Europäisches Symposium zur Synodalität: Synodalität ist Beziehungsarbeit

Wie wird Kirche synodal? Indem sie Beziehungen stärkt, Betroffene einbezieht und unterschiedliche Wege zulässt, sagt Klara Csiszar, Professorin für Pastoraltheologie und Synodalitätsexpertin.

187 Menschen haben am Symposium zur Synodalität im Österreichischen Wels teilgenommen.

Wie lautet Ihr persönliches Fazit vom Europäischen Symposium zur Synodalität, das Sie organisiert haben?

Klara Csiszar: Mein Fazit ist, dass Europa über Sprach- und Erfahrungsgrenzen hinweg synodal miteinander sprechen kann. 187 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 31 Ländern haben während drei Tagen an 21 Tischen miteinander diskutiert. An jedem Tisch sass ein Bischof gemeinsam mit Frauen und Männern, jungen und alten Menschen aus den unterschiedlichsten Hintergründen. Dabei hat sich gezeigt: Synodalität ist Beziehungsarbeit.

 Wie hat sich das gezeigt?

Wir haben seit der Europäischen Kontinentalversammlung in Prag im Februar 2023 einen langen Weg zurückgelegt. In Prag war vieles noch schwierig und von Spannungen geprägt. Aber schon damals haben wir erkannt, wie wichtig Begegnungsräume sind, in denen die Vertreterinnen und Vertreter der Ortskirchen aus ihren unterschiedlichen Kontexten nicht übereinander, sondern miteinander ins Gespräch kommen. So bekommen Institutionen Gesichter, Gesichter von Menschen mit ihren Geschichten. Die Kirche in Deutschland hat ein Gesicht, die Menschen aus der Ukraine haben ein Gesicht. Nur über solche Beziehungen können wir Synodalität auf kontinentaler Ebene mitgestalten. Diese Beziehungsarbeit ist notwendig, damit Vertrauen zwischen den Kirchen Europas entstehen kann. Erst dieses Vertrauen fördert die Vielfalt in der katholischen Kirche, und aus dieser Arbeit kann die sogenannte heilsame Dezentralisierung heranreifen.

 Warum ist diese Vielfalt nötig?

Vielfalt und Einheit gehören gleichermassen zum Katholischsein. Der Glaube kommt je nach Kontext auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck. In der gelebten Vielfalt wird die Faszination des Katholischen erfahrbar. Dazu gehört, eine polyphone Kompetenz zu entwickeln, also die Fähigkeit, mit dieser Vielfalt umzugehen. Vielfalt ohne Beziehungsarbeit führt nämlich nicht zu Dezentralisierung und Einheit, sondern zu Polarisierung und Spaltung. Daher ist Synodalität für mich auch Friedensarbeit in einer Welt, in der heute leider zu viel Spaltung erfahrbar ist.

 Woran merken die Gläubigen, dass ihre Diözese synodal unterwegs ist?

Eine Diözese ist dann synodal, wenn sie Beziehungsarbeit fördert und Vielfalt zulässt. Wenn die Kirche Räume schafft, in denen die Menschen immer weniger Angst voreinander haben, dann ist sie auf dem Weg zur Synodalität. Das zeigt sich dort, wo immer wieder gefragt wird: Wer ist nicht dabei? Wessen Stimme wird nicht gehört? Beziehungsarbeit reicht aber über die zwischenmenschlichen Beziehungen hinaus. Sie betrifft ebenso unsere Beziehung zu Gott, den Umgang mit der Umwelt, die Beziehung zu den jüngeren Generationen und vieles mehr. Die Gläubigen sollten aber nicht nur beobachten, wie ihre Diözese funktioniert, und erwarten, dass sie immer synodaler wird, sondern sich auch fragen, wie synodal sie selbst unterwegs sind.

Was heisst das für Sie?

Ich zum Beispiel frage mich: Stört es mich, wenn bei wichtigen Entscheidungen Betroffene fehlen? Möchte ich als Professorin Entscheide nur mit meinen Kolleginnen und Kollegen treffen, oder beziehe ich auch die Studierenden mit ein? Bringe ich die Haltungen, die ich mir von anderen wünsche, selbst als Vorleistung in die Gestaltungsarbeit ein, in meinem Fall an der Universität?

