unberechenbare», so Englisch, jedoch an Grenzen. Die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene und verheiratete Priester im Amazonasgebiet scheiterten am Widerstand der Ratzinger-Anhänger. Franziskus wich zurück, um eine Spaltung zu verhindern.

Statt im Apostolischen Palast wohnte Franziskus im Gästehaus Santa Marta. Den Liftboy, der dort eigens für ihn bereitstand, schickte er weg. Später bedankte sich der Mann: Er sei Ingenieur, kein Liftboy. Weil er noch nie in Brasilien gewesen war, nahm ihn Franziskus auf die Reise dorthin mit und stellte ihn dem Staatspräsidenten vor: «Das ist mein Fahrstuhlmann.» Daraus wurde ein Ritual. Nach Schweden begleitete ihn die Frau aus der Wäscherei, eine Bewunderin des Königshauses. «Hätten Sie fünf Minuten für sie?», fragte der Papst den König. «Sie würde das Gespräch mit ihnen schätzen.»

«Bobcorn» im Vatikan

Und dann «Bob», wie Andreas Englisch den neuen Papst nennt. Robert Francis Prevost, heute Leo XIV., kannte Englisch aus dessen Zeit als Generalprior der Augustiner, gleich neben dem Petersplatz. Englisch erinnert sich an ihn als umgänglichen Amerikaner, der gern Auto fuhr und sich auch einmal seinen neuen Volvo auslieh. Weil Prevost Popcorn liebte, nannte man ihn «Bobcorn». Seine Wahl habe ihn «völlig erstaunt», sagt Englisch. Gegen Prevost sprach, dass ihn im Vatikan zu viele kannten.

Für ihn sprach jedoch Peru, wo er jahrelang Missionar und später Bischof von Chiclayo war. Dort sei er gegen Missbrauchstäter vorgegangen, sagt Englisch. «In Peru verdienen die Priester kaum genug, um zu überleben und müssen nebenher jobben», erklärt Englisch. «Bob kennt ihre Sorgen. Eine Kirche in der Krise braucht diesen Papst.»

Das grosse Thema des technikaffinen Papstes sei die künstliche Intelligenz. Ihn beunruhige, dass nicht einmal Fachleute wüssten, was auf die Menschheit zukomme. Die KI dürfe nicht die Herrschaft über die Schöpfung übernehmen.

Rezensenten werfen Englisch gelegentlich vor, er neige zur Übertreibung. An diesem Abend nahm ihm das niemand übel. Das Publikum fragte noch lange nach: zum Verhältnis zwischen Ratzinger und Hans Küng und zu den Befreiungstheologen. Dann verabschiedete es Andreas Englisch mit langem Applaus.