Hand an einer Ferse | 2025, Roy Mordechay, Entwurf für das Nordquerhausfenster im Kölner Dom
Visualisierung: Oleh Fedorov
Die Angst, zu kurz zu kommen, prägt von Kindheit an. Neid und Rivalität, später Konkurrenz und Wettstreit begleiten uns zeitlebens. Dabei verstricken wir uns unwillkürlich: Mein Begehren wird angestachelt, wenn ich sehe, was andere haben. Viele wollen es auch, das neueste Smart-phone, die Ferienwoche auf den Malediven oder die neue Wohnungseinrichtung. Wenn es andere glücklich macht, dann muss es auch mich befriedigen, das ist die Logik. Der Mensch begehrt etwas nicht, weil er dieses Etwas will, sondern weil dieses Etwas von andern begehrt wird. Allzu oft artet Rivalität in Kampf aus, der tödlich enden kann. So führt es die Bibel archetypisch vor Augen, wenn sie in ihrem ersten Buch, der Genesis, unmittelbar nach der Vertreibung aus dem Paradies vom Brüderpaar Kain und Abel erzählt.
Unter den Kindern Abrahams sollte es anders sein. Gott hat sie zu einem anderen Umgang miteinander berufen und sorgt für sie. Im letzten Gebot des Dekalogs, des Zehn-Worts, gebietet er: «Du sollst nicht begehren …» Doch auch sie verstricken sich in die Dynamik des Begehrens. Exemplarisch wird dies bei Jakob und Esau geschildert: Zwillingsbrüder, da spitzt sich die Konstellation noch zu! Esau, der Erstgeborene, von seinem Vater Isaak geliebt, rötlich die Haut, bedeckt wie mit einem Haar-Mantel, ist impulsiv und vital, ein guter Jäger, der im Augenblick lebt, wo sein Hunger gestillt sein will. Jakob, der als Zweiter den Mutterschoss verliess, hielt dabei seinen Bruder an der Ferse. Er ist der Liebling seiner Mutter Rebekka, lebt bei ihr im Zelt, ist schüchtern, aber auch klüger. Hinterlistig nutzt er Esaus Schwäche aus. Er gibt ihm nur zu essen, wenn dieser ihm zuerst sein Erstgeburtsrecht überträgt, also die Privilegien, die ihm als ältestem Sohn zustehen. Im Heisshunger gibt Esau nach. Im Hier und Jetzt will er sein Begehren gestillt haben.
Damit nicht genug. Als der alte, erblindete Vater Isaak vor seinem Tod Esau zur Jagd schickt, Wild zu erlegen, um ihm danach beim Mahl den väterlichen Segen zu schenken, durchkreuzt Mutter Rebekka seine Pläne. Sie stachelt den jüngeren Jakob an, sich zu verkleiden, dem blinden Vater an Stelle von Esau ein Mahl zu bereiten und so den Segen, der für seinen Bruder bestimmt war, zu erschleichen. Jakob lässt sich überreden, schlüpft in die Rolle Esaus, bringt dem Vater das Gericht und lässt sich segnen. Die List gelingt. Esau kommt erst danach von der Jagd nach Hause. Die Bibel schildert, wie Isaak äusserst erregt und verbittert reagiert, als er realisiert, wie seine Blindheit ausgenutzt wurde. Esau wiederum gerät so in Rage, dass er Jakob umbringen will. Es geht um das Erbe! Rebekka, die Intrigantin, kann Jakob nur in Sicherheit bringen, indem sie ihn sofort von zu Hause wegschickt.
Dramatischere und zerrüttetere Familienverhältnisse lassen sich kaum vorstellen. Geht die Bibel von einem tragisch-unlösbaren Konflikt aus? Auf alle Fälle berichtet sie, bereits während der Schwangerschaft der beiden hätte Rebekka das Gotteswort gehört: «Zwei Nationen sind in deinem Leib, und zwei Volksstämme stossen sich aneinander; und ein Volksstamm wird stärker sein als der andere, und der Grosse wird dem Jüngeren dienen.» So scheint die Erzählung auch weiterzugehen. Auf der Flucht vor Esau legt sich Jakob auf offenem Feld zum Schlaf nieder. Ganz unverhofft öffnet sich ihm im Traum der Himmel: Engel steigen auf und nieder; von Gott selbst wird ihm Schutz und Segen zugesprochen. Doch in den folgenden Jahren, in denen er bei seinem Onkel Laban lebt, wird auch er Opfer von Rivalität und Betrug. Vor allem wird ihm Lea als Frau untergejubelt – die «mit dem matten Blick», obwohl er die hübsche Rahel begehrt. Weitere Jahre muss er hart arbeiten, bis er auch Rahel zur Frau erhält.
Die Jahre vergehen. Jakob wird ein reicher Patriarch, zwölf Söhne und eine Tochter, Dina, sind ihm geschenkt. Doch der Streit mit Esau? Ist Versöhnung möglich? Kann die Zerrüttung überwunden werden? Jakob will es versuchen und bricht auf. Abermals schildert die Bibel detailreich. Vor der persönlichen Begegnung schickt Jakob seinen Reichtum als Geschenk seinem Bruder. Auf dem Weg wird er wieder nachts überrascht. Dieses Mal im schwarzen Wasser, als er eine Furt des Flusses Jabbok durchquert. Er muss kämpfen, mit einer dunkeln Macht, die zuschlägt, die ihm ans Leben will. Im Todeskampf ringt er der Macht aber wiederum Segen ab. Verletzt und hinkend geht er im Morgengrauen aus dem Kampf hervor. Als er tags darauf Esau begegnet, fallen sie sich in die Arme und weinen. Auch Esau ist in den Jahren wohlhabend geworden. Esau schlägt vor, nun gemeinsam in Frieden zu leben. Jakob ist realistischer. Auch wenn sie sich verziehen haben, die schwierige Geschichte bleibt. In Frieden geht jeder seinen Weg. Kein neuer Neid soll aufkommen.
Wie war diese Versöhnung nach so vielen Jahren möglich? Die Tatsache, dass auch Esau zu Wohlstand gekommen ist, und dies ohne väterlich-göttlichen Segen, hat die Geschichte sicher erleichtert. Vor allem aber war der geheimnisvolle Kampf Jakobs im Jabbok entscheidend. Er wurde angegriffen; er musste allein mit seinem eigenen Schatten, mit «Esau in sich», mit seiner Hinterlistigkeit, seinem Neid als Zweitgeborener, seinem Begehren und mit Gott auf Leben und Tod ringen. Der Angreifer sagte ihm: «Nicht mehr Jakob – Fersenhalter – wird man dich nennen, sondern Israel – Gottesstreiter – , denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen.» Jakob ist zu Israel geworden. Innerlich frei war er bereit, den Reichtum aus dem erschlichenen Segen Esau anzubieten, auch wenn Gottes Segen ihm weiterhin gilt.
So schicksalhaft die Rivalität bereits im Mutterleib über die ungleichen Zwillingsbrüder ausgesprochen war – die Bibel ist kein tragisches Buch. Die Brüder haben sich ihrer Geschichte gestellt. Dramatisch ist das Ringen um Versöhnung. Es braucht Mut und lässt nicht unverletzt.