Wer die neobarocke Villa, in der sich das ZAZ befindet, betritt, wähnt sich in einer Kirche: Zwei Rundbogen-Durchgänge, dazwischen gedämpftes Licht, führen in einen grösseren Raum. Hier wird die Besucherin mit ausrangierten kirchlichen Objekten konfrontiert: Die Statue einer Madonna mit Kind liegt in Luftpolsterfolie verpackt in einer Holzkiste. Die segnende Hand des Jesuskinds ragt gerade noch aus dem Plastik. Ehemalige Kirchenbänke stehen vor einem ausrangierten neogotischen Altar. Ein leerer Tabernakel mit offener Tür, ein aufgeklappter Feldaltar. So isoliert und ihres Kontexts beraubt, wirken die Gegenstände skurril. «Wir stellen sie aus, wie wir sie in Kellern und Abstellräumen von Kirchen vorgefunden haben», sagt Fabian Ruppanner, 36, Architekt und Architekturhistoriker. Er hat die Ausstellung «Out of Service?» zusammen mit Nora Hochuli kuratiert.
«Wenn eine Kirchgemeinde merkt, dass sie für den Unterhalt eines Gebäudes nicht mehr aufkommen kann, ist es oft schon zu spät», sagt Ruppanner. Und meint: zu spät für eine Umnutzung, die den Erhalt des Gebäudes ermöglichen würde. Hier setzt die Ausstellung an: Sie appelliert an Kirchen und Gesellschaft, Sakralbauten als kollektives Erbe zu verstehen. «Ihr Erhalt soll nicht nur in der Verantwortung der Kirchen alleine sein», so Ruppanner weiter. Denn wo Perspektiven fehlten, drohten Privatisierung oder kommerzielle Nutzungen.
«Sakralbauten waren immer schon einem Wandel unterworfen.»
«Sakralarchitektur war auch in ihrer liturgischen Funktion immer schon einem Wandel unterworfen», erklärt Ruppanner das Thema eines Raums, der mit «Haus Gottes» übertitelt ist. Verschiedene Beispiele erläutern diesen Wandel, darunter die Kathedrale St. Gallen. In diesem spätbarocken Bau aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden im Laufe der Zeit Altäre, Emporen oder Orgeln erneuert, erfährt man auf den Schautafeln, die wie Wandelaltäre angeordnet sind. «Nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde der Hochaltar plötzlich überflüssig», erläutert Ruppanner, der katholisch aufwuchs und heute konfessionslos ist. 1967 habe man in der Mitte des Kirchenschiffs einen provisorischen Altar gebaut, «weil man der Reform nicht ganz traute». Erst 2013 wurde dieser durch den heutigen Altar ersetzt.
Was in Kellern und Abstellräumen von Kirchen vorgefunden wurde, steht nun in der Ausstellung.
ZAZ, Michael Steinemann
Um die «Immobilie Kirche» geht es im nächsten Raum. «Mit dem Rückgang der Mitglieder schwinden auch die Finanzen der Kirchen», sagt Ruppanner. Gleichzeitig steige durch den Nutzungsdruck und die Verdichtung in den Städten der Bodenwert der Liegenschaften, die meist zentral gelegen seien, erfährt man aus dem einführenden Text an der Wand. Die Beispiele zeigen verschiedene Wege, die Sakralarchitektur zu erhalten. In Basel beispielsweise wurde 1986 die Münsterbauhütte als Stiftung gegründet zum Erhalt des Basler Münsters. Träger sind die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt, der Kanton Basel-Stadt und die Christoph Merian Stiftung.
«Grundstücke von Kirchen sind meist zentral gelegen.»
Um Leerstand und Dichte geht es in einem dritten Raum im Obergeschoss. Unter dem Druck zunehmender Verdichtung erhielten die oft zentral gelegenen Grundstücke von Kirchen eine neue Bedeutung. Zu fragen sei allerdings, welche Regeln und Interessen eine zukünftige Nutzung bestimmten. Das reformierte Kirchgemeindehaus Oekolampad in Basel wird auf den Schautafeln als positives Beispiel erwähnt.1931 inmitten eines wachsenden Quartiers gebaut, vereinte es Gottesdienst, Bildung, Kultur und soziale Angebote unter einem Dach. 2011 wurde das denkmalgeschützte Ensemble an die Wibrandis-Stiftung verkauft. Diese stellt das Gebäude heute gemeinnützigen Institutionen zur Verfügung. So konnte ein Quartierzentrum erhalten bleiben, als die Kirche dieses nicht mehr zu tragen vermochte.
Isoliert und ihres kirchlichen Kontexts beraubt wirken die kirchlichen Kunstobjekte skurril.
Sylvia Stam
In einem weiteren Raum lernen Besucher:innen konkrete Beispiele von Umnutzungen kennen. Von den etwa 6500 christlichen Kirchen in der Schweiz würden rund 250 neu genutzt, sagt Ruppanner. Die Recherche des Kurationsteams zeigt, dass neue Nutzungen von Sakralbauten Räume zwar neu beleben, aber gleichzeitig werden die vielschichtigen kirchlichen Nutzungen – liturgisch, kulturell, sozial – oft auf eine Funktion reduziert. So wurde etwa die Abtei Bellelay im Berner Jura nach der Übernahme durch den Kanton unter anderem als psychiatrische Klinik genutzt. Heute finden in der Abteikirche Ausstellungen statt, bei denen zeitgenössische Kunst mit der barocken Architektur in Dialog tritt.
«Darüber müssen wir reden. Und zwar jetzt!»
Die Ausstellung zeigt nicht nur die Komplexität des Themas Kirchenumnutzung, sondern auch dessen Dringlichkeit. Ruppanner verweist auf die Infotafel zum deutschen Manifest «Kirchen sind Gemeingüter». Darin fordern Vertreter und Vertreterinnen aus Baukultur, Denkmalpflege und Wissenschaft, eine neue Form der Trägerschaft für kirchliche Bauten zu finden. Der Zufall will es, dass das Manifest 2027 den Herbert Haag Preis erhält. Das ist ganz im Sinne von Ruppanner. Denn «wer darf mitreden, wenn es um Kirchenumnutzungen geht?», fragt er. «Darüber müssen wir reden. Und zwar jetzt!»
«Out of Service? – Schweizer Sakralarchitektur im Wandel»
Die Ausstellung beleuchtet den Wandel christlicher Sakralbauten aus liturgischer, ökonomischer und städtebaulicher Perspektive. Im Zentrum stehen die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte Kirche der Schweiz. Daten der Stadt Zürich zeigen die unterschiedlichen Ausgangslagen und Herausforderungen der beiden Landeskirchen. Fallbeispiele aus der ganzen Schweiz dokumentieren die Bandbreite möglicher Ansätze. Dokumentarfilme geben einen spezifischen Einblick in den Wandel des Klosters Ilanz. Ergänzt wird die Ausstellung durch zahlreiche kirchliche Kunstobjekte, die obsolet geworden sind.
Die Ausstellung dauert bis 7. Februar, ZAZ Bellerive, Höschgasse 3, Zürich.