Julian Moser empfängt den Besuch in der Wohnung, in der er mit zwei ETH-Studierenden in Wohngemeinschaft lebt. Der 19-Jährige schliesst per Sprachsteuerung die Wohnungstüre, fährt mit seinem elektrischen Rollstuhl an den Tisch und erzählt: Schon immer habe er sich für die Rechte von Behinderten interessiert. Mit 16 schloss er sich dem Wahlkampfteam von Islam Alijaj an. Der heutige Nationalrat hat wie Julian Moser Zerebralparese und trat damals für den Zürcher Gemeinderat an. «Aufgrund meiner Behinderung wurde mir häufig weniger zugetraut. Islam hat mich ohne Vorurteile aufgenommen, mir etwas zugetraut und mich von Anfang an voll einbezogen.» Das war der Start für sein eigenes politisches Engagement. Inzwischen trat er auf dem Bundesplatz als Redner für die Inklusionsinitiative auf, beteiligte sich an politischen Projekten und engagiert sich bei der Koordinationsstelle Behindertenrechte des Kantons Zürich. Kein Wunder, dass er nun an die Behindertensession gewählt wurde. Hier beraten behinderte Menschen einen Tag lang im Nationalratssaal ihre politischen Anliegen. Bessere Bildungschancen, eine inklusive Arbeitswelt und Rahmenbedingungen, die Menschen mit Behinderungen ermöglichen, selbstbestimmt zu leben, sind Julian Mosers Forderungen.
Mit 14 Jahren entschied sich der langjährige Ministrant von St. Martin in Zürich-Fluntern, in ein Wohnheim mit Sonderschule zu ziehen. Er wollte seine Eltern von der Pflege entlasten und eine normale Eltern-Sohn-Beziehung ermöglichen. Später merkte er, dass die starren Strukturen des Heimalltags nicht zu dem Leben passten, das er führen wollte. Pflege, Mahlzeiten und andere Abläufe waren zeitlich stark vorgegeben, spontane Entscheidungen kaum möglich. Mit 17 Jahren beschloss er deshalb, künftig mit persönlicher Assistenz zu leben. Nach intensiver Planung zog er mit 18 Jahren in seine erste eigene Wohnung. Nach dem zehnten Schuljahr hätte ihm die IV eine Ausbildung finanziert – aber nur mit einem Pensum von mindestens 80 Prozent. Julian schlug 60 Prozent vor: Allein seine Therapien und Wege dorthin beanspruchen zehn Stunden pro Woche, hinzu kommen vier bis sechs Stunden für das Assistenzmanagement. Eine Ausbildung müsste zu seinem tatsächlichen Energiehaushalt und seinem aufwändigen Alltag passen, findet er. «Viele Probleme entstehen nicht durch mich als Person, sondern durch die Rahmenbedingungen und den Umgang anderer Menschen mit meiner Behinderung», ist er überzeugt.