Widmer & Binotto

Weshalb hören wir im Ausverkauf nicht auf unser Herz?

Die Ausverkaufsmasche funktioniert mit penetranter Zuverlässigkeit. Eigentlich will – und vor allem brauche – ich nur ein paar Socken. Dann hängt da aber noch dieses Hemd zum Superschnäppchenpreis: Vom halben Preis noch ein Viertel und beim Kauf von zwei weiteren Superschnäppchen sogar gratis. Schon landen in meinem Einkaufskorb drei Hemden. Eines finde ich für diesen Preis attraktiv. Eines ist okay. Eines potthässlich. Aber hey, das schrottige kostet mich nix. Und die Liebe kommt vielleicht noch.

Während ich meine Beute daheim in den Schrank hänge, dämmert mir: Hemden habe ich fürs Leben genug. Platz im Schrank und Kleiderbügel eher nicht. Der heisse Preis hat mir ein Bedürfnis vorgegaukelt, das gar nicht vorhanden war, von Notwendigkeit ganz zu schweigen. Schon wieder habe ich sinnlos viel Geld ausgegeben, weil ich damit noch viel mehr nicht vorhandenes Geld gespart habe.

Schon ist die Begeisterung für meine Schnäppchen verflogen, und ich trage weiterhin mein in die Jahre gekommenes Lieblingshemd. Einst für teures Geld zum Normalpreis erworben. Auf ewig verbunden mit der Erinnerung, wie ich mehrmals im Laden war und es nicht gekauft habe. Weil es so gar kein Schnäppchen war. Wie ich dann doch schwach wurde. Was für ein feierlicher Moment!

Noch süsser sind die Erinnerungen an all jene Dinge, die ich erdauern musste. Meine erste Musikanlage, für die ich als Schüler im Hallenbad zwei Wochen lang Plättli geputzt habe. Ich muss mehr auf mein Herz hören! Jene Dinge, und längst nicht nur materielle, die ich ersehnt und mit Anstrengung erreicht habe, machen einfach mehr Freude. Das Schlaraffenland dagegen ist ein Ort der unglücklichen Menschen mit Sinnkrisen. Weil die Torten dort umsonst daherfliegen und sich der Konsumwut nichts in den Weg stellt.

Am Ende kommen die Schnäppchenhemden  neuwertig in die Kleidersammlung. Und das Lieblingshemd wird getragen, bis es fadenscheinig und lümpelig ist. Ewigs Liibli!