Glaubenskrieg im Wahlkampf

Israel steht vor einer historischen Wegscheide: Am 27. Oktober wählt das Land das erste Mal nach dem brutalen Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023. Es ist auch eine Wahl über den Wert der Demokratie – und die Bedeutung von Religion für den Judenstaat.

Ein ultraorthodoxer jüdischer Mann bei der Stimmabgabe in Jerusalem während der israelischen Parlamentswahlen am 9. April 2019.
Ein ultraorthodoxer jüdischer Mann bei der Stimmabgabe in Jerusalem während der israelischen Parlamentswahlen am 9. April 2019.

Drei Wochen vor Israels Schicksalswahlen krachen sie wieder aufeinander: Auf der einen Seite junge ultraorthodoxe Juden in ihren schwarzen Anzügen und Hüten, auf der anderen israelische Polizisten. Nicht nur bei ihren Protesten gegen die Wehrplicht zeigen sich viele der Strenggläubigen inzwischen so radikal, dass sich führende Rabbis sorgen, sie an den ultranationalistischen Minister Itamar Ben-Gvir zu verlieren. Dessen Partei «Jüdische Kraft» gilt als Nachfolger einer inzwischen verbotenen religiös fundamentalistischen Bewegung.

Dabei hatten Ultraorthodoxe und Nationalreligiöse eigentlich recht wenig miteinander zu tun, bevor Benyamin Netanyahu sich 2022 mit ihren Vertretern zu einer Koalition zusammentat. Historisch widerstrebt den Strenggläubigen alles Zionistische, weil es das Judentum auf eine Nationalität reduziert. Netanyahu jedoch lockte sie mit dem Versprechen, sie ein für alle Mal von der Wehrpflicht zu befreien. 
Dass Israel nach drei Jahren Krieg die Soldaten ausgehen, daran wiederum sind seine nationalreligiösen Partner nicht ganz unschuldig. Die hetzten Israel nämlich mit ihrer Vision von «Gross-Israel» von einer Front zur nächsten. Gegen den Wehrdienst haben sie trotz Tora-Studium nichts. Im Gegenteil, radikale Siedler im Westjordanland drangsalieren auch am heiligen Schabbat Palästinenser. Mit dem Maschinengewehr aus dem Reservedienst über der Schulter, die Tora dient als Grundbuch.

Bei diesen ersten Wahlen nach dem 7. Oktober 2023 ist das Land also nicht nur zerrissen über der Frage, ob Netanyahu weiterhin der Einzige ist, der Israel vor seinen Feinden schützen kann – oder ob er ganz im Gegenteil den eigenen Machterhalt über alles stellt. Noch nie zuvor war Israel so gespalten über das Verhältnis von Religion und Staat. Trennte sich die Gesellschaft lange in Tauben und Falken, Links und Rechts, Palästinenserstaat ja oder nein, zerbricht das jüdische Volk nun am eigenen Selbstverständnis. 
Für viele Israelis bedeutete der brutale Hamas-Überfall den Bruch des zionistischen Versprechens: Israel als sichere Heimstatt für alle Juden. Sie verloren Vertrauen in Staat und Regierung. Laut einer Studie der «Hebrew University» fühlten sich gläubige Israelis jedoch weit weniger bedroht in ihrem Weltbild. Ihre politische Identifikation ist an ihre religiösen Überzeugungen geknüpft. Und diese sind scheinbar sehr stabil.

Natürlich werden nicht alle Gläubigen durch diese zwei extremen Gruppen repräsentiert. Die ultraorthodoxe Gemeinschaft ist eine der am schnellsten wachsenden Demografien in der Welt, aber noch machen ihre Mitglieder nur etwa 14 Prozent der israelischen Bevölkerung aus. Die Nationalreligiösen wiederum haben seit 2022 politisch starken Einfluss. Zahlenmässig jedoch handelt es sich auch hier um eine Minderheit.

Immerhin einen Hoffnungsschimmer hat Israels rechtsextremste Regierung aller Zeiten hervorgebracht: 2023 gründeten junge Gläubige die «Smol Emuni», die «gläubige Linke». Zu ihr zählen sich auch einige hundert Aktivisten der Bewegung «Bnei Avraham», die «Kinder Abrahams». Viele von ihnen sind selbst mit der Ideologie der radikalen Siedler aufgewachsen. Doch gerade wegen ihres Glaubens setzen sie sich nun für die Palästinenser ein, mit friedlichem Widerstand gegen die eigenen Brüder und Cousins.
Apropos Cousins. Die arabischen Bürger Israels stellen über ein Fünftel der Wahlberechtigten. Zwar versuchten Netanyahu und seine Partner alle arabischen Parteien für die Wahlen zu disqualifizieren. Zwar wehren sich auch im Oppositionsblock die meisten jüdischen Parteien offiziell gegen arabische Beteiligung. Doch rechnerisch ist klar: Ohne sie kann keine Mehrheit gegen Netanyahu gebildet werden. Mansour Abbas‘ Ra’am-Partei beteiligte sich bereits 2021 an einer Regierungskoalition. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass in Israels Schicksalswahlen eine islamische Partei zum Königsmacher wird.

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