Müssen wir Synodalität kennen, um sie zu leben?

Am glücklichsten sind vielleicht jene, die den Begriff nicht kennen und Synodalität dennoch leben. Sie sind so gestrickt, dass sie sich den Menschen zuwenden, gerade den Kleinsten, und die Stimmen derer hören, die sonst niemand hören will. Sie erwarten nichts und geben viel. Wenn wir Nächstenliebe praktizieren, sind wir synodal unterwegs. Diese Liebe muss allen gelten, nicht nur unseren Gleichgesinnten. Wir können Synodalität als eine grosse Einladung verstehen, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie wir gemeinsam eine Gesellschaft der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude fördern können. Es geht darum, dem Leid der Welt nicht noch mehr hinzuzufügen, sondern dazu beizutragen, dass Angst und Gewalt immer weniger unsere Zukunft bestimmen.

 Das Zuhören spielt eine wichtige Rolle. Wie gelingt es?

In der Logotherapie nach Viktor Frankl habe ich gelernt, Gespräche mit echtem Interesse für mein Gegenüber zu führen. Ich habe gelernt, meine Fragen so zu formulieren, dass ich nicht meine eigenen Vorstellungen, meine eigene Welt darin verpacke. Ich versuche, sie aus der Perspektive meines Gegenübers zu stellen und darauf zu achten, wo sein Herz ist und welche Werte ihn tragen, so als würde ich in seine Welt eintauchen. Dabei geht es um so etwas wie transformatives Zuhören. Ich lasse zu, dass mich das Gehörte selbst verändert. Ich nutze es nicht für eine strategische Wirkung, sondern lasse mich davon berühren. Das ist ein grosser Schritt, der jedem Prozess des gemeinsamen Unterscheidens und Entscheidens vorausgehen sollte.

Unter den Mitgliedern der Synodalen Taskforce ist auch die Schweizerin Helena Jeppesen-Spuhler.

 Wie kann der Papst seine Bischöfe optimal für eine synodale Kirche unterstützen?

Das Papstamt dient der Einheit. Einheit erfordert die Unterscheidung zwischen jenen Dingen, die überall gleich sein müssen, und jenen, die regional entschieden werden können. Innerhalb der katholischen Kirche gibt es eine grosse Vielfalt, zu der auch die 23 katholischen Ostkirchen gehören. Von ihnen können wir lernen, wie weit echte Vielfalt in der Einheit reicht und wie sie zum Ausdruck kommen kann, ohne die Einheit zu gefährden. In den katholischen Ostkirchen können zum Beispiel verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden. Wir sprechen aber meist so von der zölibatären Lebensform, als ob die katholische Kirche nichts anderes kennen würde. Dabei gibt es in der katholischen Kirche selbstverständlich verheiratete Priester. Auch die Bischofswahl ist der katholischen Kirche nicht fremd. In vielen katholischen Ostkirchen werden die Bischöfe von der Synode ihrer Kirche gewählt. All das ist katholisch. Papst Franziskus hat immer wieder daran erinnert, die katholischen Ostkirchen nicht als Anhängsel oder als Kirchen zweiter Klasse zu betrachten. Diese Aufmerksamkeit eröffnet Raum für den Austausch der Gaben. Die Kirchen können einander inspirieren, neue Wege zu wagen, ohne sich sofort gegenseitig die Katholizität abzusprechen. Die Weltkirche lernt gerade, denke ich, neu zu verstehen, was katholisch eigentlich bedeutet. Es geht nicht mehr um eine Liste von Regelungen, an der man sich und andere messen kann, sondern vor allem um die Frage, wie wir mit Vielfalt in Einheit umgehen. Auch darin ist uns Papst Franziskus mit gutem Beispiel vorangegangen.

 Inwiefern?

