Tragedia civile | 1975/2007, Jannis Kounellis, Blattvergoldete Wand, 400 × 625 cm, Garderobenständer aus Holz, Hut und Mantel, Öllampe, Kolumba Kunstmuseum des Erzbistums Köln
Lothar Schnepf, Kolumba, Köln / Werk: 2026, ProLitteris, Zurich
Menschen, die von sich glauben, dass sie gut leben, sind oft völlig perplex, wenn sie ein Unrecht oder eine Krankheit trifft: «Warum gibt es Leiden, ohne daran schuld zu sein?» Die Frage, aber auch die Empörung darüber, sind so alt wie die Menschheit. Dass es einem rechtschaffenen Menschen grundlos schlecht ergehen soll, steht gegen das natürliche Empfinden. Umgekehrt hatten die Menschen immer die Vorstellung, dass man für schlechte Taten irgendwann und irgendwie büssen muss. Ein destruktiver Lebensstil hat seine Folgen, auch wenn man nicht naiv glaubt, dass Gott straft.
Das biblische Buch Hiob befasst sich mit diesen Zusammenhängen, die uns seit jeher verstören. Es spielt in 42 Kapiteln verschiedene Erklärungsversuche für ungerechtes Leiden durch, spitzt Fragestellungen zu und gibt Antworten, wie sie einem selbst nicht in den Sinn kommen.
Hiob wird als reicher Patriarch des Orients vorgestellt, der rechtschaffen und fromm ist. Er bringt sogar nach jeder Party seiner Kinder vorsorglich Opfer zur Sündenvergebung dar. Seine Kinder könnten sich ja verfehlt haben. Doch da tritt der Widersacher vor Gott auf: Hiob sei nur gottesfürchtig, weil es ihm gut gehe. Wenn er leiden müsste, dann würde er den Glauben verlieren. Literarisch kunstvoll erzählt nun die kurze Novelle, die das Hiobsbuch eröffnet, wie der Satan mit Gottes Erlaubnis Hiob auf die Probe stellt. Feinde rauben und Naturgewalten zerstören ihm nicht nur Hab und Gut. Sie bringen auch all seine Kinder um. Dieser umfassende Verlust ist zur sprichwörtlichen Hiobsbotschaft geworden. Hiob aber antwortet darauf unbeirrt: «Nackt kam ich hervor aus dem Schoss meiner Mutter, nackt kehre ich dahin zurück. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gelobt sei der Name des Herrn.» Als Hiob das Schicksal am eigenen Leib erfährt und mit Krankheit und Schmerz geschlagen wird, rät ihm seine Frau, Gott zu verfluchen. Angesichts des Leidens Atheist zu werden, ist eine grosse Versuchung. Hiob aber antwortet seiner Frau gottergeben, das Schlechte wie das Gute gelte es anzunehmen. Es ist in der Tat seltsam, warum der Mensch oft erst im Leiden die Frage stellt, warum Gott es zulässt – das Gute aber annimmt, ohne zu fragen, woher es kommt.
Doch jetzt geht die Geschichte erst richtig los: Drei Freunde kommen, um Hiob zu trösten, setzen sich solidarisch zu ihm und schweigen mit ihm zusammen sieben Tage lang. Da beginnt er den Tag seiner Geburt zu verfluchen, verflucht seine Existenz. In aller Wucht schmettert Hiob sein Leid Gott entgegen. Diese Situation halten die Freunde nicht aus. Sie beginnen zu argumentieren: Hatte Hiob nicht doch heimlich falsch gelebt und Schuld auf sich geladen? Gott vergelte doch immer gerecht. Oder anders: Zwischendurch zu leiden, gehöre zum Leben. Wer im Leiden Busse tue, den würde Gott erhören. Und so weiter. Hiob aber will von alledem nichts wissen. Er besteht auf seine Unschuld. Seine Klage gipfelt im Hilferuf, Gott möge seinem Leiden ein Ende setzen. Er erleide Unrecht! Da taucht Elihu auf, ein weiterer Freund. Er ist über Hiob und seine Selbstgerechtigkeit, aber auch über die drei Freunde erzürnt, weil ihre Argumente nichts bringen. Er verteidigt Gott: Es gelte, nicht nach dem Warum zu fragen, danach, woher das Leid komme, sondern nach dem Wozu. Leiden sei eine Erziehungsmassnahme Gottes, um daran zu wachsen.
Nach langem Hin und Her redet schliesslich Gott selbst. Er spricht aus dem Wettersturm, den Naturgewalten heraus. Nicht dass er eine Antwort gäbe. Vielmehr führt er Hiob durch den Kosmos. Er fragt ihn unablässig, ob er dessen Geheimnisse verstehe, die Urgründe der Existenz: «Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Wer setzte ihre Masse? Bist du zu den Quellen der Meere gekommen? Kennst du die Wohnstatt des Lichts?» Gott zeigt sich dabei auch als Schöpferkraft, die mit den Chaosmächten spielerisch umgeht. Gott hält Hiob den Spiegel vor und fragt, ob er auf Grund seines individuellen Leidens wirklich die ganz Schöpfung verfluchen will. Nimmt er sein Leiden nicht zu wichtig und projiziert es auf die ganze Welt? Gott spricht gegen falsche Folgerungen, die aus dem Leiden gezogen werden, und gegen die Anklage anderer, die oft folgen. Hiob nimmt sich das Wort zu Herzen. Er bekennt, dass er unangemessen geurteilt hat. Er lässt sich belehren: «Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.» Für Hiob wird nun gerade das Leiden zu einem Ort, Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen.
Wichtig ist: Gott wendet sich nicht gegen Hiobs Empörung. Hiob soll und darf schreien und klagen. Gott gefällt weder Verstummen noch stoisches Ertragen. Ungerechtes Leiden ist eine Tatsache, auch wenn Gott und Hiob wissen, dass kein Mensch völlig unschuldig ist. Doch dies darf nicht ungerechtes Leid verdecken. Gott wendet sich am Ende des Buches vor allem gegen die Freunde Hiobs: Sie werden in den Senkel gestellt. Gegen sie entbrennt der Zorn. Gott kritisiert und belehrt sie, weil sie billigen Trost vermittelt haben. Gott zieht Aufschrei und Klage den Rationalisierungen der Freunde vor. Auch Hiobs Frau wird nicht getadelt. Und der Satan, der Hiob ins Leiden geführt hat, kommt am Ende der Erzählung überhaupt nicht mehr vor.
Die Erzählung nimmt schliesslich nochmals eine Wende. Gott stellt Hiob wieder her, allerdings nicht bedingungslos. Hiob wird wieder mit zehn Kindern gesegnet und mit noch mehr Wohlstand überhäuft. Er stirbt lebenssatt, so wie Abraham. Zuteil wird ihm dies, als er beginnt, für seine Freunde Fürbitte einzulegen. Obwohl sie sein Leiden durch falsche Tröstungen noch vergrössert haben – Vertröstungen und vor allem Beschuldigungen wie «Du bist an deinem Leid selbst schuld» verletzen nämlich immer – , wird Hiob von Gott aufgefordert, für sie zu beten. Das ist eine Grundbotschaft der Bibel: auch dem Gerechten bleibt Leiden nicht erspart, er soll aber auch darin ein Gerechter bleiben und nicht aufhören, anderen Gutes zu tun. Und