Herr Heilig, durch Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen lösen Computer heute Aufgaben, die noch vor kurzem völlig unmöglich schienen.
Die Schnelligkeit der Entwicklung ist wirklich erstaunlich. Ich habe selbst ein ums andere Mal mit skeptischen Prognosen danebengelegen.
Es ist möglich, dass es in absehbarer Zeit eine KI geben wird, die Menschen in allen Bereichen überlegen ist. Schaffen wir uns da eine Art Gott?
Das ist auf jeden Fall das erklärte Ziel quasi der kompletten KI-Industrie. Noch gibt es keine sogenannte Allgemeine Künstliche Intelligenz (AGI), die menschliche kognitive Fähigkeiten in nahezu allen Bereichen nachbilden und flexibel auf neue Probleme reagieren kann. Der darauf folgende Schritt, eine uns in allen Bereichen überlegene Superintelligenz, ist dann noch spekulativer. Aber es gibt viele sehr reiche und mächtige Personen, die alles daran setzen, sie so schnell wie möglich zu verwirklichen. Und wenn man sich anhört, was diese Superintelligenz können soll, dann hat das ganz klar göttliche Züge.
Luise Aedtner/zvg
Christoph Heilig
ist evangelischer Theologe und erforscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München unter anderem das Verhältnis von Künstlicher Intelligenz und Religion. Als erster Theologe überhaupt wurde er dafür 2025 ins Junge Kolleg der Bayerischen Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Heilig ist Privatdozent an der Universität Basel.
Über welche göttlichen Eigenschaften sprechen wir da?
Die KI-Entwickler bedienen sich eines klassischen religiösen Vokabulars. Die Superintelligenz soll zum Beispiel allwissend sein. Sie könnte ihre Augen und Ohren überall haben, wo Kameras und Mikrofone sind. Und wenn wir uns mal die Smartphones in unseren Hosentaschen anschauen, müssen wir uns eingestehen, dass das schon jetzt praktisch überall wäre. Oder sie soll allmächtig sein, die Geschicke der Welt in einer Weise lenken können, wie kein Staat der Welt heute die Macht dazu hätte.
Aber würden all diese Eigenschaften die KI wirklich zu einem Gott machen oder bleibt sie letztlich nicht doch ein Geschöpf des Menschen?
Das kommt darauf an, was man unter dem Wort «Gott» versteht. Mit einem Urgrund der Welt, wie etwa im Christentum, hätte das natürlich wenig zu tun. Aus monotheistischer Sicht denkt man da schnell an Götzenkritik – ein Gott nach unserem Bilde. Aber in polytheistischen Traditionen gibt es eine Vielzahl von Göttern, die nicht als allmächtige Schöpfer verstanden wurden, sondern eher als mächtige Wesen mit spezifischen Zuständigkeiten. So könnte eine Superintelligenz, die etwa das Klima steuert, Kriege verhindert oder Wirtschaftskrisen löst, durchaus als eine Art moderne Gottheit angesehen werden.
Welchen Beitrag zur Debatte leistet für Sie die Enzyklika «Magnifica humanitas» von Papst Leo XIV.?
Der Text ist bemerkenswert, weil er ein tiefgreifendes Verständnis von Künstlicher Intelligenz und vor allem der von ihr zu erwartenden Herausforderungen für die Menschheit erkennen lässt. Besonders wichtig finde ich die Forderung des Papstes: Künstliche Intelligenz müsse entwaffnet werden. Wenn Künstliche Intelligenz ein Machtfaktor ist und nicht ein Menschheitsprojekt wie etwa die Gesundheit als übergreifendes Thema, dann sind wir geliefert.
Leider wurden der düstere Charakter des Schreibens und der grundlegende Appell, der dahintersteht, in meinen Augen von der Öffentlichkeit nicht angemessen wahrgenommen. Der öffentliche Diskurs ist noch nicht so weit, wie es der Papst in seiner Perspektive bereits ist.
