Manuel Buchmann ist promovierter Ökonom. Als Lehrbeauftragter der Universität Basel und Projektleiter im unabhängigen Kompetenzzentrum Demografik berät er öffentliche und private Organisationen.
Christoph Wider
Zwei Meldungen prägen derzeit die Berichterstattung über den Arbeitsmarkt, und sie scheinen sich zu widersprechen. Die eine: Der Fachkräftemangel spitzt sich zu. Die andere: Die Arbeitslosigkeit steigt, und besonders junge Hochschulabsolventinnen und -absolventen finden nur schwer eine erste Stelle. Beides stimmt. Der Widerspruch löst sich auf, sobald man den Arbeitsmarkt nicht als Ganzes betrachtet, sondern als Summe sehr unterschiedlicher Teilmärkte.
Automatisierung und künstliche Intelligenz treffen diese Teilmärkte höchst ungleich. Betroffen von Veränderungen sind zuerst Tätigkeiten, die sich digital abbilden lassen: Sachbearbeitung, Textproduktion, Standardanalysen, Programmierarbeit. Für die Schweiz liegen dazu Zahlen vor. Eine Studie zeigt: Seit ChatGPT eingeführt wurde, steigt die Zahl der Stellensuchenden stärker in jenen Berufen, die stark mit KI zu tun haben.
Gleichzeitig gingen dort die Stellenausschreibungen markant zurück. Bis Ende 2022 war das noch anders, die beiden Kurven verliefen parallel. Bemerkenswert ist der Unterschied zur bisherigen Digitalisierung: Frühere Technologiewellen trafen Routinearbeit, diese trifft Wissensberufe mit hohen Qualifikationsanforderungen.
Es sind Bürotätigkeiten, und genau dort hat die Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten Beschäftigung aufgebaut. KI verdrängt Arbeitskräfte ausgerechnet dort, wo wir ohnehin viele haben, und trifft zuerst jene, die noch keine Erfahrung vorweisen können.
Die grossen Mangelberufe liegen anderswo. Es fehlt an Elektro-, Sanitär-, Bau- und Heizungsfachleuten, an Pflegefachpersonen, an Küchen- und Fahrpersonal. Berufe also, die an physischer Präsenz hängen, an Händen, an unvorhersehbaren Situationen. Ein Sprachmodell kann eine Offerte schreiben, die Wärmepumpe installiert weiterhin ein Mensch. Hier wirkt KI vorderhand punktuell: bei Planung, Administration, Diagnose. Das erhöht die Produktivität einzelner Fachkräfte, ersetzt sie aber nicht.
Irgendwann wird sich das ändern. Die Robotik entwickelt sich, und was heute unmöglich scheint, kann in zwanzig Jahren Alltag sein. Entscheidend ist jedoch: Was ist mit der Zeit dazwischen? Denn genau in diesem Fenster fällt die demografische Lücke am stärksten ins Gewicht.
Die geburtenstarken Jahrgänge gehen jetzt in Pension. Es sind jene, die selbstverständlich eine Berufslehre absolviert haben. Sie nehmen Erfahrung mit, die nirgends dokumentiert ist, sondern über Jahrzehnte erworben wurde. Gleichzeitig entscheiden sich immer weniger Junge für eine Lehre, und noch einmal weniger für eine handwerkliche. Damit lenken wir den Nachwuchs ausgerechnet in jene Berufe, die unter Automatisierungsdruck stehen, und finden keinen für jene, in denen die Lücken aufgehen.
Hier werden Demografie und Fachkräftemangel am direktesten spürbar. Nicht als Statistik, sondern als Wartezeit von Monaten auf einen Handwerkstermin. Als betreuungsbedürftige Person, die einen Platz im Pflegeheim bräuchte, wo allerdings Betten gesperrt werden. Als Baustelle, die stillsteht, nicht weil Geld fehlt, sondern weil niemand da ist, der die Arbeit machen kann.
Diese Kolumnenreihe begann bei acht Milliarden Menschen und endet bei der Frage, wer die Wärmepumpe installiert. Dazwischen lagen Geburtenraten und Umwandlungssätze. Zahlen, die weit weg wirken, bis sie im Alltag ankommen. Demografie ist am Ende keine Statistik. Sie ist die Frage, wer morgen die Arbeit macht, die wir heute selbstverständlich finden.