Musik erfüllt den Raum. Um die Mitte mit einem leuchtend gelb-roten Blumenstrauss und Kerzen bewegen sich Frauen im Pfarreisaal von St. Marien in Langnau-Gattikon mit einfachen, fliessenden Tanzschritten und Gebärden. Mit klaren Gesten und ruhigen Worten zeigt Brigitta Biberstein die Schritte und Bewegungen vor und verbindet sie mit den Lebenswegen der Anwesenden: «Zwei Schritte vor und einer zurück: zeitweise geht es rassig, aber dann müssen wir auch mal innehalten und ab- und zu einen Schritt zurück gehen, um klarer zu sehen.» Manchmal führt ein kurzer, meditativer Text in den nächsten, ruhigen Tanz, dann wiederum geht es mit Rhythmus und Musik in ein fernes Land, was den Kreislauf in Schwung bringt und Glückshormone verströmen lässt.
«Tanzen war schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens.»
Schon jung hat Brigitta Biberstein Ballett, Ausdrucks- und Paartanz-Kurse besucht. Denn Tanzen sei schon immer ein wichtiger Teil ihres Lebens gewesen. Als Ende der 80-er Jahre die «Sacred Dance»-Bewegung, ursprünglich aus Schottland stammend, über Deutschland und die Niederlande bis in die Schweiz kam, liess sich Brigitta Biberstein zur Tanzleiterin für sakralen und meditativen Tanz ausbilden und gab anschliessend ihre Begeisterung an andere weiter: Sie führte im Katholischen Frauenbund Zürich das «Meditative Tanzen» ein, was über 30 Jahren lang zum regulären 14-tägigen Kursangebot wurde. Mit zwei weiteren Tanzlehrerinnen erarbeitete sie das Konzept der dreijährigen berufsbegleitenden Ausbildung zur TanzleiterIn «Tanz-Gebärde-Gebet TGG». Mit dem Katholischen Frauenbund Zürich und je einem Bildungshaus führte sie dieses Seminar zwischen 1995 und 2014 zehnmal durch. Katechetinnen, Theologinnen, Pfarrer und Ordensleute wurden ausgebildet. Einer ihrer Schüler, der Kapuziner-Bruder Paul Mathis, hat im Kloster Rapperswil die bis heute einmal im Monat stattfindenden Tanzgottesdienste initiiert und bis zu seinem Wechsel nach Luzern mit einem Team auch durchgeführt.
Beatrix Ledergerber-Baumer
Mit dem «Beten mit Tanz und Gebärden» verband sich für Brigitta Biberstein die Freude am Tanzen mit ihrem Engagement in der Kirche, das beträchtlich ist: Religionsunterricht, Frauenverein-Vorstand, Synodalin, Pfarreirätin, Seelsorgemitarbeiterin für Familienpastoral und Liturgiegruppe. Am Katholischen Frauenbund Zürich bot sie Kurse zu religiöser Vorschul-Erziehung für junge Eltern an, führte für die Zürcher Kantonalkirche eine Beratungsstelle für Familienpastoral in Pfarreien und beteiligte sich an der Erstellung von Kursmaterialien «Mit Kindern leben, glauben, hoffen». Zum Thema «Mit Kindern Feste feiern» konnte sie da «die ersten Tänze reinbuttern», lacht sie rückblickend. «Etwas Freude und Frohsinn kann der Kirche nur gut tun», habe sie bei sich gedacht.
Brigitta Biberstein
Wichtig war ihr, neben der Animation für pfarreiliche meditative Kreistanzgruppen immer auch, Gemeindegottesdienste mit bewegtem Gebet durchzuführen: «Besuchende des Gottesdienstes sollen erleben, dass mit Tanz und Gebärden, in Gemeinschaft und um den Altar, Beten mit Leib und Seele zur Ehre Gottes ist und Freude macht.» Seit einiger Zeit ist die heute 81-jährige nun daran, das Weiterführen des sakralen Tanzes in andere Hände zu geben. Auch die 25 Tanz-Gewänder, damals mit Frauen aus einem Tanzkreis selber genäht, hat sie für Gottesdienste weiter verschenkt. Warum ihr das Tanzen so viel bedeutet? «Im Tanzen bin ich ganz bei mir, ich freue mich mit Leib und Seele, tauche ein in die Stille und den Weg, bin dankbar für die Gemeinschaft und komme in Verbindung mit göttlicher Liebe, Kraft und Stärke, auf die ich jeden Tag neu vertraue.»
Beatrix Ledergerber-Baumer
Am 4. Oktober findet in St. Marien Langnau-Gattikon nach 30 Jahren der letzter Getanzte Gemeindegottesdienst mit Brigitta Biberstein statt. Sie wird jedoch in den zwei Pfarreien St. Marien in Langnau-Gattikon und in Heilig Geist in Zürich Höngg weiterhin einmal monatlich den Meditativen Kreistanz anbieten: «Solange, wie mindestens sechs bis acht Leute kommen, damit wir einen Kreis um die verbindende Mitte bilden können.»