Präsentation der Enzyklika von Papst Leo am 25. Mai 2026 im Vatikan: Christopher Olah, Mitgründer der KI-Firma Anthropic, spricht über die Notwendigkeit, dass externe Stimmen und moralische Instanzen die KI-Branche begleiten.
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Welche konkreten Konsequenzen ergeben sich daraus für die Kirchen im Moment?
Es genügt nicht, den Papst für seine weisen Worte zu loben, wie es allseits der Fall war, oder ihm zu bescheinigen, dass er sich gut mit Computern auskenne. Das Schreiben wird eigentlich nur dann angemessen gewürdigt, wenn jetzt ein Ruck durch die Kirchen geht und sie sich nicht nur Gedanken machen, sondern ganz konkrete Angebote entwickeln.
Gerade in den Bereichen, die der Papst als besonders verletzlich identifiziert hat – wie etwa Bildung, Arbeit, Familie –, müssen sie Räume schaffen, in denen auch in Zukunft menschliches Miteinander und die Entfaltung des menschlichen Individuums möglich sein werden.
Nehmen wir an, es entstünde eine KI-Gottheit. Würden wir eine solche dann anbeten?
Das ist schon möglich. Im Moment sehe ich in unserem Kulturkreis aber noch ein grundlegendes Hindernis für die religiöse Aufladung von KI-Technologie: Wir trennen sehr strikt zwischen beseelten Menschen und unbeseelten Objekten. Eine solche Trennung gibt es aber zum Beispiel im Buddhismus und Shintoismus nicht. In Japan trifft man daher schon lange auf Maschinen, die Segen spenden oder Gebete sprechen. Die spannende Frage ist, ob von diesem Weltbild etwas zu uns rüberschwappen wird.
Inwieweit könnte das bestehenden Religionen Konkurrenz machen?
Ich denke, mit den Reasoning-Modellen stehen wir heute schon kurz davor, dass KI ganz eigene theologische Entwürfe entwickelt. Reasoning-Modelle erkennen nicht nur Sprache und können darauf reagieren, sondern sie simulieren auch logische Denkprozesse. Und damit steht dann – lange vor einer etwaigen Superintelligenz – eine grosse Herausforderung für alle Religionen im Raum, da die Kohärenz ihrer Gedankengebäude aus dieser ganz neuen Richtung kritisch überprüft wird. Bei einer Superintelligenz wären religiöse Schlussfolgerungen für uns dann gar nicht mehr nachvollziehbar. Wir müssten ihr in existenziellen Fragen einfach vertrauen. Die Interaktion mit ihr wäre eine Sache des Glaubens.
Das ginge einher mit einem völligen Kontrollverlust für uns Menschen. Warum ist das aus der Sicht der Entwickler trotzdem erstrebenswert?
Schon eine AGI würde uns in eine Sinnkrise stürzen, weil wir praktisch keine Aufgaben mehr hätten. Die Idee einer den Menschen wohlgesinnten Superintelligenz hat da für manche etwas Tröstliches. Doch es stimmt, in letzter Konsequenz wäre sie unkontrollierbar und könnte uns auch auslöschen, wenn sie uns für wertlos hält.
Klingt nach keinem guten Deal.
Das finde ich auch. Der Diskurs in der KI-Entwicklung zu Themen wie Bewusstsein und Ethik hat sich in den letzten Jahrzehnten leider auf beängstigende Weise von den diesbezüglichen philosophischen Diskussionen entfernt. Viele der Entscheider in dieser Branche sind tief geprägt von der Idee des Transhumanismus.
Was bedeutet das?
Transhumanismus ist die Idee, dass die Verschmelzung von Mensch und Maschine zu neuen Stufen der evolutionären Entwicklung des Menschen vordringen kann und sollte. Für eine Superintelligenz würde das konkret bedeuten, dass sie uns, angelehnt an die ureigenste Idee des Christentums, die persönliche Errettung ermöglichen soll: Unsterblichkeit durch Hochladen in die Cloud. Solche digitalen Geistwesen, die in unvorstellbar grosser Zahl glückselig in den Weiten des Universums existieren, sind in der Sicht mancher KI-Entwickler eine erstrebenswerte Weiterentwicklung der heutigen Menschen.
