Sechs Quadratmeter zum Zuhören

Manchmal braucht es nicht viel: sechs Quadratmeter, zwei Stühle und vor allem Zeit für ein Gespräch. Seit dem Start im Oktober 2025 fanden im Zuhörwagen über 100 persönliche Begegnungen statt.

Die Gründerinnen Antje und Caren Waterholter vor dem Zuhörwagen.

In der Mitte des Wagens stehen eine Bank und ein Sessel. In der linken Ecke stehen ein kleiner Bücherschrank und ein Möbelstück mit einer Box voller Guetzli. In der anderen Ecke wartet ein kleiner Ofen, der in den Wintermonaten für Wärme sorgt. An den Wänden hängen Flyer und Broschüren von Organisationen, die psychologische oder soziale Unterstützung anbieten. Doch das Wichtigste im «Zuhörwagen» sind die beiden Frauen, die ihn ins Leben gerufen haben, auf eigene Kosten bauen und einrichten liessen und ihn von einem Ort zum nächsten transportieren: Antje und Caren Waterholter. 

Mutter und Tochter – 62 und 28 Jahre alt – gründeten dafür den Verein «Erzähl doch mal». Antje, eine Architektin aus Norddeutschland, beschäftigt sich seit jeher mit psychologischen Themen. Sie ist als Psychosozialberaterin, Seelsorgerin und Gestalttherapeutin tätig. Caren ist Kommunikationsfachfrau. Sie kümmert sich um das Marketing, übernimmt die administrativen Aufgaben und unterstützt ihre Mutter mit viel Freude bei diesem besonderen «Baby». Sie pflegt den Kontakt mit den Freiwilligen und den Verantwortlichen an den jeweiligen Standorten und sorgt dafür, dass im Hintergrund alles läuft.

«Unser Angebot ist konfessionsübergreifend», sagt Caren Waterholter. Für ihre Einsätze arbeiten Antje und Caren mit rund 12 verschiedenen Organisationen zusammen, wie der Stadt Winterthur. Dazu gehören auch kirchliche Partner. Kirchgemeinden unterstützen ihre Arbeit, indem sie ihnen einen Standplatz zur Verfügung stellen. Für den Verein ist es wichtig, über einen privaten Standort zu verfügen, da sie für die Nutzung des öffentlichen Raums eine Bewilligung der Gemeinde benötigen. Ebenso haben sie sich für einen Innovationskredit der Reformierten Kirche beworben und diesen erhalten. Die finanzielle Unterstützung sei jedoch keineswegs mit einer festen Bindung an die Kirche verbunden, betont Waterholter.

Am Zuhörwagen sind alle willkommen. Die Besucherinnen und Besucher sind ganz unterschiedlich: Frauen und Männer im Alter von etwa 18 bis 80 Jahren. Wo er gerade steht – derzeit neben der Integrierten Psychiatrie Winterthur – ipw, Klinik Schlosstal – kommen beispielsweise Angehörige von Patientinnen und Patienten, Mitarbeitende, aber auch Spaziergängerinnen und Spaziergänger. Die Gespräche entstehen spontan und ohne Anmeldung. 

Doch was unterscheidet diese Gespräche von den bereits bestehenden Angeboten? «Es wird überhaupt nichts bewertet, und man muss nicht erst auf einen Termin warten», erklärt Caren Waterholter. Für sie ist der Zuhörwagen ein niederschwelliges und kostenloses Gesprächsangebot. Sie und ihre Mutter sind dabei nicht allein: Ein Team von vier bis sechs freiwillig Engagierten unterstützt sie beim Einsatz im Zuhörwagen. Gemeinsam hören sie zu – ohne zu bewerten und ohne vorschnelle Ratschläge zu geben. Bei Bedarf verweisen sie auf passende Anlaufstellen, etwa Selbsthilfegruppen, Angebote für Kinder und Jugendliche oder kirchliche Unterstützungsangebote.

«Das Vertrauen entsteht oft erstaunlich schnell.»

Die Freiwilligen sind keine ausgebildeten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Es sind Frauen und Männer unterschiedlichen Alters und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Was sie verbindet, ist der Wunsch, ihre eigene Art des Zuhörens weiterzuentwickeln und für andere Menschen da zu sein. Da manche Gespräche auch belastend sein können, werden diese Erfahrungen professionell begleitet: Eine Supervisorin steht dem Team zur Seite und bietet bei Bedarf entsprechende Interventionen an.

Das Vertrauen entsteht oft erstaunlich schnell. «Nach anderthalb Stunden oder manchmal auch längerem Gespräch merke man, dass es der Person einfach gutgetan hat», erzählt Antje Waterholter. «Es wird durchgeatmet.» Sie beobachtet, wie sich die Körperhaltung verändert und die Anspannung nachlässt: Die Menschen werden sichtbar lockerer. Es sei ein Bedürfnis vieler Menschen, die sich einsam oder überfordert fühlen, sich jemandem anzuvertrauen. Sie erzählen, was sie gerade besonders beschäftigt – oft geht es um das Berufs- und Familienleben, aber auch um Trauer oder Krankheit.

«Der Zuhörwagen fährt dorthin, wo Menschen ein offenes Ohr brauchen.»

Mit dem Zuhörwagen erfüllt sich für Antje Waterholter ein persönlicher Traum. Sie strahlt, wenn sie davon erzählt. Dafür hat sie auch ihre Tochter «mit ins Boot geholt». Aus ihrem persönlichen Projekt ist inzwischen ein gemeinsamer Traum geworden – und einer, der weiterfahren soll. Für die Zukunft sind die beiden offen für weitere Standorte in der Stadt, aber auch für Einsätze an anderen Orten in der Schweiz. Denn der Zuhörwagen ist nicht fest verankert. Er kann dorthin fahren, wo Menschen ein offenes Ohr brauchen.

Der Zuhörwagen ist ein mobiler, sicherer und barrierefreier Ort, an dem jeder Mensch willkommen ist, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Religion oder anderen Unterschieden. Er wechselt alle drei Monate seinen Standort innerhalb Winterthurs – Standorte anderswo sind nicht ausgeschlossen. Wo der Wagen gerade steht, die Öffnungszeiten und weitere Informationen finden sich hier.