Seit hundert Jahren begeht die katholische Kirche im Oktober den «Sonntag der Weltmission». An diesem Tag sammelt die Kirche weltweit für den Solidaritätsfonds, der pastorale und soziale Projekte in 1100 der ärmsten Bistümer in der Welt unterstützt. Missio Schweiz, der hiesige Zweig der Päpstlichen Missionswerke, richtet zum Jubiläum den Blick nach Bolivien. Hier wirkte einerseits im 17. Jahrhundert der Schweizer Jesuit Martin Schmid. Er hat zusammen mit der indigenen Bevölkerung einen eigenen musikalischen Stil entwickelt, der nun in einigen Konzerten zum Jubiläum in der Schweiz erklingt. Aus Bolivien in die Schweiz kam die Theologin Bernardeth Carmen Caero Bustillos für diverse Gastvorträge. An der Universität Freiburg i.Ü. brachte sie am Dienstag, 20. Oktober, den Zuhörenden den Reichtum der indigenen Theologie ihres Landes nahe.
«Die Befreiung des Menschen und die Befreiung der Schöpfung sind untrennbar miteinander verbunden.»
«Die menschliche Existenz ist zutiefst mit der ganzen Schöpfung verbunden», erklärte Caero Bustillos. Gerade in den indigenen Spiritualitäten Lateinamerikas werde dies besonders deutlich: Der Mensch verstehe sich dort nicht allein als Individuum, sondern als Teil eines umfassenden Beziehungsgefüges, zu dem die Gemeinschaft, die Vorfahren, die Erde, das Wasser, die Tiere und die Pflanzen gehören. Eine wichtige Grundlage ihres Vortrags bildete die Enzyklika «Laudato si’» von Papst Franziskus. Sie habe der lateinamerikanischen und insbesondere der indigenen Theologie wesentliche Impulse gegeben und Anliegen aufgegriffen, die in den betroffenen Gemeinschaften seit Langem lebendig seien, so Caero Bustillos. Für die Theologin ist die von Papst Franziskus in seiner Enzyklika formulierte Zärtlichkeit ein Schlüsselbegriff. Sie bezeichnet eine Haltung, die über blosse Rücksichtnahme hinausgeht: die Fähigkeit, sich vom Schicksal anderer berühren zu lassen, mitzuleiden und Verantwortung zu übernehmen. In diesem Zusammenhang griff die Referentin einen Gedanken des argentinischen Theologen Néstor Míguez auf: Die Befreiung des Menschen und die Befreiung der Schöpfung seien untrennbar miteinander verbunden. Die Mechanismen, welche die Natur zerstören, seien vielfach dieselben, die Menschen ihrer Lebensgrundlagen und ihrer Freiheit berauben.
«Die Verteidigung der Schöpfung ist auch eine Frage der Menschenrechte.»
Besonders eindrücklich wurde der Vortrag dort, wo die Theologin die biblischen Überlegungen mit der Lebenswirklichkeit im Amazonasgebiet verknüpfte. Der tropische Regenwald sei nicht einfach eine Ansammlung natürlicher Ressourcen, die dem Menschen zur Verfügung stehen. Für die indigenen Gemeinschaften sei er Lebensraum, Heimat, kulturelles Gedächtnis und Ort spiritueller Erfahrung. Die Verteidigung der Schöpfung wird damit zugleich zu einer Frage der Menschenrechte.
Beim anschliessenden Gespräch mit dem Publikum kam insbesondere das Projekt eines eigenen liturgischen Ritus für das Amazonasgebiet zur Sprache, an dessen theologischer Reflexion Bernardeth Caero Bustillos beteiligt war. Es gehe dabei nicht darum, den katholischen Glauben durch indigene Traditionen zu ersetzen, betonte die Theologin. Vielmehr stelle sich die Frage, wie das Evangelium in unterschiedlichen Kulturen eine authentische Ausdrucksform finden und zugleich durch deren spirituelle Erfahrungen bereichert werden könne. Die Theologin plädierte dabei für einen echten interkulturellen Dialog. Nicht nur die indigenen Gemeinschaften sollen christliche Glaubensformen übernehmen. Auch die Kirche müsse bereit sein, von ihren Erfahrungen, ihrer Weisheit und ihrem über Generationen gewachsenen spirituellen Wissen zu lernen.
Missio Schweiz
Bernardeth Carmen Caero Bustillos stammt aus Cochabamba und ist Professorin für katholische Theologie und Bibelwissenschaft an der Katholischen Universität Boliviens «San Pablo». Promoviert hatte sie an der Universität Salzburg, ein weiterer Forschungsaufenthalt führte sie an die Universität Osnabrück. Zu ihren wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören die alttestamentliche Exegese, indigene Theologien, der interkulturelle Dialog sowie Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung.
«Die Verbindung von theologischer Kompetenz, internationaler Erfahrung und der Perspektive einer engagierten Frau in der Kirche macht Bernardeth Caera Bustillos für uns zu einer ausgesprochen wertvollen Stimme», erklärte Hanspeter Ruedl, Leiter des Bereichs Kommunikation von Missio Schweiz, welche die bolivianische Theologin eingeladen hatte. «Sie kann deshalb unterschiedliche kirchliche Erfahrungen und theologische Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen.» Verschiedenes miteinander in Verbindung bringen – das ist es auch, was ihn an seiner Arbeit bei Missio fasziniert: «Ich kann hier Kirche, Theologie und weltkirchliche Solidarität mit professioneller Kommunikation und Marketing verbinden.» Ruedl, der Theologie und Politikwissenschaften studierte und in der Privatwirtschaft tätig war, findet die Arbeit bei Missio zutiefst sinnvoll. Zudem: «Im unserem mehrsprachigen Team bereichern die unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Perspektiven den Austausch und machen die Arbeit ebenso vielseitig wie herausfordernd.»
Ein Gedanke, den Bernardeth Caero Bustillos besonders unterstrich, bringt eine Grundhaltung ihres theologischen Ansatzes auf den Punkt: «Die Weltkirche gewinnt an Tiefe, wenn sie die Vielfalt ihrer kulturellen und spirituellen Ausdrucksformen nicht als Bedrohung, sondern als Reichtum versteht.»
Zum Monat der Weltmission
Missio Schweiz stellt im Oktober 2026 drei pastoral-soziale Projekte in Bolivien vor: In Oruro versorgt die Volksküche «Olla del Pobre» bedürftige und obdachlose Menschen und bietet medizinische Grundversorgung. In Patacamaya unterstützt ein «Comedor» gefährdete Kinder und Jugendliche mit Mahlzeiten und Begleitung. In Cochabamba ist ein Beratungs- und Begegnungsort für Jugendliche geplant. Soziales und Pastorales greifen in der bolivianischen Kirche ineinander.