KI-generierte Darstellung: KI als «verbotene Frucht», von der der Mensch eigentlich nicht essen sollte?
KI-generiert mit Firefly
Das klingt nun wirklich nach wilden Zukunftsvisionen.
Sicherlich, aber wir sprechen hier von Zeithorizonten, die erschreckend kurz sind. Der CEO von OpenAI, Sam Altman, rechnet mit der Entwicklung einer Allgemeinen KI in naher Zukunft und hält es für wahrscheinlich, dass wir innerhalb von zehn Jahren zur Superintelligenz gelangen. Was das angeht, bin ich zwar sehr skeptisch, aber man muss zugeben, dass die rasante Entwicklung der letzten Jahre ja auch kaum jemand vorhergesehen hat.
Spüren wir diese Ideologie heute schon irgendwo?
Diese Leute versuchen massiv, die Prioritätensetzung der Politik zu beeinflussen. Was wir mit Elon Musk in den USA erlebt haben, ist nur die Spitze des Eisbergs. Sie argumentieren, dass es ethisch vorzuziehen sei, einen Dollar in KI-Forschung zu stecken, statt ihn zum Beispiel in Malariaforschung oder die Bekämpfung des Klimawandels zu investieren. Denn eine Superintelligenz könnte viel mehr glückliche Geistwesen erschaffen, als es Menschen gibt.
Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass das Leben aller, die momentan diese Erde bevölkern, weniger wert ist als jeder noch so kleine Fortschritt in der KI-Entwicklung?
Ganz genau. Und das muss dringend in die Köpfe der Menschen. Wollen wir uns von Personen und Firmen abhängig machen, die sagen: Die Menschen, die heute leben, müssen uns egal sein? Gerade die Kirchen müssen aus meiner Sicht laut gegen dieses Denken Stellung beziehen, weil bei uns der unhintergehbare Wert des Einzelnen so sehr im Mittelpunkt steht.
Bliebe angesichts einer solchen Entwicklung denn überhaupt noch Platz für Religion und Glauben im Leben der Menschen?
Es gibt mindestens ebenso viele gute Gründe, an der Machbarkeit einer Superintelligenz zu zweifeln, wie von dieser auszugehen. Und dem Gedankenexperiment einer Superintelligenz darf man auch entgegenstellen, dass es vielleicht eben doch einen Schöpfergott gibt und dass ethisches Verhalten mehr ist als Glücksmaximierung. Da darf die Theologie durchaus selbstbewusst auftreten, finde ich.
Das Christentum hat also eine Chance?
Das Menschliche könnte gerade durch die Dominanz des Technischen in unserem Alltag wieder an Wert gewinnen. Darin liegt eine Chance für das Christentum. Ich bin mir sicher: Die meisten von uns haben nicht das Gefühl, dass sie kurz vor dem Upload in die Cloud stehen, und wollen das auch gar nicht. Eine Religion für Unperfekte wäre da doch eine attraktive Alternative.
Dieses Interview ist zuerst im evangelischen Magazin Chrismon erschienen; aktualisiert im September 2026.
KI reflektieren und diskutieren
— Enzyklika Magnifica humanitas
Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der KI.
Papst Leo XIV., Herder 2026.
www.herder.de
— Ghost in the machine – kirchliche Verantwortung und Gestaltungschancen im Zeitalter der KI
Dienstag, 20. Oktober 2026
9.30 bis 17.00 Uhr
Paulus Akademie Zürich
Pfingstweidstrasse 28,
8005 Zürich
www.paulusakademie.ch
— Reden wir darüber! – KI als Gesprächspartnerin in Psychotherapie und Spiritual Care
Donnerstag, 19. November 2026
19.00 bis 20.30 Uhr
aki Hochschulgemeinde Zürich
Hirschengraben 86,
8001 Zürich
www.aki-zh.ch