Er hat zum Beispiel das Abschlussdokument der Bischofssynode zum Teil des ordentlichen Lehramtes gemacht. Daran wird deutlich, dass sich selbst der Papst in diesem Prozess als Lernender verstand. Er hat übernommen, was aus einem der grössten Konsultationsprozesse der Menschheitsgeschichte hervorgegangen ist. Seit 2021 ist die ganze Weltkirche fragend und suchend unterwegs und fragt, was es bedeutet, im dritten Jahrtausend katholische Kirche zu sein. Der Papst hat sich das nicht allein in Rom ausgedacht. Er hat sich diesen Ergebnissen gefügt und mit seiner petrinischen Autorität ein Dokument angenommen, das in einem Prozess entstanden ist, der immer wieder bis an die Basis zurückgebunden war. Dieses Dokument lädt nun dazu ein, die bisherigen Erkenntnisse umzusetzen und zu prüfen, welche weiteren Erneuerungen notwendig sind, um dem missionarischen Auftrag gerecht zu werden.

 Welche Rolle spielt die Ökumene im synodalen Prozess?

Es gibt keine Synodalität ohne Ökumene. Auch Ökumene ist Beziehungsarbeit. In Rom waren Vertreterinnen und Vertreter der orthodoxen und protestantischen Kirchen mit uns dabei. Sie haben während vier Wochen mit uns an den runden Tischen gesessen und uns diese Zeit geschenkt. Dieses Engagement hat mich sehr beeindruckt. Im Austausch miteinander können wir viel darüber lernen, wie wir wahrgenommen werden und wie wir die Vision Christi von einem guten Leben in unserer Zeit gemeinsam und ganz konkret vor Ort gestalten können.

Europäisches Symposium zur Synodalität

Pastoraltheologin und Synodalitätsexpertin Klara Csiszar gehört zur Taskforce des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE). Unter dessen Schirmherrschaft fand vom 14. bis 17. September 2026 das Symposium «Synodalität in Europa gestalten» statt, das von der Katholischen Privat-Universität Linz organisiert wurde. Knapp 200 Teilnehmende aus mehr als 30 Ländern diskutierten im österreichischen Puchberg bei Wels über die Umsetzung der Weltsynode.

Das Symposium ist Teil der weltweiten Umsetzungsphase der Synode (2025–2028) und dient der Vorbereitung der Europäischen Kirchenversammlung im Frühjahr 2028. Das nächste europäische Symposium findet vom 25. bis 28. Oktober 2027 im belgischen Louvain statt.

Sie waren vor einiger Zeit am ersten Deutschschweizer Forum für Kirchenentwicklung in Zürich. Wie zeigt sich die Deutschschweiz bezüglich Synodalität im Vergleich mit ihren europäischen Nachbarn?

Dort habe ich das duale System kennengelernt: Getaufte verwalten demokratisch Finanzen und Personal mit. Bischöfe sind es gewohnt, mit gewählten Gremien verhandeln zu müssen. Das sind Erfahrungen, die auch für andere europäische Kirchen interessant sind. Die Herausforderung besteht darin, diese Strukturen auch geistlich zu verankern, sodass Mitbestimmung und Entscheidung auf geistlicher Ebene stattfinden. In Zürich habe ich immer wieder die Frage von Seelsorgenden gehört: «Wie können wir vermitteln, dass das seelsorgerlich wichtig ist?»

 Warum haben Sie in Ihrem Vortrag dazu motiviert, sich von überkommenen Strukturen zu verabschieden?

Wir erleben manchmal, dass Strukturen uns eher hindern als unterstützen. Das sind wichtige Hinweise darauf, wo Veränderungen notwendig sind. Strukturen lassen sich verändern. Unsere Kernbotschaft dürfen wir den Strukturen nicht opfern. Ich habe dazu eingeladen, gemeinsam zu schauen, welche Strukturen weiterentwickelt werden müssen und von welchen wir uns verabschieden sollten, immer mit Blick auf unsere Mission. Dabei sind aber auch unsere Grenzen wichtig. Angesichts dieser Grenzen lade ich immer dazu ein, kreative Lösungen zu finden, statt uns frustrieren zu lassen und statt des Geruchs einer frischen und lebendigen Kirche Bitterkeit in der Welt zu verbreiten. Wir dürfen uns die Freude an der guten Botschaft nicht nehmen lassen, dass in der Logik Gottes immer das Leben und die Liebe das letzte Wort haben.

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