«Die Seele eines Menschen hat höchste Priorität», sagt Vater Yordan, wie die Gemeinde ihren Priester nennt. «Wenn jemand ruft, gehe ich.» Natürlich sei das Familienleben dadurch beeinträchtigt, aber eine Familie zu haben, sei mehr Unterstützung als Hindernis. «Als Gemeindepfarrer ist zudem die Akzeptanz grösser.» Er schickt aber gerne seine Gläubigen zum Seelsorge-Gespräch mit Mönchen, deren Weisheit er bewundert. Orthodoxe Priester arbeiten in der Schweiz ehrenamtlich. Die Gemeinden sind als Vereine organisiert. Bei genügend zahlenden Mitgliedern ergibt sich ein kleiner Lohn. Pashevs bulgarisch-orthodoxe Gemeinde ist klein, er trägt jeden Tag über Mittag Pizza aus, um etwas zu verdienen. «Ich mache das gern. Es hilft mir, den Kopf zu ‹verlüften›.»
Seit 10 Jahren lebt Pashev in der Schweiz. Wenn orthodoxe Gläubige in einem Zürcher Spital Seelsorge wünschten, haben sie ihren Priester angerufen – sofern sie Teil einer orthodoxen Gemeinde waren. In Notfällen sei es aber oft nicht möglich gewesen, zu reagieren, wenn man gerade in einer Liturgie oder bei einer Taufe war. Seit dem 1. Mai ist Pashev zu 30 Prozent als Spitalseelsorger angestellt. Nun wird er direkt vom Spital aus angerufen. Wenn er selber nicht frei ist, hat er eine Liste von orthodoxen Seelsorgern, die er aufbieten kann. «Wir sind überrascht, das Interesse ist gross. Die 30 Prozent sind mehr als ausgefüllt.»
Eigentlich wollte Pashev Mönch in einem abgelegenen Kloster werden. Oder Ikonen-Schreiber, wie man das Malen von Ikonen nennt. Den Glauben bekam er durch seine Oma und die Kirchenmalerei, mit der er als Kunststudent in Kontakt kam. Im kommunistischen Bulgarien hatten Gläubige Nachteile in Beruf und Ausbildung, wenn nicht Gefängnis zu befürchten. Er war heimlich an einem abgelegenen Ort getauft worden, Gottesdienste zu besuchen, lag nicht drin. Dank einem Kunst-Wettbewerb bekam er den Auftrag, eine Kapelle in Eichstätt (D) zu bemalen, wo er seine Frau kennen lernte. In Bulgarien hatte er nach dem Kunststudium orthodoxe Theologie studiert, in Eichstätt einige Semester katholische und in Basel auch reformierte Theologie – die Ökumene liegt ihm im Blut. Nach seiner Heirat wurde er zum Priester geweiht. «Entweder wird man zölibatärer Priester und bleibt das auch. Oder man heiratet und wird anschliessend geweiht», erklärt Pashev. Sein Handy vibriert: «Ich werde zur Salbung eines Neugeborenen gerufen!»